• vom 19.08.2016, 11:06 Uhr

Migration

Update: 19.08.2016, 11:14 Uhr

Flüchtlinge

Die Straße als Schlafzimmer




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Von WZ Online, Sabine Dobel (dpa)

  • Italien sucht verzweifelt nach Unterkünften für Flüchtlinge.

Rom. Zu fünft fegen sie den Gehweg. Kein Fetzchen Papier, keine Kippe bleibt liegen. Die Via Cupa ist vermutlich die sauberste Straße in Italiens in Müll erstickender Hauptstadt Rom. Die Gasse unweit des Bahnhof Tiburtina dient schließlich als Schlafzimmer.

Wenn es abends dämmert, werden Matratzen ausgerollt und Feldbetten aufgeklappt. Etwa 200 Flüchtlinge aus Eritrea, aber auch Nigeria, Sudan, Afghanistan und Libyen sind an diesem Augustabend hier. Seit die Balkanroute geschlossen ist, kämen auch einige Syrer, sagt Erika Santalucia. Die Englischlehrerin ist eine von 50 Freiwilligen, die seit Monaten für die Flüchtlinge sorgen, junge Männer, einige Frauen und Kinder. "Sie sind dankbar, dass sie das Nötigste hier bekommen."

Bis zum vergangenen Jahr gab es in der kleinen Straße eine reguläre Bleibe für die Flüchtlinge. Sie wurde geräumt. Mafiaverstrickungen.

Zeltstädte und Kasernen

Italien ringt mit der Flüchtlingskrise. Fast 100.000 Menschen sind seit Jahresbeginn angekommen. Im Juli waren es der Grenzschutzagentur Frontex zufolge rund 25.300, zwölf Prozent mehr als im Juli 2015.

Rund 140.000 Menschen sind laut Innenministerium in Einrichtungen untergebracht - die überquellen. Mailand sucht händeringend eine Unterkunft für 3500 Flüchtlinge. Eine Zeltstadt fand ebenso wenig Gegenliebe wie die Nutzung des Expo-Geländes. Verteidigungsministerin Roberta Pinotti hat nun eine Kaserne zugesagt. Bis sie bereit ist, kann es noch dauern. Ein Flüchtling kam aus Mailand in die Via Cupa. Er habe Hunger gelitten und von der Hilfe hier gehört.

Wie viele in Italiens Städten auf der Straße leben, ist unklar. An Bahnhöfen und in Parks schlagen Menschen ihr Nachtlager auf - oft kaum zu sagen, ob es einheimische Obdachlose sind oder Flüchtlinge.

Frankreich und Schweiz als Ziel

In Ventimiglia und Como, unweit der Villen am Comer See, kampieren Hunderte. Sie wollen nach Frankreich oder in die Schweiz. Dort schicken Grenzer sie zurück - wie es die Dublin-Regeln vorsehen. Täglich bringen die Behörden Flüchtlinge mit Bussen von Ventimigila weg nach Süden. Aber ständig kommen Menschen nach. Vielerorts reagieren Anrainer zunehmend genervt. In der Via Cupa seien einige schon weggezogen, sagt Alberto Spoleti aus einer nahen Bar.

Misswirtschaft und Korruption tragen zu der Krise bei. Ermittlungen gegen die Hauptstadt-Mafia "Mafia Capitale", deren Protagonisten gerade hinter Bunkermauern der Prozess gemacht wird, brachten ans Licht: Gelder für die Betreuung von Flüchtlingen in Millionenhöhe flossen in die Taschen krimineller Gruppen und korrupter Politiker.

Das Drogengeschäft bringe weniger, soll laut Telefonmitschnitt der mitangeklagte Salvatore Buzzi gesagt haben, dessen Kooperativen im staatlichen Auftrag Flüchtlinge betreuten. Buzzi war auch in dem geräumten Gebäude in der Via Cupa aktiv.

Helfer kochen für Flüchtlinge

Nun kochen die Helfer allabendlich auf eigene Kosten für 100 bis 400 Menschen und schleppen Töpfe voll Suppe und Pasta heran. Gaskocher auf der Straße verbietet die Polizei wegen Brandgefahr, auch Messer sind unerwünscht. Mit Spendengeldern wurden Dixie-Klos angemietet.

"Die Freiwilligen sind extrem wichtig, sie machen eine großartige Arbeit", sagt Massimiliano Signifredi, Sprecher der Gemeinschaft Sant'Egidio. In einem Pilotprojekt seien seit Februar in ganz Italien 270 Menschen in Familien und Kirchengemeinden untergekommen, 1000 sollen es werden. "Es ist ein Tropfen im Meer, aber dieser Tropfen verändert das Meer", zitiert Signifredi den Papst, der von der Insel Lesbos spontan syrische Flüchtlinge mit nach Rom genommen hatte.

"Wir wollen nicht sagen, dass ehrenamtliche Hilfe die Lösung ist - aber sie ist eine Möglichkeit", sagt Signifredi. "Die große Frage ist die Integration." Es gehe um "Menschen, die gerne Zeit mit dir verbringen, die dir die Sprache beibringen". Dann, darauf setzt Signifredi, "erlischt der Wunsch, weiterzureisen".

Vier Millionen leben legal in Italien

Italien lebt schon lange mit Flüchtlingen. Vier Millionen Menschen haben laut Innenministerium legalen Aufenthalt. Die Lage am Mittelmeer machte das Land früh zum Ziel. 1991 lief der schrottreife Frachter "Vlora" mit Zehntausend Albanern in Bari ein. Nach Albanern folgten Rumänen, Asiaten und Afrikaner. Jahrelang war Lampedusa ein Brennpunkt. Nun kommen zwei Drittel der Flüchtlinge in Sizilien an.

Die systematische Zurückweisung aus den Nachbarländern bürdet Italien immer mehr auf. Mancher scheint auf einer aussichtslosen Odyssee. Hasan ist gerade in der Via Cupa angekommen, sitzt auf einem Feldbett, studiert in einem Atlas eine Europa-Karte. Der Sudanese will nach Frankreich. Er hatte es, sagt er, schon bis Nizza geschafft. Wurde zurückgeschickt. Und will es wieder versuchen.

Ebenso Angosom Abraham. 20 Jahre sei er alt, komme aus Eritrea und wolle nach Deutschland. Zu Fuß sei er schon in die Schweiz gelangt - und abgefangen worden. Mulugheta Nagu, selbst vor gut 13 Jahren aus Eritrea nach Italien gekommen, übersetzt. Wie es weitergeht - die Menschen denken von Tag zu Tag. Jemand hat einen Badezimmerschrank an die Straßenmauer genagelt. Fließend Wasser: Fehlanzeige.





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Flüchtlinge, Italien

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-08-19 11:11:42
Letzte Änderung am 2016-08-19 11:14:18


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