• vom 06.05.2018, 10:00 Uhr

Kulinarik


Interview

"Mit Essen wird viel kompensiert"




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Sie haben zuvor gesagt, dass Ihrer Ansicht nach jeder Mensch tief im Inneren wüsste, was ihm guttut. Hunger- und Sättigungsgefühle wären ja natürliche Regulative. Woran liegt es, dass viele Menschen verlernt haben, auf diese Signale zu hören?

Diäten bringen allenfalls kurzfristig Erfolg, weiß Romana Wiesinger aus Erfahrung.

Diäten bringen allenfalls kurzfristig Erfolg, weiß Romana Wiesinger aus Erfahrung.© Apa/G. Hochmuth Diäten bringen allenfalls kurzfristig Erfolg, weiß Romana Wiesinger aus Erfahrung.© Apa/G. Hochmuth

Da sind wir wieder bei der Schnelllebigkeit. Wenn wir uns neben dem Essen mit dem Handy, Computer oder Fernseher beschäftigen, spüren wir gar nicht nach, ob wir vielleicht schon satt sind.

Wie findet man wieder zu dem Gespür für das natürliche Hunger- oder Sättigungsgefühl?

Wie bei allen Veränderungen geht das nicht von heute auf morgen, sondern schrittweise. Das fängt damit an, dass ich, bevor ich etwas esse, vielleicht kurz innehalte und nachfrage: Habe ich überhaupt Hunger? Wenn Menschen wirklich versuchen, achtsamer mit ihrem Körper umzugehen, passiert es ganz oft, dass sie dann draufkommen: Eigentlich brauche ich jetzt kein Essen, sondern etwas ganz anderes - ein Gespräch mit einem Freund, eine kurze Ruhepause etc. Wenn ich mir die ganze Bandbreite an Möglichkeiten anschaue, werde ich vielleicht etwas finden, das mir in diesem Moment weiterhilft, mir Trost spendet. Je mehr Alternativen mir bewusst werden, die mir guttun, desto weniger werde ich alles über die Nahrungsmittel ausdrücken müssen. Wenn ich generell lerne, besser auf meine Bedürfnisse zu achten, werde ich auch wieder das natürliche Hunger- und Sättigungsgefühl wahrnehmen.

Beim Essen sollte man also im wahrsten Sinne des Wortes auf sein Bauchgefühl hören?

Ja, und auch diejenigen Speisen essen, auf die man Gusto hat. Natürlich mit Maß und Ziel. Wenn ich mir gewisse Lebensmittel strikt verbiete, wird die Gier darauf viel größer werden. Oft kommt es dann irgendwann zu Heißhungerattacken, weil man ständig den Gedanken an dieses Lebensmittel, das man sich verbietet, im Kopf hat.

Sie haben eine ganz klare Haltung zu Diäten. In Ihrem Buch schreiben Sie: "Egal, wie die Diät heißt, vergessen Sie sie besser gleich. Wenn eine Diät etwas beitragen kann, dann höchstens, den Weg in die Essstörung zu ebnen".

Ich spreche hier aus meinen 16 Jahren Erfahrung mit dem Thema Essen und Essstörungen.

Es kommen also Menschen mit Gewichtsproblemen zu Ihnen, die schon die x-te Diät ausprobiert haben und bei denen sich trotzdem keine Erfolge einstellen?

Ja, diese Leute sind Experten in Diäten. Eine Diät kann kurzfristig Erfolg bringen, aber langfristig stellt sich die gewünschte Veränderung erfahrungsgemäß eben nicht ein. Egal, wie diese Diät auch immer heißen mag, ob man Kohlenhydrate weglässt oder neuerdings diesem Trend folgt, nur jeden zweiten Tag etwas zu essen. Davon halte ich übrigens überhaupt nichts, weil der Körper dadurch zwangsläufig aus dem Rhythmus gerät. Außerdem möchte ich meine Klienten dazu ermutigen, dass sie freundschaftlicher mit ihrem Körper umgehen. Und das ist nicht der Fall, wenn ich mir jeden zweiten Tag das Essen verbiete.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-03 19:03:40
Letzte Änderung am 2018-05-04 13:59:50


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