• vom 28.07.2011, 18:14 Uhr

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Update: 29.07.2011, 11:28 Uhr

Der 25-jährige Melih Gördesli über Hindernisse in Job und Schule

"Es gibt in Österreich eine Türkophobie"




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  • Das Buch "Ohne Heimat" schildert exemplarisch das Leben als Austrotürke.

Beschreibt, was viele denken: Melih Gördesli.

Beschreibt, was viele denken: Melih Gördesli.

Wien. (best) Was der 25-jährige Melih Gördesli in seinem Buch "Ohne Heimat" beschreibt, dürfte es in Österreich eigentlich nicht geben: In Discos wird er mit seinen türkischen Freunden abgewiesen, bei der Jobsuche schreckt der türkische Name Arbeitgeber ab, in der Schule wird er beschimpft, sogar von Lehrern. Er hätte alles vergessen können, "weil ich mich schon hier zugehörig fühle", wie er betont. Doch die öffentliche Migranten-Debatte und Alltagsrassismus haben das verhindert.

"Eine öffentliche Diskussion muss stattfinden", sagt Gördesli zur "Wiener Zeitung", "aber ohne negative Darstellungen und diese Hetzpolitik, deren Auswirkungen ich hautnah spüre." Plakate wie "Daham statt Islam" gingen an ihm nicht spurlos vorüber. Das hat die Erinnerungen seiner schwierigen Vergangenheit wieder lebendig gemacht, als er mit drei Jahren nach Wien kam. Sein Buch hat er geschrieben "als sich die negativen Erfahrungen angesammelt haben und mir vermittelt haben, dass ich hier nicht akzeptiert werde." So schildert Gördesli in seinem Buch, wie sein Mathematikprofessor ein Balkendiagramm zeichnete, dem zufolge die Türken den größten Anteil der Ausländer in Deutschland ausmachen. Dazu erklärte er: "Für mich ist ein Österreicher oder ein Deutscher einer, der als Muttersprache Deutsch spricht und an eine christliche Religion glaubt."


Das Buch zeigt auch, wie wichtig und selten Zivilcourage ist. Der frühe Kontakt zu einer österreichischen Familie, bei der Gördeslis Mutter Putzfrau war, hat ihm etwa geholfen, ebenso die tatkräftige Unterstützung seines Klassenvorstands, als er in der HTL in Deutsch durchgefallen ist.

Die Schuld für die Probleme sieht er bei der heimischen Politik und den Inländern, die auf den Zuzug nicht vorbereitet sind. Und er bestätigt: "Es gibt in Österreich eine Türkophobie." Seine serbischen Freunde hätten es etwa leichter. "Ein Österreicher, der mein Buch liest, ist nur einmal provoziert. Ich werde hingegen dauernd provoziert damit, wie in einheimischen Medien über Türken oder den Islam berichtet wird", so Gördesli.

Es mag für manche einheimische Ohren fast wehleidig klingen, wenn Gördesli seine Diskriminierungserfahrungen schildert und die "Ignoranz und Intoleranz der Inländer" anprangert. Doch er hat viele positive Rückmeldungen erhalten - auch von Menschen mit asiatischem Hintergrund - und von Einheimischen. Gördesli hat in seinem Buch auch viele Vorschläge für eine Integrationspolitik, "die alle einschließt". Deshalb will er auch in Österreich bleiben - denn er hofft, sich hier einbringen zu können: "für alle".



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Dokument erstellt am 2011-07-28 18:21:08
Letzte Änderung am 2011-07-29 11:28:56


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