• vom 12.04.2013, 12:29 Uhr

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Psychologie

Über Mut




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Von Harald Schume

  • Mutig ist es, sich der Versagensangst zu stellen
  • In einem Zeitalter, in dem eh alles im Internet steht, was man nicht wissen will, wird der Mensch nahezu gezwungen zum gedanklichen Faulenzen. Das Thema, mit dem wir uns hier auseinandersetzen sollen, heißt also "Mut", und was fällt uns spontan dazu ein, außer Mut-ter, vermut-lich, Hel-mut und Sch-mut-z?

- - © Christoph Jorda/Corbis

- © Christoph Jorda/Corbis

Bevor das Nachdenken begonnen hat, sind die Buchstaben M, U und T bereits bei www.wikipedia.de eingetippt. Simsalabim, dort steht, kurz und schwammig: "Mut, auch Wagemut oder Beherztheit, bedeutet, dass man sich traut und fähig ist, etwas zu wagen."


Sich trauen, etwas zu wagen

Dabei verschwimmen leicht die Grenzen, denn der Grat zum Übermut ist nur vier Buchstaben schmal. Zur Veranschaulichung: Es war einmal der schönste Ex-Finanzminister aller Zeiten, der im friedlichen Örtchen Unschuldsvermutungshausen lebte und in eine Rüstung gewandet war, die an eine supersaubere Weste erinnerte. Ein Steuerexperte also, der immer brav seinen Obolus an den Staat ablieferte, wie er beschwor. Doch plötzlich war da diese Diskrepanz von fünf Millionen Euro, die er zu wenig geblecht haben soll. Zu seiner Verteidigung: Es kann schon passieren, dass man solche Mickey-Mouse-Beträge übersieht, wem ist das noch nicht passiert? Na eben. Er berief trotzdem. "Das ist Menschenhetze", sagt der Robin Hood in eigener Sache, "ich werde in diesem Land verfolgt, mein Ruf ist ruiniert."

Ja, in der Tat, vom Mut, Systeme für sich zu nutzen und zu hoffen, dass es keiner merkt, ist es nicht weit zum Bruder Leichtsinn, zur Überheblichkeit, zum Größenwahn, zum Hasard.

Da passt auch noch eine andere Geschichte ins Bild. Jene des deutschen Ministers, der seine Dissertation abschrieb, als vom Internet und textvergleichenden Programmen noch keine Rede war. Wer, hat er damals wohl gedacht, wer soll das jemals schnallen? Mit Mut hatte dieser Schritt nichts zu tun, eher mit Ignoranz. Mit Unterschätzung der anderen.

Überhöhtem Ego. Und in letzter Konsequenz mit Inkompetenz. Haben Sie schon einmal nachgedacht, wie viele Doktoren und Magister in diesem Land schwitzen, dass auch sie auffliegen und ihnen die ach so wichtigen Titel aberkannt werden?

Aus Solidarität schwitzen wir mit und schreiben bei www.wikipedia.de ab. Ganz offiziell. Das hat also mit Mut nix zu tun. Für den Schweizer Psychotherapeuten Andreas Dick bedeutet Mut, "eine Gefahr, ein Risiko oder eine Widerwärtigkeit auf sich nehmen bzw. eine Sicherheit oder Annehmlichkeit zu opfern, was möglicherweise den Tod, körperliche Verletzung, soziale Ächtung oder emotionale Entbehrungen zur Folge haben kann". Und: "Mut ist ein freier Willensentschluss."

Wobei: Felix Baumgartner ist aus freiem Willen mit seinem Ballon in die Stratosphäre gefahren und auf die Erde gesprungen. Wäre dem Skydiver etwas zugestoßen, wäre er selbst schuld gewesen. Eigenverantwortung nennt man das. Respekt ja, Mitleid auf keinen Fall! Höchstens mit Red Bull, das ihm dann doch keine Flügel verliehen hätte. Vom Mut zur Unbedachtheit und zum Leichtsinn ist’s ja auch nur ein kleiner Hupfer.

Mutig, wer sich auf der Jagd nach Hundertstel die Streif hinunterstürzt.

Mutig, wer sich auf der Jagd nach Hundertstel die Streif hinunterstürzt.© APA/Robert Parigger Mutig, wer sich auf der Jagd nach Hundertstel die Streif hinunterstürzt.© APA/Robert Parigger

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Schlagwörter

Psychologie, Mut, Wiener Journal

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Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2013-04-11 14:29:17
Letzte Änderung am 2013-04-12 12:20:30



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