• vom 16.09.2018, 10:00 Uhr

Mode


Frankreich

"Jede Haut ist wie ein Buch"




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Von Hans-Paul Nosko

  • Die südfranzösische Stadt Millau ist ein altes Zentrum der Handschuhindustrie des Landes. - Ein Besuch in der renommierten Manufaktur Fabre.

An ihr kann man sich die Finger verbrennen: Die metallene "Main chaude" (l.) bringt Handschuhe auf die gewünschte Größe. Meister Jean-Marc Fabre im Atelier. - © Maison Fabre

An ihr kann man sich die Finger verbrennen: Die metallene "Main chaude" (l.) bringt Handschuhe auf die gewünschte Größe. Meister Jean-Marc Fabre im Atelier. © Maison Fabre

"Wenn ein junger Mann beim Vater seiner Angebeteten wegen einer künftigen Eheschließung vorstellig wurde, musste er unbedingt Handschuhe tragen", erzählt Christine Vanicate. Und das ist noch nicht allzu lange her. Bis in die 1970er Jahre bestand diese Verpflichtung für französische Brautwerber. Christine ist Führerin im Museum von Millau, das einen großen Teil seiner Räumlichkeiten der Handschuhmacherei widmet: Die südfranzösische Kleinstadt war seit dem 19. Jahrhundert eines der Zentren der Handschuhindustrie des Landes.

Von der Ganterie lebte Millau bis in die Sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts recht gut: 1963 waren rund 6000 der damals rund 20.000 Einwohner in Handschuhfabriken beschäftigt, deren es mehr als 80 gab. Danach ging es mit der Branche rapide bergab. "Das Kleidungsstück kam aus der Mode", sagt Vanicate. Dazu trat eine immer stärkere Konkurrenz aus Asien, die den europäischen Markt mit Billigprodukten überschwemmte.

Krise der Branche

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Hans-Paul Nosko, geboren 1957, hat Rechts- und Staatswissenschaften studiert und lebt als Journalist und Kolumnist in Wien

Heute arbeiten nur noch etwa hundert Leute in den Handschuhmanufakturen von Millau, deren Zahl auf fünf zurückgegangen ist. Eine davon ist die "Maison Fabre", etwas abseits des Zentrums gelegen und mit einem distinguierten Anstrich versehen: Die Außenmauer in kräftigem Rot, die Fensterumrahmungen in strahlendem Weiß. "Unser Haus besteht seit 1924", berichtet Jean-Marc Fabre. Der 52-Jährige führt das Unternehmen gemeinsam mit seinem Bruder Olivier in der nunmehr vierten Generation. Auch sein Betrieb blieb von der Krise der Branche nicht verschont: Beschäftigte Fabre vor 50 Jahren noch 350 Personen, so sind es heute gerade einmal 16 Leute, die in der Produktion arbeiten.

Das Unternehmen ist im exquisiten Segment angesiedelt. Die Preise für ein Paar Handschuhe bewegen sich bei einfacheren Ausführungen zwischen 130 und 180 Euro, die Luxuskategorie liegt bei 250 Euro, und Modelle etwa aus Krokodilleder "haben keinen Preis", wie der Firmenchef trocken anmerkt.

Zu den Kunden des Traditionshauses zählen hochdekorierte Künstler ebenso wie gekrönte Häupter. "Wir haben für Gracia Patricia von Monaco Handschuhe gemacht", erzählt Fabre. Als ihr Leben im Jahr 2014 verfilmt wurde, fertigte das Unternehmen nach Fotos der Originale die gleichen Handschuhe für Nicole Kidman an, die die 1982 verstorbene Monarchin verkörperte.

Für den Film "La Belle et la Bête", den Jean Cocteau 1946 drehte, wurde das Haus mit der Anfertigung der riesigen Handschuhe für Jean Marais beauftragt, der das sanfte Ungeheuer spielte. Knapp 70 Jahre später stand eine Reprise an: Zum fünfzigsten Todesjahr von Cocteau 2013 wurde das Handschuhpaar noch einmal gefertigt. "Das waren sechs Monate Arbeit", erinnert sich Fabre.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-13 15:06:24
Letzte Änderung am 2018-09-13 16:40:14


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