• vom 13.10.2012, 12:00 Uhr

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Politik als Spiel




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Von Christian Hoffmann

  • Als Spiel kann man fast alles sehen, natürlich auch die Politik. Ein bisschen Übung braucht man dabei allerdings schon, wie ein Versuch mit dem "Politiksimulator" zeigt.

- © Ikon Images/Corbis

© Ikon Images/Corbis

Ich will bescheiden sein. Normalerweise kommt man in die höheren Sphären der Macht, nachdem man sich jahrzehntelang durch verschiedene politische Ämter gekämpft hat, ich aber schalte einfach den Computer ein und installiere ein Programm namens "Politiksimulator".

So einfach kann das natürlich nicht sein, Kenntnisse der Schachstrategie und der mathematischen Spieltheorie helfen da nicht weiter, auch nicht mein Macchiavelli, den ich griffbereit liegen habe und in dem ich gute Tipps für die politische Laufbahn erhalte, etwa: "Man muss ein Fuchs sein, um die Schlingen zu erkennen, und ein Löwe, um die Wölfe zu schrecken." Aber wie wendet man einen solchen Lehrsatz praktisch an?


Nein, ich will bescheiden sein und mir zu Beginn meiner Laufbahn im Politiksimulator eine möglichst einfache Aufgabe stellen. Für den untersten Level kann man zwischen verschiedenen Szenarien wählen, zum Beispiel in Deutschland ein Umweltgesetz durchbringen oder eine politische Annäherung mit Tansania einleiten. Es gibt aber auch andere Aufgaben, zum Beispiel als russischer Präsident die eigene Wiederwahl betreiben.

Die Steuersenkung

Information

Politiksimulator. Computerspiel. Soulfood Music Distribution, 2008. Systemvoraussetzungen: Windows Vista/XP, 2 GHz Prozessor, 1 GB RAM, 1,56 GB Platz auf der Festplatte. Internetverbindung zur Aktivierung.

Also um ehrlich zu sein, den russischen Präsidenten traue ich mir als Anfänger noch am ehesten zu. Ich heiße Leonid Sovskiy und habe im Schwierigkeitsgrad "Anfänger" 60 Tage Zeit, meine Wiederwahl zu organisieren. Ein bisschen Musik ertönt wie zu Beginn einer Wochenschau oder einer Nachrichtensendung, Bilder werden hintereinander geschnitten, Talks-Shows, Pressekonferenz, marschierende Truppen, dichter Verkehr auf Autobahnen. Damit wird angedeutet, dass ich nun einer der Akteure der großen Weltbühne bin, einer der Helden der Fernsehbildschirme und Zeitungsaufmacher, immer ein bisschen langweilig anzusehen in Anzug und Krawatte, aber dafür umso mächtiger. Jemand, der mit einer Unterschrift Armeen in Gang setzen oder Leitzinsen verändern kann, muss ja nicht auch noch so dramatisch aussehen wie der Held eines Piratenfilms. Das verstehe ich.

Gleich zu Beginn des Spieles nervt mich mein Finanzminister. Er heißt Bogolov und wirkt schmierig. Ich verlange von ihm, dass er den Leitzins senken lassen soll, und er quengelt ein bisschen. Aber ich kann mich nicht um ihn kümmern, denn auch der Verkehrsminister ist hinter mir her und redet von irgendwelchen Verkehrsproblemen, die ich nicht ganz verstehe und von denen ich eigentlich nichts wissen möchte. Mich interessiert nämlich in erster Linie meine Popularität und die ist zu meiner Überraschung leicht gestiegen. Ich habe sogar ein gutes Presseecho, ich hätte "das richtige Maß gefunden", schreibt eine Zeitung, die mir auf Anhieb sympathisch ist. Liegt das möglicherweise an der Zinssenkung, zu der ich diesen Bogolov genötigt habe?

Wie auch immer, es bleibt mir keine Zeit nachzudenken. Wirtschaftsminister Ligonov liegt mir in den Ohren, auch der hat Probleme mit dem Verkehr und findet, dass ich etwas unternehmen müsste, während ein Vertreter der Bauernschaft mit mir sprechen will, weil angeblich die Alkoholsteuern zu hoch seien. Der Mann gefällt mir, der kommt genau im richtigen Augenblick. Ich will noch populärer werden und beschließe spontan, die Steuern auf Alkohol überhaupt zu streichen. Warum sollte man immer in alten Bahnen denken?

Mama Sovskaya

Meine Popularität steigt tatsächlich, bei 58 Prozent liege ich schon. Das Verkehrsgesetz ist auch durch, wie mir mein Kabinettchef sagt, und ich habe noch 43 Tage bis zur Wahl. Sogar der schleimige Parlamentspräsident beglückwünscht mich zum Verkehrsgesetz, was mich ein bisschen misstrauisch stimmt, meinem Hochgefühl aber keinen Abbruch tut. Vielleicht bin ich einfach ein begnadeter Politiker, einer von denen, die Geschichte schreiben, wer weiß? Die soll es ja immer wieder geben.

Ein bisschen kränkt mich, dass in den Zeitungen nichts Neues über mich steht. Ich überlege hin und her. Sollte ich vielleicht etwas für die Senioren tun und eventuell auch die Familienbeihilfen ein wenig erhöhen? Kurz denke ich auch über Sozialwohnungen nach, doch verwerfe ich diesen Gedanken. 38 Tage bleiben bis zu meiner Wiederwahl und die Wohnungen sind wahrscheinlich erst in einem Jahr fertig. Nein, so kann man nicht erfolgreich Politik machen.

Ein Amerikaner will mich treffen, ein Abgeordneter. Leider habe ich verschwitzt, zu welcher Partei er gehört, was aber im Grunde auch egal ist. Was glaubt der Kerl eigentlich, wo wir hier sind? Ich muss meine Wiederwahl vorbereiten, und habe nicht die Zeit, die Hände drittklassiger Abgeordneter zu schütteln, woher sie auch kommen mögen. Nein, ich feile an meinem Opportunismus, ich bin noch nicht konsequent genug. Das Budget ist nicht richtig im Minus! Kann man Wahlen gewinnen ohne Budgetdefizit? So geht das doch nicht! Ich befasse mich ein bisschen mit Kulturpolitik, ich habe die Kultur noch nie aus dieser Perspektive betrachtet. Womit könnte ich populär werden? Ich stecke ein bisschen Geld in die Filmszene, und zwar gezielt in Filme für ein Massenpublikum. Jawohl, dass ist der richtige Weg, ich darf mich nicht in intellektuellen Nischen herumdrücken, wenn ich populär sein will.

Das Spiel beginnt. Ich heiße Leonid Sovskiy und bin Präsident Russlands.

Das Spiel beginnt. Ich heiße Leonid Sovskiy und bin Präsident Russlands. Das Spiel beginnt. Ich heiße Leonid Sovskiy und bin Präsident Russlands.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2012-10-10 15:38:07
Letzte Änderung am 2012-10-11 16:12:54


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