• vom 01.02.2018, 17:06 Uhr

Gesellschaft

Update: 02.02.2018, 12:49 Uhr

Hamburgkonzept

Flüchtlinge als "Hoffnungsschimmer"




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Von Ina Weber

  • Ein Projekt in Hamburg zeigt, wie die Wirtschaft durch die Integration von Flüchtlingen am Arbeitsmarkt profitiert.

Das Jugendcollege der Stadt Wien umfasst Basis- und Deutschmodule. - © FSW

Das Jugendcollege der Stadt Wien umfasst Basis- und Deutschmodule. © FSW



Projektleiterin Beate Spyrou im Interview über das Best-Practice-Modell Hamburg.

Projektleiterin Beate Spyrou im Interview über das Best-Practice-Modell Hamburg.© FSW/Katja Horninger Projektleiterin Beate Spyrou im Interview über das Best-Practice-Modell Hamburg.© FSW/Katja Horninger

Wien/Hamburg. Beate Spyrou freut sich über ihren ersten Wien-Besuch, und sie hat einiges im Gepäck: Das Hamburger Integrationskonzept, den Bericht zum Anerkennungsgesetz 2017 und vor allem ihren Vortrag über ein Netzwerk, das vor zwölf Jahren entwickelt wurde und Flüchtlinge fit für den Arbeitsmarkt machen soll.

Eingeladen wurde Spyrou, Projektleiterin des "IQ Netzwerk Hamburg - Nobi", von "Core - Integration im Zentrum", Letzteres ein EU-gefördertes Gemeinschaftsprojekt von MA17, Fonds Soziales Wien, Wiener ArbeitnehmerInnenförderungsfonds (WAFF), Wirtschaftsagentur Wien und Wiener Stadtschulrat. Spyrou berichtet von ihren Erfahrungen und die anwesenden Vertreter von Flüchtlingsorganisationen sind sichtbar beeindruckt. Offen und eloquent spricht sie die Probleme an. Der Wind, der ihr politisch entgegenwehen könnte, nämlich, dass viele nichts mit Flüchtlingen zu tun haben wollen, halte sich in Hamburg in Grenzen. "Es sind eigentlich alle von der Sinnhaftigkeit überzeugt", sagt sie selbstbewusst. Dabei spiele auch die Weltoffenheit der Stadt eine Rolle.

Information

"3-plus-2-Regelung"

Die "3-plus-2-Regelung" wurde 2016 im neuen Integrationsgesetz in Deutschland verankert. Sie umfasst die aufenthaltsrechtlich geregelte duale Ausbildung mit anschließender Beschäftigung. Das bedeutet: Befindet sich ein geflüchteter Mensch in Ausbildung, zum Beispiel in einer Lehre, darf er nicht abgeschoben werden. Wenn er nach drei Jahren Lehre erfolgreich war, darf er weitere zwei Jahre in dem Unternehmen arbeiten, ohne dass er abgeschoben werden darf. Wenn er sich in diesen fünf Jahren nichts zuschulden kommen hat lassen, darf er in Deutschland einen Antrag auf Aufenthalt stellen.

Grundversorgung

Insgesamt sind derzeit 19.289 Menschen in der Wiener Grundversorgung. 9141 davon sind Asylwerber, der Rest subsidiär Schutzberechtigte, Menschen in einer Übergangsfrist, mit geduldetem Aufenthalt oder rechtskräftig negativ Beschiedene, die auf ihre Abschiebung warten. Ein Asylverfahren kann mehrere Jahre dauern. Flüchtlinge in organisierten Quartieren erhalten Essen bzw. Verpflegungsgeld, Kleidung sowie ein Taschengeld von 40 Euro im Monat. Privat Wohnende haben Anspruch auf 150 Euro Mietzuschuss sowie 215 Euro Verpflegungsgeld pro Monat. Zwei Drittel der Menschen mit Fluchterfahrung sind privat untergebracht. Ein Drittel lebt in organisierten Unterkünften der Caritas oder Diakonie. Endet das Asylverfahren mit einem positiven Bescheid, werden sie zu Asylberechtigten und sind Österreichern auf dem Arbeitsmarkt gleichgestellt. Sie müssen sich beim AMS melden und haben Anspruch auf Mindestsicherung.
Renate Schober von der Wiener Flüchtlingshilfe im Fonds Soziales Wien (FSW).

Renate Schober von der Wiener Flüchtlingshilfe im Fonds Soziales Wien (FSW).© FSW Renate Schober von der Wiener Flüchtlingshilfe im Fonds Soziales Wien (FSW).© FSW

Im Jahr 2016 lebten rund 50.000 Geflüchtete in Hamburg. 2017 kamen weitere 5000 hinzu. Etwa die Hälfte hat einen beruflichen Abschluss oder formal erworbene Kompetenzen aus dem Herkunftsland. Rund 3000 Menschen mit einem ausländischen Abschluss kommen zur Anerkennungsberatung, "unser Nadelöhr, die erste Anlaufstelle für Ratsuchende", so Spyrou. Einen Antrag auf Anerkennung der im Ausland erworbenen Qualifikationen stellten 2015 in Hamburg mehr als 800 Menschen. "Oft fehlen nur ein paar Qualifikationen, um bei uns diesen Beruf ausüben zu können. Etwa musste eine Zahntechnikerin aus Syrien das Verarbeiten von zahnfarbenen Werkstoffen nachlernen, da es diese in ihrer Heimat nicht gab." Das Netzwerk IQ (Integration durch Qualifikation) stellte im Vorjahr 300 Qualifizierungsplätze zur Verfügung, unter anderen 40 Plätze im Handwerk, 60 im Ingenieurwesen oder 40 im Bereich Wirtschaftswissenschaften. "Dabei schauen wir, dass die Qualifizierung nicht länger als sechs bis neun Monate dauert", so Spyrou, "sonst kostet das zu viel." Von den 300 haben nach der Förderung 280 geflüchtete Menschen "einen guten Job".

Dies sei allerdings nur möglich, weil der Bund großzügig finanziert und die Handwerkskammer in Hamburg (vergleichbar mit der Wirtschaftskammer in Österreich) voll und ganz hinter dem Förderprogramm stehe und "für Politik und Wirtschaft ein sehr guter und verlässlicher Kooperationspartner ist". "Bei uns herrscht die Devise: Kein Lehrling heißt keine Fachkraft."




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-01 17:11:21
Letzte nderung am 2018-02-02 12:49:12