• vom 20.06.2016, 14:51 Uhr

Migration

Update: 21.06.2016, 08:51 Uhr

Polen

Die meisten kehren nicht zurück




  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (32)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Eva Zelechowski

  • Kaum ein EU-Land ist so auswanderungsfreudig wie Polen – Was die Menschen antreibt, frustriert und zurückholen kann.

Ein Kleinbus in den Farben der Nationalflagge. Wer die Heimat aus wirtschaftlichen Gründen verlässt, kommt selten wieder. Zu wenige Jobs bietet der polnische Arbeitsmarkt noch.

Ein Kleinbus in den Farben der Nationalflagge. Wer die Heimat aus wirtschaftlichen Gründen verlässt, kommt selten wieder. Zu wenige Jobs bietet der polnische Arbeitsmarkt noch.
© WZ / Zelechowski
Ein Kleinbus in den Farben der Nationalflagge. Wer die Heimat aus wirtschaftlichen Gründen verlässt, kommt selten wieder. Zu wenige Jobs bietet der polnische Arbeitsmarkt noch.
© WZ / Zelechowski

"Wien hat mich mit offenen Armen empfangen, es ist eine faszinierende und lebenswerte Stadt, aber das Wichtigste: Ich habe fantastische Leute kennengelernt. Man kann mit den Österreichern barfuß auf der Straße spazieren und nachts in der Donau baden!" Der aus Warschau stammende Architekt Bartosz Lewandowski lebt seit 2012 mit Frau und Tochter in Wien. Seine Firma musste er aufgrund der Krise in der Baubranche schließen. Nach Wien trieb ihn die Bewunderung für österreichische Architektur, nach kurzer Bewerbungsphase fand er eine Stelle.

Laut Angaben des Zentralen Statistischen Amtes des Landes lebten Ende 2014 offiziell 2,3 Millionen Polen im Ausland, um 124.000 bzw. 5,6 Prozent mehr als noch im Jahr zuvor. Sechs Prozent der Bevölkerung lebt somit außerhalb Polens. Trotz proklamierten Wirtschaftsaufschwungs und Rückgangs von Arbeitslosigkeit um zehn Prozent in den letzten 12 Jahren, kam es 2004 nach dem EU-Beitritt zur zweitgrößten Auswanderungswelle seit den 80-er Jahren. Den Großteil (derzeit 685.000) zieht es nach Großbritannien. So auch Marta (Name geändert), die 2004 nach London auswanderte. "Als der Verlag, in dem ich als Lektorin arbeitete, pleite zu gehen drohte, musste ich mich innerhalb weniger Monate nach einem neuen Job umsehen", erzählt die 38-Jährige. Heute, drei Jahre und diverse Gelegenheitsjobs sowie eine Umschulung später, arbeitet sie als Kriminalbeamtin.

Arbeitsplätzen hinterher jagen

Arbeit ist das Schlüsselargument für migrierende Polen und Polinnen. Und häufig sind sie gut ausgebildet, was nicht zuletzt dem Land selbst schadet. So auch die Opernsängerin Barbara Zamek, die 2010 ihr Heimatland mit der Hoffnung auf bessere Jobaussichten und einer fundierten Ausbildung im Gepäck hinter sich ließ. Nach einigen Engagements in Wien passierte etwas, was sie zuvor nicht für möglich gehalten hatte: "Ich hatte überraschend viel Glück, eine Anstellung in Polen zu finden. Ein Diplom aus einem westlichen Land scheint den Polen zu imponieren", erzählt die 30-Jährige. Sonst sei es enorm schwer, in der Branche zu bestehen. In Wien geblieben ist sie länger als geplant, aufgrund gesundheitlicher Schwierigkeiten und des "viel besseren österreichischen Gesundheitssystems". Heute pendelt sie für Engagements zwischen Wien und Warschau, wodurch sich zum Einen das Gefühl von "Heimatlosigkeit" manifestierte und sie zum Anderen für einen weltoffeneren Blick geprägt habe.

Mehr Lohn, soziale Sicherheit

Welche EU-Staaten sind für die Polen noch als Lebensmittelpunkt attraktiv? Deutschland (614.000), Irland (113.000), die Niederlande (109.000) und Italien (96.000). Unverändert sind die Gründe für Polen und Polinnen in die Ferne zu ziehen: 84 Prozent geben höheren Verdienstmöglichkeiten an, ein höherer Lebensstandard steht mit 41 Prozent an Platz zwei, gefolgt von besseren sozialen Bedingungen sowie der beruflichen Perspektive. In Umfragen geben die Betroffenen vor allem an, dass Löhne in Westeuropa das Dreifache oder mehr betragen. Das Durchschnittseinkommen lag 2013 in Polen bei 900 Euro, wobei es je nach Branche oder Region variiert. Am stärksten trifft die Abwanderung strukturschwache Regionen im Osten des Landes, wo auch die Arbeitslosenrate bis zu 20 Prozent erreicht. Die Arbeitslosigkeit Polens liegt derzeit im Durchschnitt bei 11,7 Prozent.

Wie viele Polen leben in Österreich? Zu einer ersten großen Migrationswelle, die hauptsächlich politisch motiviert war, kam es in den Achtzigerjahren, die zweite - vordergründig wirtschaftlich motivierte - folgte nach dem EU-Beitritt des Landes. 1981 lebten 2653 polnische Staatsbürger in Wien, 2001 waren es 21.841 und im Jahre 2008 bereits 36.775 Polen. Derzeit leben laut Statistik Austria 54.000 Menschen mit polnischer Staatsangehörigkeit in Österreich, nach Angaben der polnischen Botschaft haben rund 90.000 Österreicher polnische Wurzeln.

Arbeitsbeschränkungen und negatives Image

Doch nach Österreich zieht es die Polen kaum noch. 2015 hat Deutschland erstmals Großbritannien als Lieblingsziel der Auswanderer abgelöst, die Niederlande verlieren sukzessive an Attraktivität, weil das Land den Arbeitsmarkt für polnische Einwanderer zunehmend auf Landwirtschaft und einfache Jobs beschränkt und negative Aussagen in der öffentlichen Debatte über Polen zugenommen haben.

Profil: Jung, rural, mittlere Schule

Wie sieht das Profil der migrationswilligen Polen aus? Weg wollen vor allem die Jungen, rund 52 Prozent sind zwischen 18 und 34 Jahre alt. 79 Prozent kommen aus einer dörflichen Region oder aus Städten unter 100.000 Einwohnern. Die meisten bringen eine mittlere Schulausbildung (44 Prozent) mit, gefolgt von der Berufsschule (28 Prozent). Nur 16 Prozent derjenigen, die sich vorstellen können, im Ausland zu arbeiten, haben eine höhere Ausbildung abgeschlossen. Die meisten (29 Prozent) möchten nach ungefähr drei Monaten in die Heimat zurückkehren, wobei gar 26,8 Prozent auf Dauer wegziehen wollen und 22,1 Prozent für einige Jahre.

Heute können sich laut einer von Work Service Polen in Auftrag gegebenen aktuellen Umfrage des CEED Instituts 15 Prozent der Befragten im erwerbsfähigen Alter einen Arbeitsplatz im Ausland vorstellen. Das macht hochgerechnet einen Anteil von zehn Prozent der Bevölkerung aus, also 3,1 Millionen Menschen. In der gleichen sechs Monate zuvor durchgeführten Befragung war es noch eine Million mehr. Ausschlaggebend sei eine Verbesserung am polnischen Arbeitsmarkt gewesen, denn Arbeitslosigkeit sinke stetig, während Beschäftigungsanzahl und Einkommen kontinuierlich steigen.

Wahlversprechen locken kaum zurück

Die Politiker hoffen weiterhin, die Emigration eindämmen und die Auswanderer zurücklocken zu können. Bei den Parlamentswahlen im Oktober haben mit 37 Prozent die PiS (Prawo i Sprawiedliwość - Recht und Gerechtigkeit) an die Spitze gewählt. Im Wahlkampf hatte die neue Regierungschefin Beata Szydlo ein Arbeitsbeschaffungsprogramm angekündigt, das 1,2 Millionen Arbeitsplätze für Junge im Alter bis zu 35 Jahren schaffen soll. Dem PiS-Wahlversprechen scheinen die Polen vertraut zu haben. Die meisten jedoch kehren nicht zurück.

Auch Lewandowski holte die Familie nach. "Das ist jetzt drei Jahre her und wir beginnen jetzt ernsthaft über die Zukunft in Österreich nachzudenken. Wie es weitergeht, ist noch nicht fix, aber diese Unsicherheit ist wohl das Schicksal aller Migranten", sagt der Landschaftsarchitekt. Auch ihm fehlen - wie dem Großteil der Auswanderer – am meisten Familie und Freunde, vertraute Eckpfeiler aus Sprache und traditioneller Küche. Doch er will vorerst bleiben. Nicht zuletzt für seine neunjährige Tochter, die sich nach anfänglichem Heimweh mehr und mehr einlebt. "Jetzt fühle ich mich in Wien sicherer. Und ich finde es toll, zwei Sprachen zu sprechen. Wenn ich ein Geheimnis habe, kann ich in Polen Deutsch sprechen und hier Polnisch", erzählt die Volksschülerin stolz.





Schlagwörter

Polen, Arbeitsmigration, Migration

2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-06-13 13:54:41
Letzte Änderung am 2016-06-21 08:51:37


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Zahl der Einbürgerungen steigt weiter
  2. EU kippt österreichische Regelung gegen "Sozialdumping"
  3. Grüne fordern Asyl für Asia Bibi
  4. Der Geldbote
Meistkommentiert
  1. Grüne fordern Asyl für Asia Bibi
  2. EU kippt österreichische Regelung gegen "Sozialdumping"
  3. Zahl der Einbürgerungen steigt weiter

Werbung





Werbung