• vom 15.03.2018, 19:15 Uhr

Gesellschaft


Flüchtlinge

Lange Warteliste für Traumatherapie




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  • Zehn Jahre Hemayat: 88 Minderjährige warten auf Therapieplätze.

Zehn Jahre gibt es das Betreuungszentrum für Folter- und Kriegsüberlebende in der Sechsschimmelgasse 21 im 9. Bezirk schon.

Zehn Jahre gibt es das Betreuungszentrum für Folter- und Kriegsüberlebende in der Sechsschimmelgasse 21 im 9. Bezirk schon.© Jenis Zehn Jahre gibt es das Betreuungszentrum für Folter- und Kriegsüberlebende in der Sechsschimmelgasse 21 im 9. Bezirk schon.© Jenis

Wien. "In Wirklichkeit ist es ein elendes Jonglieren." Mit diesen Worten schilderte Hemayat-Geschäftsführerin Cecilia Heiss die aktuelle Situation des Betreuungszentrums für Menschen, die Krieg, Folter und Flucht überlebt haben, wenn es um Traumatherapie-Plätze für Kinder und Jugendliche geht. 88 Minderjährige stehen derzeit auf der Warteliste der Einrichtung in Wien.

Manche von ihnen werden erst in einem Jahr einen Therapieplatz bekommen. "Alles spielt sich im ‚Dringend-Bereich‘ ab. Es gibt ein System von ein bis drei Rufzeichen auf der Liste", sagte Heiss am Donnerstag bei einer Pressekonferenz anlässlich des zehnjährigen Bestehens von Traumatherapien für Kinder und Jugendliche innerhalb der Einrichtung. Vorrang wird jenen Buben und Mädchen eingeräumt, bei denen die Gefahr einer Fremd- oder Selbstgefährdung besteht.


2017 waren 237 der 1309 Klienten aus 51 Ländern minderjährig - so viele wie noch nie. Die meisten Menschen stammten aus Afghanistan, Tschetschenien, Syrien, dem Irak und dem Iran. Obwohl die Zahl der Flüchtlingsankünfte zurückging, sei der Bedarf an Traumatherapie gestiegen. Kinder- und Jugendtherapeutin Sonja Brauner warnte vor einem Trugschluss: "Man meint, in Österreich müsse alles gut sein. Trotzdem werden die Kinder plötzlich auffällig." Auch die Annahme, dass Kinder von Krieg und Flucht ohnehin nicht wirklich etwas mitbekommen, sei falsch.

Der Körper vergisst nichts, dafür sorgen die Synapsen im Gehirn, wie Brauner erläuterte. Zu den Folgen traumatischer Ereignisse gehören unter anderem Albträume, Angst und Wut, die sich in aggressivem Verhalten, sozialem Rückzug oder Depression äußern können. Der jüngste Klient, der nach einem Suizid-Versuch bei Hemayat betreut wurde, war acht Jahre alt. "Traumatisierte Kinder schaffen gewisse Entwicklungsschritte ohne Unterstützung nicht", erklärte Brauner. Oft bräuchte es nur wenig Unterstützung, die aber möglichst bald. "Chronifiziert ist ein Trauma schwerer zu behandeln."

Fünf Therapeutinnen beschäftigen sich derzeit mit Kindern und Jugendlichen. Wo es notwendig ist, wird in den Therapiestunden gedolmetscht.

70.000 Euro fehlen
Kinder- und Jugendtherapien haben 2017 etwa 180.000 Euro im Hemayat-Budget ausgemacht. Um die 88 wartenden Mädchen und Burschen zu behandeln, wären bei einem angenommenen Therapiebedarf von zehn Stunden zusätzliche 70.000 Euro notwendig, heißt es seitens des 1995 gegründeten gemeinnützigen Vereins, der sich zum überwiegenden Teil aus privaten Zuwendungen finanziert. 35 Prozent des Budgets stammen aus Mitteln der öffentlichen Hand, allen voran das Innenministerium.




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Dokument erstellt am 2018-03-15 17:24:06


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