• vom 14.12.2018, 15:33 Uhr

Kulinarik

Update: 14.12.2018, 15:49 Uhr

Wiener Journal

Kinder, Kekse – Chaos




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Von Monika Jonasch

    Weihnachten ist erst perfekt, wenn es nach Keksen duftet? Wer Kinder hat, kommt an diesem Pflichtprogramm kaum vorbei. Von einer Idylle ist das kreative Werken mit Nachwuchs, Teig und Ofen meist aber weit entfernt. Gute Planung, starke Nerven und viel spontane Problemlösungskompetenz können jedoch für schöne Erinnerungen sorgen.


    Kinder lieben Keksteig, weil sich damit allerlei Interessantes anstellen lässt - © Danilo Andjus / Getty

    Kinder lieben Keksteig, weil sich damit allerlei Interessantes anstellen lässt © Danilo Andjus / Getty

    Wenn der Geruch von selbstgebackenen Keksen die Wohnräume durchzieht, überkommt einen dieses wohlig-warme Gefühl von Vorfreude: Bald ist Weihnachten. Da dieses Fest so sehr mit Erinnerungen an die eigene Kindheit verbunden ist, werden im Advent Familientraditionen hochgehalten, wie Keksbacken, so wie einst bei Mama oder Oma. Sind dann noch Kinder im Haus, führt ohnehin kein Weg daran vorbei: Es muss gebacken werden!
    Oftmals wird allerdings der Aufwand unterschätzt, den eine solche Aktion mit kreativen kleinen Helfern mit sich bringt. Die goldene Faustregel lautet: Je kleiner die Kinder, desto mehr sollte vorbereitet werden, desto einfacher sollte die "Versuchsanordnung" sein und desto eher muss man mit diversen Nebenwirkungen rechnen.
    Erfahrene Eltern empfehlen, den Teig im Alleingang – am besten bereits am Vortag – vorzubereiten. Das sorgt beim beliebten Mürbteig außerdem dafür, dass er sich auch leichter verarbeiten lässt. Kompliziertere Teiggemische macht man ohnehin besser allein, also bleiben wir sicherheitshalber beim Mürbteig. Im Kühlschrank lässt sich dieser Teig auch gut aufbewahren, am besten nimmt man jeweils nur eine gewisse Portion zum Verarbeiten heraus, dann bleibt der Rest kühl, was Zerfallserscheinungen vorbeugt.
    Bevor es losgeht, noch ein Blick auf die Arbeitsumgebung, das wird wohl meist die Küche sein. Am besten noch alles wegräumen, was irgendwie im Eifer des Gefechts in Mitleidenschaft gezogen werden könnte – eine freie Arbeitsfläche ohne Hindernisse ist das Ziel. Allerdings befindet sich diese zumeist in Erwachsenenhöhe. Die Kleinen müssen dann erst auf die richtige Höhe gebracht werden – von Hockern fallen sie im Eifer des Gefechts aber leicht hinunter. Womöglich gibt es ja einen robusten Couchtisch oder einen Kindertisch, den man nützen könnte, der hätte eher die richtige Höhe.
    Nebenwirkungen

    Voller Eifer dürfen die kleinen Keksbäcker nun endlich loslegen. Der Nudelwalker ist äußerst beliebt, denn je kleiner die Hände, umso besser fühlt sich ein großes Werkzeug an. Die bemehlte Arbeitsfläche sorgt auch für vielerlei Möglichkeiten: Das Mehl staubt so schön, einmal hineinblasen und Wolken steigen auf. Ist das schön! Schnell sind Hände, Umgebung und Kindernasen voll Mehl. Jetzt bloß nicht niesen – zu spät … Egal, man hat sich sowieso keine Illusionen gemacht, dass das Saubermachen danach nicht mindestens genauso lange dauert wie die Kekserei selbst.
    Endlich ist der Teig ausgerollt – mit Hilfe von Erwachsenenhänden, was aber nicht für jedes Kind akzeptabel ist und schnell zu Unmutskundgebungen führen kann. "Ich kann das allein!" ist da ein beliebter Kampfschrei. – Zwei und mehr Kinder multiplizieren diese Problematik übrigens. Wer darf den Nudelwalker benützen und wie lange? Und was macht man mit der Ersatzmannschaft, die auch etwas zu tun haben will. Schnell wird da das massive Holz zur Waffe in Kinderhänden, aber hallo!
    Also umgehend die Ausstechformen ins Spiel bringen. Am besten nur ein paar davon, mit möglichst wenigen Ecken und kleinteiligen Verzweigungen, denn was für Erwachsene schon knifflig ist, ist für die Kleinen fast unmöglich und auch für Größere womöglich jenseits der
    Frusttoleranzgrenze. – Und Keksteig kann mit entsprechend wütender Vehemenz ganz schön weit fliegen …
    Jedenfalls drückt der Nachwuchs nun eifrig die Formen in den weichen Teig. Jetzt ganz schnell fotografieren, die Idylle kann nämlich ganz plötzlich vorbei sein! Es zählt der Augenblick, und nur dieser vermittelt auch im Nachhinein noch das gewisse Feeling, mit dem man vor Freunden und Familie via soziale Medien oder noch analog, in Papierfoto-Form, angeben kann. – Solche Fotos erzeugen noch mehrere Jahre später die Sehnsucht nach Wiederholung. Wenn man nämlich ausreichend Abstand zu sämtlichen mit der Kekserei verbundenen Nebenereignissen hatte, riskiert man es sicher wieder. Das ist wohl ähnlich wie beim Geburtserlebnis …
    Weiter geht es, wir sind also mitten drin, in der kreativen Phase. Der Teig fühlt sich an wie Knetmasse, interessant, was man damit noch so alles formen könnte. Spätestens jetzt verabschieden sich naive Jungeltern von der Idee "schöne" Kekse produzieren zu dürfen. Kinder haben eigene Ideen, eine Schlange, ein Hundehaufen, eine Kugel mit Gesicht oder ein zermatschter Stern liegen bei Kindergartenkids hoch im Trend. Loben Sie sie auf jeden Fall, schmecken tut’s ja trotzdem. Hoffentlich. Jedenfalls, wenn keine ungeplanten Zutaten beigemischt wurden …
    Volksschulkinder entwickeln womöglich einen etwas übertriebenen Ehrgeiz, dass das Endprodukt auch nach Sternen, Herzen oder Engeln aussehen soll. Umso schlimmer, wenn dann der Teig nicht mitspielt, klebt, zerfällt oder sonstwie unkooperativ ist. Wutausbrüche, Arbeitsverweigerung, Geschrei – die stillste Zeit des Jahres? Von wegen!
    Nun werken wir schon etwa 15 bis zwanzig Minuten mit Teig, Nudelholz und Ausstechformen – das ist ziemlich lang für die ganz Kleinen, ihre Konzentration lässt nach. Den ersten Mini-Köchen geht die Luft aus. – Hunger, Durst, Langeweile. Die entscheidende Frage ist nun: Pause oder Abbruch und das, was irgendwie fertig ist, schnell in den Ofen schieben? Den Rest kann man dann ja allein (gerne auch mitten in der Nacht, wann sonst hat man dafür die Zeit?) fertigmachen.
    Hilfe!

    Oder man übergibt den Nachwuchs an, in weiser Voraussicht im Voraus bereits zusammengerufene, Helfer und macht so lange allein weiter, bis die Kekse wirklich duftend aus dem Ofen kommen. Einen zweiten Erwachsenen beim Keksebacken dabei zu haben, ist jedenfalls kein Luxus.
    Zusätzliche Verstärkung empfiehlt sich insbesondere bei einer mehrköpfigen Helferschar unterschiedlicher Altersgruppen, denn sind die Minis schon fix und foxi, befinden sich ihre größeren Geschwister womöglich gerade mitten im Schaffensrausch. Und eigentlich sollte man weder die Kleinen noch die Größeren aus den Augen lassen, denn klebrige Masse, Mehl und Nudelwalker regen zu allerlei alternativen Kreativprojekten an. Hinzu kommt noch die Herausforderung, die lieben Kleinen, möglichst bevor sie sich anderen Spielen widmen, schnell zu säubern. Sonst finden sich Mehlstaub und Teigreste noch im Hochsommer danach an allerlei seltsamen Stellen.
    Mangels zusätzlicher Helfer scheint der Fernseher oft der einzige Ausweg, er kann die Gemüter so wunderbar beruhigen – auch wenn er natürlich pädagogisch pfui ist und so gar nicht in den stillen Advent und zur nostalgische Keksbäckerei zu passen scheint. Womöglich ist eine weihnachtliche Kindersendung aber tatsächlich die nervenschonendste Variante, das Experiment friedlich ausklingen zu lassen.
    Eltern mit Nerven wie Stahlseilen rufen dann noch zur zweiten Runde, dem Dekorieren, auf. Vielleicht empfiehlt sich das aber erst an einem Folgetag, das kommt auf die Kondition aller Beteiligten an. Weniger strapazierfähige Eltern verzichten lieber gänzlich auf eine der Runden und konzentrieren sich auf das, was für ihre Kinder am wichtigsten ist: verzieren oder ausstechen.
    Apropos Keksdekoration: Bunte Zuckerperlen, Mandeln, Rosinen, Schoko- oder Marmeladeglasur kommen da ins Spiel. Wehe, wer da zu viel Auswahl bietet! Schnell verteilt sich diese Dekovielfalt großzügig durch die Wohnräume. So haben Zuckerperlen die Eigenschaft überall zu landen, wo sie nichts zu suchen haben, in Ohren und Nasen, Schuhen und Handtaschen, Betten, Sofas, …
    Es empfiehlt sich auch vorab die Grundsatzfrage zu klären: Wer wird das üppig verzierte Naschwerk später wirklich essen? Klingt erst einmal komisch, aber ein Keks, das vor lauter Zuckerperlen und Glasur kaum noch zu erkennen ist, mag oft nicht einmal mehr sein kleiner Schöpfer verzehren.

    Keksblues

    Nehmen wir aber an, die Kekse sind endlich tatsächlich fertig geworden und landen mehr oder weniger verziert in passenden Aufbewahrungsdosen. Nun kommt der wirklich mühsame Teil, auch als "Keksblues" bekannt: Wer räumt den Dreck jetzt weg? Die Kinder sicher nicht, so viel ist klar. Die sind im besten Fall erschöpft und hocken mit glasigen Augen vor dem Fernseher – wie gesagt, die stillste Zeit des Jahres sorgt für pädagogische Herausforderungen. Oder sie rotieren mit zu viel Zucker intus durch die Gegend und können sich gar nicht mehr beruhigen – auch eine lustige Nebenwirkung der Keksebäckerei. Wer es schafft, den Nachwuchs rechtzeitig gesäubert und ruhig ins Bett zu bringen, verdient tiefsten Respekt, das fällt geradezu unter elterliche Perfektion.
    Noch immer jedoch wartet da ein zuckerklebriges, mehlbestäubtes Schlachtfeld auf Säuberung. Mancher mag da zum Alkohol greifen – ganz schlechte Idee! Vor allem Vätern gelingt es zuweilen, das Chaos einfach zu vergessen und die Füße hoch zu legen. So mancher rackert aber so lange weiter, bis alles wieder normal aussieht, die Uhr schlägt dann mindestens Mitternacht, Beine und Kreuz sind nicht mehr zu spüren und man findet vor Erschöpfung das Bett kaum noch.
    Ach ja, übrigens, zum Trost: Spätestens in elf Monaten sehen die Fotos von den Kleinen beim Keksbacken so unglaublich süß aus. Wenn dann die kalte Jahreszeit naht, überall der Duft nach köstlichen Bäckereien in der Luft hängt, hat man die Strapazen vergessen und wagt sich erneut ans vorweihnachtliche Keksbacken.
    Alle Jahre wieder …





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
    Dokument erstellt am 2018-12-14 15:35:39
    Letzte Änderung am 2018-12-14 15:49:13


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