• vom 23.11.2018, 15:04 Uhr

Kulinarik

Update: 23.11.2018, 15:24 Uhr

Wiener Journal

Die Folgen der Gemütlichkeit




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Von Christian Hoffmann

  • Die Gemütlichkeit, wie sie in vielen Wienerliedern besungen wird, scheint untrennbar mit dem Konsum von Alkohol verbunden zu sein. Heutzutage weiß man allerdings, dass dieser Konsum schon lange vor dem Stadium der Abhängigkeit die Gesundheit nachdrücklich schädigt. Da stellt sich natürlich die Frage, wie das zusammenpassen kann. Gemütlichkeit als Selbstzerstörung?

Helmut Qualtinger (im Bild links) und Gerhard Bronner verstanden es, Österreich immer wieder in gespenstischer Weise einen Spiegel vorzuhalten.

Helmut Qualtinger (im Bild links) und Gerhard Bronner verstanden es, Österreich immer wieder in gespenstischer Weise einen Spiegel vorzuhalten.© First Look / picturedesk.com Helmut Qualtinger (im Bild links) und Gerhard Bronner verstanden es, Österreich immer wieder in gespenstischer Weise einen Spiegel vorzuhalten.© First Look / picturedesk.com

Man schrieb das Jahr 1960, als Gerhard Bronner und Helmut Qualtinger unter dem Titel "Krügerl vor’m G’sicht" eine Sammlung sehr spezieller, boshafter Wienerlieder herausbrachten, mit denen sich die beiden nicht gerade beliebt machten. Das goldene Wienerherz war gar nicht amüsiert über ein Lied, dessen Refrain lautete:

"A Krügerl, a Glaserl, a Stamperl, a Tröpferl
Da werd’n uns’re Äugerln gleich feucht
Da warmt si’ des Herzerl,
Da draht si mei Köpferl,
Die Fußerln werd’n luftig und leicht
Dann muaß i der Musi’ an Hunderter reib’n,
I bin in mein’ Himmel – und dann geh’ i speib’n."

Das Lied, das Bronner und Qualtinger da sangen, reiht sich scheinheilig in die Tradition des Wienerlieds, wie es sich seit der Gründerzeit entwickelte, als Wien allmählich eine wirkliche Großstadt wurde und man mehr und mehr das Volkstümliche heraufbeschwor, das mit der Industrialisierung unwiderruflich verloren ging. Und diese Art von Volkstümlichkeit, auf die man in Wien bis zum heutigen Tag stolz ist, scheint ohne massiven Alkoholkonsum undenkbar zu sein. Niemand konnte sie so intensiv verkörpern wie Hans Moser mit seiner legendären Interpretation des Liedes "Die Reblaus", dem Inbegriff der verklärten Trostlosigkeit: "Ich sitz oft stundenlang allein auf einem Fleckerl in einem Weinlokal in einem stillen Eckerl. Einem anderen Menschen wäre das vielleicht zu dumm doch ich bin selig dort und ich weiß warum." Und dann folgt im Refrain die wienerische Seelenwanderung, ein Loblied auf die Abhängigkeit vom Alkohol: "I muass im frühern Lebn eine Reblaus gwesen sein, ja, sonst wär die Sehnsucht nicht so groß nach einem Wein."

Akademisch gesprochen weisen solche Texte darauf hin, dass Österreich wie Deutschland oder die Schweiz in den Worten des Soziologen Wolf Wagner zum Typus der "Alkoholdeterminierten Kulturen" gehört. Wagner unterscheidet in dieser Hinsicht fünf verschiedene Arten der Beziehung einer Kultur zum Konsum von Alkohol: Prohibitive Kulturen, die Alkohol generell verbieten, wie vielen islamische und hinduistische Länder. Alkoholexeptionelle Kulturen, die Alkoholkonsum ausnahmsweise zu fest definierten Gelegenheiten erlauben. Alkoholpermissive Kulturen, wie sie traditionell in vielen romanischen Ländern bestehen, in denen regelmäßiger Alkoholkonsum in klaren Grenzen erlaubt ist, die aber das Betrunkensein ausschließen. Alkoholdeterminierte Kulturen, die den Konsum von Alkohol in viele Bereiche des Alltags gewohnheitsmäßig integrieren ("und dann geh’ i speib’n"). Und schließlich, fünftens, alkoholpathologische Kulturen, in denen exzessiver Alkoholkonsum in den Alltag integriert ist, wie in vielen slawischen Ländern.

Die Kultur des Alkohols

Statistisch bilden sich diese Zusammenhänge sehr deutlich im aktuellsten Jahrbuch der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2016 ab. Dem ist zu entnehmen, dass Österreich unter 194 Ländern im Spitzenfeld liegt, was den jährlichen Alkoholkonsum pro Kopf der Bevölkerung betrifft, nämlich auf Platz 35 mit 10,6 Litern reinem Alkohol pro Jahr. Ganz an der Spitze sind übrigens Litauen und Russland zu finden, mit 18,2 beziehungsweise 13,9 Litern. Ganz weit hinten liegt in dieser Statistik, um den Bezug zur Typologie von Wolf Wagner herzustellen, die Türkei, mit nur 1,9 Litern pro Kopf der Bevölkerung.
Dass man in den deutschsprachigen Ländern in einer vom Alkohol determinierten Kultur lebt, zeigt sich auch an den großen Vertretern dieser Kultur. Von Johann Wolfgang von Goethe zum Beispiel, um nur einen der Großen dieser Tradition nennen, wird berichtet, dass er täglich bis zu drei Flaschen Wein konsumiert haben soll. Gegenüber seinem Verehrer Eckermann, der viele Gespräche aufgezeichnet hat, soll er aber bemerkte haben, dass "der Wein nicht jedem bekomme". In diesem Zusammenhang soll er über seinen Freund Schiller gesagt haben, dass dem der Alkohol gar nicht gut tue: "Was gescheite Köpfe an seinen Sachen aussetzen, leite ich aus dieser Quelle her." Zugleich muss der Geheimrat auch jenseits der Literaturkritik sehr genau über die zerstörerische Wirkung des Alkohols Bescheid gewusst haben, gingen doch sowohl seine Frau Christiane als auch sein Sohn August im Alkohol unter.

Seit damals sind zweihundert Jahre vergangen, und medizinisch sind mittlerweile die Wirkung des Alkohols jenseits aller Mythen vom "gesunden Glaserl" sehr genau belegt. Alkohol, chemisch gesprochen Ethanol, ist ein Gift, das schon lange vor dem Stadium der Abhängigkeit den Körper in vielfältiger Weise beschädigt. In verschiedenen Studien wurden Grenzen definiert, bis zu denen der Konsum von Alkohol in Hinblick auf die Gesundheit unbedenklich ist. Sie wurden vom österreichischen Gesundheitsministerium mit 24 Gramm Reinalkohol pro Tag für Männer und 16 Gramm für Frauen angegeben. Das entspricht einem Konsum von einem Viertel Wein oder einem halben Liter Bier für Männer, für Frauen geringfügig weniger. Wobei an mindestens zwei Tagen in der Woche gar kein Alkohol getrunken werden sollte.
Gegenwärtig sind sich die Mediziner darüber einig, dass sich der Konsum von Alkohol, wenn er diese Grenzen nicht überschreitet, nicht negativ auf die Gesundheit auswirkt. Wobei eine aktueller Artikel, der im April 2018 in der medizinische Fachzeitschrift "Lancet" veröffentlich wurde, diese Grenzen bestätigt. Nach der Auswertung mehrerer Studien mit knapp 600.000 Probanden, an denen rund 100 Forscher beteiligt waren, kamen die Autoren zum Schluss, dass sich das Sterberisiko und das Risiko von Herz-Kreislauferkrankungen bei jenen Menschen deutlich erhöhe, die mehr als 100 Gramm Alkohol pro Woche zu sich nehmen, also mehr als fünf Halbe Bier oder fünf Viertel Rotwein.

Zu den Folgewirkungen eines Alkoholkonsums jenseits der Grenze, die als harmlos gesehen wird, gehören unter anderem Gastritis, Entzündungen der Leber und Bauchspeicheldrüse, manche Formen von Diabetes sowie ein erhöhtes Risiko an bestimmten Arten von Krebs zu erkranken (Rachen, Kehlkopf, Speiseröhre, Magen, Leber, Brust), oft auch in Zusammenhang mit alkoholbedingtem Übergewicht. Daran kann kein Zweifel bestehen. Diese Konsumgewohnheiten, die noch nicht unbedingt mit Suchtverhalten gleichzusetzen sind, sind weit verbreitet. Ungefähr zwanzig bis dreißig Prozent der österreichischen Bevölkerung pflegen in diesem Sinn einen riskanten Umgang mit der Droge. Und ungefähr fünf Prozent sind von der Alkoholkrankheit im engeren Sinne betroffen.
Und trotzdem scheint das Bewusstsein über die langfristigen Wirkungen übermäßigen Konsums von Alkohol merkwürdig unterentwickelt. Man hat fast den Eindruck, dass die Nachfahren des selbstzerstörerischen Kanzleirats, den Hans Moser so weinselig verkörperte, gar nicht so genau wissen wollen, was sie ihrem Körper zumuten. Oder wie sangen seinerzeit Bronner und Qualtinger?

"Wolltens net gar so viel Bsoffene ham
Geberts fürs Saufn net so viel Reklam
drum hör i nimmer auf, geht a mei Leber drauf
kriag i a Krankengeld, dass i's versauf."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-23 15:07:17
Letzte Änderung am 2018-11-23 15:24:44


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