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Freizeit

Update: 07.04.2018, 16:38 Uhr

Fitness

Die Ära der Selbstoptimierung




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Von Adrian Lobe

  • Die Fitness-Industrie erlebt einen neuen Boom. Immer mehr Menschen stählen sich als Abonnenten im Studio.



Gesundheit als Statussymbol: Selbstoptimierung ist ein neoliberales Programm.

Gesundheit als Statussymbol: Selbstoptimierung ist ein neoliberales Programm.© Victor Freitas Gesundheit als Statussymbol: Selbstoptimierung ist ein neoliberales Programm.© Victor Freitas

Wenn man in den Abendstunden durch die Innenstädte spaziert und einen Blick in die Glasfassaden moderner Gebäude wirft, sieht man zuweilen sportliche Männer und Frauen, die in Fitness-Studios auf Laufbändern joggen oder auf Hometrainern strampeln, als würden sie eine Art Schaulaufen vollführen. Es sind nicht nur die durchtrainierten, asketischen, drahtigen Figuren, die sich hier stählen, sondern auch durchschnittlich sportliche Männer und Frauen, manche sogar leicht übergewichtig, die nach dem Feierabend beim Workout ihre körperliche Fitness optimieren. Studenten, Arbeiter, Hipster, Banker, Unternehmensberater - es sind alle gesellschaftlichen Milieus vertreten.

Fitness-Ketten wie McFit werben mit Slogans wie: "Dein stärkster Muskel ist dein Wille" oder "Werde Teil von etwas Großem: Dir selbst." In Werbespots, die mit einer Ästhetik aus amerikanischen Gyms und "Rocky"-Filmen spielt, appelliert das Unternehmen an die ultimative Eigenverantwortung: "Nichts kann jemanden stoppen, der auf dem Weg zu sich selbst ist. Mach dich wahr!"

Arbeit am Selbst

Die "Financial Times" fragte kürzlich in ihrer Wochenendausgabe unter der Überschrift "The dumb-bell economy" ("Dumbbell" kann im Englischen sowohl Dummkopf als auch Hantel bedeuten): "Wo sich Millennials immer mehr um ihr physisches und mentales Wohlergehen sorgen, ist der Gym zum neuen Pub geworden?" Immer mehr Jugendliche gehen in ihrer Freizeit ins Fitness-Studio, stemmen Gewichte, stählen ihre Muskeln beim Hanteltraining und verbessern die Kondition auf dem Laufband. Die Generation Koma-Saufen, die im Alkohol einen Bewältigungsversuch auf die Wirren der Moderne sah, ist passé. Stattdessen feilt man heute an seiner Fitness. Die Studios platzen aus allen Nähten, an jeder Ecke eröffnet ein neues Zentrum. Analysten sagen ein "goldenes Zeitalter" der Fitness-Industrie voraus.

Information

Adrian Lobe, geboren 1988 in Stuttgart, studierte Politik- und Rechtswissenschaft in Tübingen, Heidelberg und Paris. Freier Journalist für diverse Medien im deutschsprachigen Raum (u.a. "FAZ", "NZZ" und "Wiener Zeitung").

Nach Angaben der Marktforschungsgesellschaft Marketwatch haben US-Amerikaner allein im vergangenen Jahr 19 Milliarden Dollar für Mitgliedschaften in Fitness-Clubs ausgegeben. Dazu kommen 33 Milliarden Dollar für Sportartikel. Eine regelrechte Fitness-Industrie ist in den vergangenen Jahren entstanden. Online-Shops wie "mycare.de" oder "feelgood-shop.com" vertreiben Nahrungsmittelergänzung wie Pro-
teinpräparate, Grüntee-Extrakte in Kapselform und flüssiges Eiklar.

Auf Portalen wie "I Make You Sexy" melden sich tausende Menschen kostenpflichtig an, um per Abnehm-Coaching zur Traumfigur zu gelangen. Was treibt diese Menschen an? Was ist das für eine Gesellschaft, wo man nach der kräftezehrenden Arbeit, nach einem Zehn-Stunden-Tag im Büro oder am Fabrikband in einem Fitness-Studio auch noch an der körperlichen Physis schuftet? In der man sich abends nicht mehr auf ein Feierabendbier in der Bar verabredet, sondern auf einen Eiweißshake im Fitness-Studio?




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-06 14:06:03
Letzte nderung am 2018-04-07 16:38:08



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