• vom 30.07.2015, 07:00 Uhr

Gesellschaft

Update: 30.07.2015, 07:56 Uhr

Asyl

Malerische Zukunft




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Von Katrin Pointner

  • In der Heimatgemeinde von Innenministerin Mikl-Leitner wird ein ganz anderes Bild von der "Flüchtlingskrise" gezeichnet.

"Niemals aufgeben"

"Niemals aufgeben"

Flüchtlinge malen sich im Museum Essl ihre Zukunft in Österreich aus und verarbeiten ihre Vergangenheit.

Flüchtlinge malen sich im Museum Essl ihre Zukunft in Österreich aus und verarbeiten ihre Vergangenheit.© Christoph Liebentritt Flüchtlinge malen sich im Museum Essl ihre Zukunft in Österreich aus und verarbeiten ihre Vergangenheit.© Christoph Liebentritt

Klosterneuburg. Eine meterlange weiße Leinwand, Farben werden gemischt, Pinsel eingetaucht, die ersten Farbkleckse landen auf dem Papier. Willkommen in der Begegnungszone Klosterneuburg - zwischen Menschen von nebenan und den neuen Ortsbewohnern aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan.

Max ist mit seiner Mama gekommen. Der kleine blonde Junge sitzt neben seinem neuen Freund Ahmed, einem gebürtigen Syrer. Groß ist er, stämmig und viel älter. Er trägt einen Vollbart und folgt den Pinselstrichen seines kleinen Freundes mit seinen dunklen Augen. Wie selbstverständlich hält Max, Ahmed seinen Pinsel hin, zum Tausch gegen die größere Farbrolle.


Mela Maresch ist Mitorganisatorin des Kunstprojektes. Sie hat registriert, dass einige Asylwerber die sonst jeden Freitag hier sind, heute nicht gekommen sind. Woran das liegt? Manche würden in der Nacht abgeholt und man sieht sie nie wieder. Max hört mit und sagt: "Vielleicht sind sie nur in der Arbeit." Dass sie nicht arbeiten dürfen, weiß er nicht.

Ein Ruck ging durch die Stadt
Bis November 2014 gab es kaum Flüchtlinge in Klosterneuburg. Seit Dezember leben nun 250 Asylwerber in einem vom Bund betriebenen Aufnahmezentrum in der ehemaligen Magdeburg-Kaserne in Klosterneuburg.

"Im Winter wird man diese Menschen doch nicht in Zelte legen", war im Herbst letzten Jahres der Gedanke des ÖVP-Bürgermeisters Stefan Schmuckenschlager. "Ich hab mir auch nicht träumen lassen, dass man sie ein halbes Jahr später in Zelte legt." Jetzt gehören sie zum Asyl-Alltag.

Klosterneuburg wollte Zelten vorbeugen und brachte trotz lokalen Widerstandes Flüchtlinge unter. Die Stimmen der Befürworter waren letztlich lauter als die der Gegner. Sabine Gösker, Initiatorin der Bürgerinitiative "Klosterneuburg hilft": "Da wo’s versucht wird, klappt’s auch." "Im Gemeinderat stimmten fast alle dafür", erinnert sich der Bürgermeister - bis auf einige teils laute Gegenstimmen der FPÖ. "Die Flüchtlingsthematik soll nicht als Problem betrachtet werden, sondern als eine normale politische Aufgabe, wie die Errichtung einer Schule", sagt der Bürgermeister.

Das Asylzentrum ist derzeit in der ehemaligen Kaserne in Klosterneuburg untergebracht. Während auf der einen Seite der Straße kleine bunte Häuser und Schrebergärten mit Blick auf die Donau ein idyllisches Bild abgeben, haftet der Kaserne auf der anderen Straßenseite etwas Düsteres an. Der hohe Zaun und die bröckelnde Fassade wirken wie unfreiwillige Symbole der Angst in der österreichischen Bevölkerung und der Abwehrhaltung gegenüber Flüchtlingen.

Zwei sympathische Sicherheitsbeamte grüßen freundlich. Die Hitze macht ihnen offenkundig zu schaffen. "Wir dürfen niemanden reinlassen", sagt der Größere der beiden etwas verlegen. Die Bewohner des Asylzentrums werden streng kontrolliert. Alle müssen einen Ausweis mit sich führen und beim Eingang vorweisen. Der wird jedes Mal gescannt.

Außerhalb der Kaserne haben die Flüchtlinge mittlerweile mehr zu lachen. Denn im Ort hat sich eine rege Zivilgesellschaft gebildet, die ihre neuen Mitbewohner mit Deutschkursen, Museumsbesuchen oder Fußballspielen willkommen heißt. Im Zentrum steht die Bürgerinitiative "Klosterneuburg hilft".Ein großer Fan der Bürgerinitiative ist der Stadtrat für Soziales, Stefan Mann von der SPÖ.

Museumschef wollte nicht tatenlos sein
Ihr Leuchtturmprojekt: Das offene Atelier im Essl-Museum. Der Besitzer Karl-Heinz Essl wollte, dass etwas für die Asylwerber getan wird und seine Mitarbeiterinnen schlossen sich mit der Bürgerinitiative zusammen. So entstand die Begegnungszone der besonderen Art. Treffpunkt ist jeden Freitag. Jeder ist willkommen, jeder kann mitmalen oder mitreden.

"Einige der Asylwerber haben ein besonderes Talent fürs Malen und können ihre Fähigkeiten in diesem Rahmen festigen und erweitern", sagt Museums-Mitarbeiterin Maria-Theresia Moritz.

Ihre Begeisterung über die neuen Werke ist nicht zu übersehen. Sie lächelt selig, während sie Besuchern stolz die kleinen Kunstwerke der Flüchtlinge präsentiert, die regelmäßig ausgestellt werden.

Als "Glücksfall" bezeichnet Mary Kreutzer, Leiterin des Caritas-Projektes Kompa, das offene Atelier im Essl-Museum. Der Caritas kommt in der Arbeit mit Flüchtlingen in Klosterneuburg eine besondere Rolle zu. Das zu Anfang des Jahres ins Leben gerufene Projekt Kompa soll eine Verbindung zwischen Flüchtlingen und der Bevölkerung Klosterneuburgs herstellen und Probleme ansprechen, um Konflikten vorzubeugen.

"Probleme gäbe es meist aber nur innerhalb des Asylzentrums", sagt Gösker. 250 vorwiegend junge Männer in einem Quartier, da kann es schon mal zu Reibereien kommen. Das sei ganz normal. Um etwaige Missverständnisse zu vermeiden, bietet die Caritas Informationen und Beratung für beide Seiten an. Jeden Freitag gibt es offene Sprechstunden im Bürgermeisteramt, in dessen Rahmen Beschwerden und Anregungen von Bürgern und Flüchtlingen eingebracht werden können. Ein offener Dialog soll stattfinden. Gelobt wird von allen Beteiligten die gute Zusammenarbeit von Politik, Hilfsorganisationen und engagierten Bürgern. Ehrliche und offene Kommunikation als Schlüssel zum Integrationshaus.

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Dokument erstellt am 2015-07-29 17:41:04
Letzte Änderung am 2015-07-30 07:56:23


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