• vom 15.03.2018, 14:09 Uhr

Freizeit

Update: 15.03.2018, 14:18 Uhr

Wohntrends 2018

Willkommen im Salon




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Von Karin Henjes

  • Grüne Büros, schimmernde Möbel und Samtsofas à la Uroma – die Neuheiten von der Kölner Möbelmesse und anderen Wohnmessen Anfang 2018 waren eher unspektakulär. Dafür zeigten die Designer eine große Freude am Spiel mit Materialien, Stilen und Dimensionen.

Salons und Wohnhöhlen – dunkle Räume feiern ein Comeback und werden im Stil von Clubs und Salons gestaltet. Gerne auch im Stil-Crossover wie hier mit "Croissant". - © Bretz

Salons und Wohnhöhlen – dunkle Räume feiern ein Comeback und werden im Stil von Clubs und Salons gestaltet. Gerne auch im Stil-Crossover wie hier mit "Croissant". © Bretz

In der Trend-Halle der Stoffmesse Heimtextil in Frankfurt hat die junge Londoner Designerin Lola Lely eine Werkstatt aufgebaut. Blaue Tonnen stehen herum, es riecht nach Essig, Pflanzentinkturen, Arbeit. Hier färben Messebesucher zusammen mit Lola Lely Wolle mit Pflanzenfarben. "Die Menschen wollen wieder eine persönliche Beziehung zu einem Produkt haben", begründet Lola Lely ihre Aktion. "Sie möchten wissen, wie es gefertigt wurde und wo es herkommt." Das Besondere an dieser Inszenierung: Lola Lely kommt nicht aus irgendeiner Öko-Kommune. Sie designt für Fendi, Selfridges oder Veuve Clicquot. Und sie ist kein Einzelfall. Eine Woche später erlebt man in der Nachwuchs-Ausstellung der Kölner Möbelmesse ein Déja-Vu. Auf einer großen Stellwand zeigt Lisa Effertz von der Folkwang Universität der Künste anhand von kleinen Stoffproben, welche Farben man mit Rotkohl, Blauholz, Granatapfel oder Schwarzen Bohnen erzielen kann. "Lost Color" heißt ihr Projekt.

Trend 1: Rot, Koralle, Papaya, Nude

Information

Im "Wiener Journal" vom 16. März 2018.

Schaut man sich die Farbrange der Januar-Messen 2018 an, ist man oft gar nicht so weit entfernt vom Pflanzensud. Pastellfarben sind nach wie vor ein beherrschendes Thema, zusammen mit hellen Stein-, Beige- und Taupe-Tönen und einigen kräftigen, akzentuierenden Farbtönen. "Greenery", die Farbe des Jahres 2017, bleibt in allen denkbaren Nuancen erhalten. Den großen Auftritt hatte in diesem Januar aber ein anderer Ton. Lola Lely: "Nachdem mehrere Jahre Blau, insbesondere Indigo, dominant war, sehe ich jetzt eine Entwicklung ins Rötliche, in die Terrakotta-Richtung." Ein Trend, den Fachbesucher der Kölner Möbelmesse bestätigen. Egal, ob in den Wohnbildern mit hochwertigen Designmöbeln oder in den Hallen mit Möbeln für die Masse – Farbverläufe von Rosa und Apricot bis zu Koralle und Terrakotta waren vielerorts zu sehen. Georg Emprechtinger gibt im Namen seines Kreativ-Teams ebenfalls eine passende Parole aus. "Wir empfehlen als Impulsfarbe Papaya", so der Chef der österreichischen Firma Team 7. "Ultraviolet", vom Pantone-Farbinstitut zur Farbe des Jahres 2018 erklärt, war auf den Messen zwar auch zu sehen – meist aber eher als Hingucker denn als echte Wohnfarbe.

Trend 2: Stein, Eiche, Spiegelungen

Der Trend zu edlen Oberflächen, der schon auf den letzten Messen zu sehen war, war dieses Jahr noch intensiver. So gab es bei vielen Herstellern Marmortische, wie man sie noch aus dem Midcentury des letzten Jahrhunderts kennt. Holz wurde wieder als Thema zelebriert. Neben dem nach wie vor beliebten hellen Eicheton gab es Balkeneiche geräuchert und andere dunkle Hölzer zu sehen. Ob Messegag oder ernsthafter Gestaltungsansatz – auffallend viele Anbieter setzten ihren Ehrgeiz darein, besonders große Tische aus einem einzigen, längs gesägten Baumstamm zu präsentieren. Eine sehr schöne Version namens "Ippongi 2018" ist dem Designer Minoru Nagahara für die japanische Firma Conde House gelungen. Unbedingt bemerkenswert ist auch ein anderer Oberflächentrend: Spiegel. So stellte der Wohnmöbelhersteller Piure sein Sideboard "Nex Glamour" mit Spiegelfronten vor – nach einem alten Verfahren in Silber oder Gold aufwändig gestaltet. Weiterer Indikator für den Spiegeltrend: Zu den interessantesten Objekten der imm cologne wurden von einer angesagten Designzeitschrift der Tisch "Plie Table" und ein dreidimensionales Spiegelobjekt namens "Piega Mirror" der französischen Designerin Victoria Wilmotte für Classicon gekürt. Das Spiegelthema begegnete Messebesuchern aber auch im Nachwuchsbereich der Kölner Möbelmesse. Studierende der Hochschule Darmstadt hatten eine Art Spiegelkabinett entworfen – mit der Aufforderung an ihre Zeitgenossen, nicht ständig per Social Media auf die Anderen zu schielen, sondern sich wieder mehr auf sich selbst zu besinnen. Interessant, wie der Spiegel sich vom einstigen Objekt der eitlen äußeren Selbstbespiegelung zum Symbol für Verinnerlichung wandelt. Über die Spiegel hinaus gab es eine große Vielfalt weiterer Materialien zu sehen: glänzende und matte Lackflächen, hintermaltes Glas, matte Keramikoberflächen, Fronten in Beton-Optik und ein kreatives Spiel mit Optiken der Oxidierung.

Trend 3: Weiche Stoffcouch und Smartsofa

Man merkt, dass eine neue Generation in der Sofa-Produktentwicklung angekommen ist: Die Sofas werden weicher! Bisher galt: Wer repräsentieren will, sitzt lieber auf als in dem Sofa. Das ist jetzt auch in den höheren Preislagen nicht mehr zwingend. So, wie man heute im (gebrandeten) Jogginganzug auf Businessevents erscheinen kann, so kann man auch einen nicht ganz so vertrauten Gast in ein weiches Sofa einladen. Am besten, man probiert es selbst mal aus. "Setzen Sie sich ruhig in ein übertiefes weiches Sofa, mit hochgelegten Füßen", sagt Bretz-Inhaber Hartmut Bretz. "Es ist erwiesen, dass Sie sogleich in einen anderen Entspannungszustand kommen." Die coolen deutschen Sofamarkenmacher haben verstanden. Rolf Benz schickt 2018 extra weiche Sofas auf den Messe-Laufsteg, ebenso wie Cor, Brühl und auch der große Polstermöbelhersteller Himolla. Außerdem gab es etliche Sofas zu sehen, auf denen man gemeinsam relaxen und dabei verschiedene Medien benutzen kann. Ligne Roset stellte mit "L’imprévu" von Marie Christine Dorner ein modulares Sofa vor, das jederzeit unterschiedlich angeordnet werden kann. Das Designerteam Kaschkasch näherte sich dem Thema von der Betten-Seite und stellte für Zeitraum ein flexibles Bett in Futon-Optik vor.

Grün, regional, nachhaltig – in der Trendschau der Heimtextil-Messe wurde eine Bürowelt mit üppigen Grünpflanzen inszeniert.

Grün, regional, nachhaltig – in der Trendschau der Heimtextil-Messe wurde eine Bürowelt mit üppigen Grünpflanzen inszeniert.© Heimtextil Grün, regional, nachhaltig – in der Trendschau der Heimtextil-Messe wurde eine Bürowelt mit üppigen Grünpflanzen inszeniert.© Heimtextil

Trend 4: Kleine Möbel für die Stadt.

"Erstmals in der Geschichte lebt heute über die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten", stellt das Zukunftsinstitut Wien in einem aktuellen Beitrag fest. "Selbst in hochentwickelten Flächenländern ist die Landflucht – entgegen den Erwartungen vieler Demografen – ungebrochen." Nachdem viele Möbelhersteller die Entwicklung lange ignorierten, reagieren jetzt alle. Sei es für den Wohnraum, das Bad oder die Terrasse – überall sind kleinere, zierlichere, leichtere, oft modulare Möbel zu sehen. Manche Hersteller stellten in diesem Jahr ihren gesamten Stand unter das Motto Urbanität – zum Beispiel der österreichische Gartenmöbelanbieter Viteo oder die finnische Traditionsfirma Artek. Ein maßgebliches Stichwort ist in diesem Zusammenhang auch das platzsparende "Tiny House", für das viele Idealisten weltweit werben. Die Zeitschrift "Wohnidee" stellte im Rahmen der diesjährigen Möbelmesse einen "Flying Space" vor, den sie zusammen mit Fertighaushersteller Schwörer entwickelt hat – einen vielfältig einsetzbaren Kubus mit einer Wohnfläche von rund 50 Quadratmetern.

Trend 5: Dunkle Salons und Stilspiele

Glas, hell, luftig, loftig? Vorbei! Jetzt wird es dunkel, höhlenartig, samtig. Zumindest, wenn es nach den Millenials – den um das Jahr 2000 Geborenen – geht. In diesem Trend zeigt sich die Sehnsucht nach einer sinnlichen Gegenwelt zu Digitalisierung und Transparenz. Ihr wichtigstes Kennzeichen: dunkel gestrichene Wände, Möbel mit nostalgischer Ausstrahlung – gerne auch in bunten 80er-Jahre-Farben – und liebevoll ausgesuchte Dekoelemente. Viele Messestände erinnerten in Köln an Höhlen oder Kabinette, in die man abtauchen konnte. Aber mit Stil, bitte! Sei es mit Anleihen an die 1950er und 1960er Jahre, mit ihren modernistischen Möbeln und ausgestellten Möbelfüßchen, oder als Hommage an die Salons der vergangenen Jahrhunderte, wo dann auch gern einmal ein Hauch Barock, ein Happen Biedermeier oder das Flair des Art Deco eine Rolle spielen dürfen. Die niederländische Polstermöbelfirma Leolux hat dem sogenannten "Midcentury Style" der 1950er und 1960er ein ganz eigenes Möbel-Label namens "Pode" gewidmet – mit feinen geraden Linien und gedeckten Farbtönen. Auf leichtfüßigere Art griff die Sofafirma Freistil aus dem Schwarzwald vergangene Wohngewohnheiten auf – mit einer Neuinterpretation des Ohrensessels, der in einer Sonderedition mit dem Stoff des Berliner Fashion-Designers Dawid Tomaszewski bezogen war. Wer es lieber anarchistisch mag, zeigt der Moderne die kalte Schulter und lebt den neuen Boho-Style. Bunte Ethno-Muster existieren hier neben modernen grafischen Designs, grobe Wollstoffe neben feinstem Leder, und ein Flohmarkt-Korbtisch gesellt sich freudig zum Eames-Chair.

Trend 6: Grün, regional, nachhaltig

Nachhaltigkeit ist heute eigentlich kein Trend mehr, sondern ein Bestandteil der Markenkommunikation. Doch in jeder Möbelsaison entfaltet "Nachhaltigkeit" ihre ganz besondere Botschaft. In diesem Jahr haben sich die Trendforscher der Frankfurter Heimtextil-Messe in Sachen Nachhaltigkeit so richtig ausgetobt: Im "Theme Park" zeigten sie eine üppig begrünte Büro-Welt – ein Gewächshaus der Produktivität sozusagen. Denn je mehr Menschen in den Städten leben und arbeiten, desto wichtiger wird Natur. Für die Luft und die Ökobilanz ebenso wie für die menschliche Psyche. Architektonische Vorreiter haben deshalb längst damit begonnen, üppig begrünte Wohnhäuser zu bauen und über den professionellen Anbau von Nutzpflanzen in Hochhäusern nachzudenken. Wenn es um die Produktsprache ging, so war Nachhaltigkeit auf der diesjährigen Messe auffallend cool – mit puristischen Formen und archaisch anmutenden Materialien. Das konnte man bei Herstellern wie Team 7, Zeitraum, Noorstad oder e 15 sehen.

Trend 7: Smart Home

Dass im Haus zusehends alles vernetzt ist und man für viele Verrichtungen nicht mehr aufstehen muss, haben Besitzer von Alexa, dem Amazon Echo oder dem Google Sprachassistenten längst verinnerlicht. Die begeisterten Messeberichte der letzten Jahre über Elektrogeräte, die miteinander kommunizieren und/oder aus der Ferne gesteuert werden können, sind dadurch passé. Dementsprechend ging es bei der diesjährigen Ausstellung "Smart Home" der Kölner Möbelmesse auch verstärkt um Sonderthemen wie zum Beispiel das barrierefreie Wohnen. So stellte das Unternehmen SV-Automaten ein Sensor-System vor, das registriert, wenn Senioren in ihrer Wohnung hinfallen. Das System ist nachrüstbar und kann auch in Mietwohnungen installiert werden. Zu einer echten Messe-Anekdote in Sachen "smarte Technik" wurde ein Lifestyle-Accessoire der Firma Somnox, das die Firma Auping aus den Niederlanden vorstellte: ein Schlafroboter in Form eines bohnenförmigen Kissens, das seine Nutzer durch regelmäßige Atemgeräusche und andere Sounds beruhigen soll. Auf Wunsch wird auch das zunehmende Tageslicht simuliert – was zu einem weiteren Thema führt: dem Licht als lang vernachlässigtem Wohn-Element. Die tschechische Leuchten-Designerin Lucie Koldova zeigte auf der Kölner Möbelmesse ihre Vision eines vielfältig beleuchteten Hauses, in dem je nach Stim-
mung unterschiedliche Atmosphären herrschen.

Darauf, dass der Mensch neben all diesen technischen Gimmicks aber noch etwas ganz anderes und viel Bodenständigeres braucht, weist Ursula Geismann, Trendexpertin des Verbands der deutschen Möbelindustrie, hin: "Der Konsum echter Kerzen steigt laut European Candle Association (ECA) seit gut fünf Jahren merkbar an, mit weiterer Tendenz nach oben." Passend zu diesem Phänomen spricht Geismann denn auch von einer "Digitalisierung bei Kerzenschein."

Doch was heißt das für unsere Zukunft? Häkeln wir jetzt wieder Decken im Schaukelstuhl? Ja, durchaus. Glaubt man den Trendforschern, werden Verlangsamung, Selbermachen und Nostalgie auch mittelfristig wichtige Trends sein. Keine Angst also vor Homo Smartphone. Zuhause wird es noch gemütlicher.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-15 13:58:47
Letzte Änderung am 2018-03-15 14:18:44


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