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Update: 25.01.2019, 14:24 Uhr

Wiener Journal

Die Magie der Ringe




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Von Christian Hoffmann

    Zu einer Hochzeit gehören, wie man allgemein weiß, Eheringe. Doch Vorsicht! Solche Ringe könnten, wenn man den Gelehrten alter Zeiten glaubt, magische Eigenschaften haben.


    Die magischen Ringe - © adobe stock

    Die magischen Ringe © adobe stock

    Es ist zum Heulen. Die Orgel spielt und die Brautleute stecken sich gegenseitig die Ringe an. Das ist der große Moment, in dem alle Anwesenden, vor allem aber Mütter, Großmütter und Tanten, berechtigt sind, ihren Tränen freien Lauf zu lassen. Der Augenblick hat etwas Magisches, daran können Statistiken nichts ändern, denen zufolge fast die Hälfte aller Ehen wieder geschieden wird. Dem Ritual, in dem die Brautleute sich gegenseitig die Ringe anstecken, haftet unverändert ein archaischer Zauber an. Moderne Internet-Bräute diskutieren in einschlägigen Foren auf vielen Seiten, wie sie es schaffen könnten, ihrem zukünftigen Ehemann, dessen Fingergelenke vielleicht ein wenig zu dick sind, den Ring fachgerecht überzustreifen. Das kostbare Stück darf ja weder zu locker noch zu fest sein. Bei diesem einen Akt wollen sie offenbar auf gar keinen Fall versagen. Verglichen mit dieser Zeremonie ist in dem aufgeklärten Zeitalter die Hochzeitsnacht ein harmloses Unternehmen, bei dem kaum noch etwas schiefgehen kann.

    Aber warum sind diese Ringe so wichtig? – Manche spekulieren darüber, dass die ideale geometrische Form eine Art Zauberkreis ausdrücke. Eine definitive Antwort gib es natürlich nicht. "Auf sehr allgemeiner Ebene", notiert der Historiker Klaus Graf, ein Spezialist für mittelalterliche Geschichte und lokale Überlieferungen, "auf sehr allgemeiner Ebene ist die Feststellung gültig, dass Ringe Bindungen und Beziehungen ausdrücken." Seinen Forschungen zufolge sind im (heutigen) deutschsprachigen Raum Eheringe seit ungefähr siebenhundert Jahren üblich, allerdings nur bei einer sehr schmalen Oberschicht.

    Selbstverständlich ist die Tradition des Ringes um vieles älter. Schon im alten Ägypten wurde er als Zeichen von Macht und Würde verwendet. Eine besonders dramatische Ring-Geschichte überlieferte Herodot, einer der ersten Geschichtsschreiber im alten Europa. Bekannt wurde sie im deutschsprachigen Raum vor allem durch das sechzehnstrophige Gedicht, das Friedrich Schiller dem "Ring des Polykrates" widmete. Polykrates, der vor 2500 Jahren (538 bis 522 vor unserer Zeitrechnung) die Insel Samos beherrschte und als einer der reichsten Männer seiner Zeit galt, wird darin von seinem Verbündeten, dem ägyptischen Pharao Amasis, davor gewarnt, mit seinem Reichtum zu prahlen und damit die Götter zu verärgern: "Mir graut vor der Götter Neid", heißt es bei Schiller. Polykrates, der diese Warnung sogar ernst nimmt, will sich symbolisch von einem Teil seines Reichtums trennen und wirft seinen teuren Ring ins Meer. Doch was geschieht? Der Ring kommt zurück: Anderntags findet der Koch in einem frisch gefangenen Fisch das wertvolle Schmuckstück wieder. Pharao Amasis ist entsetzt ("die Götter wollen dein Verderben") und reist sofort ab. Polykrates wurde später von einem hinterlistigen Verbündeten ermordet, ein grausamer Tod, von dem Herodot nur sagt, dass er ihn "nicht erzählen mag".

    Die rachsüchtige Venus

    Doch wird man natürlich zu Recht einwenden, dass es sich bei unseren Eheleuten, die sich zum Klang der Orgel gegenseitig die Ringe überstreifen, keineswegs um Tyrannen handelt, zumindest nicht im Sinn des Polykrates. Vielleicht handelt es sich bei ihnen eher um einen Ring wie den der Königin Fastrada (765 bis 794), der vierten Ehefrau von Karl dem Großen. Sie soll von ihrem Mann als Zeichen der Liebe einen Ring bekommen haben, der den Gemahl auch nach ihrem Tod so sehr an sie band, dass er sogar ihre Beerdigung verhindern wollte. Das ganze Mittelalter hätte schief gehen können, wenn Karl nicht in der Lage gewesen wäre, Politik zu machen. Der Zauber der Fastrada soll sich erst gelöst haben, als sich Erzbischof Tilpin von Reims endlich ein Herz nahm und der Verblichenen den Ring abzog. Karl, der erst einige Jahre nach diesen Ereignissen zum Kaiser gekrönt wurde, war fortan so begeistert von dem klugen Bischof, dass er ihn als persönlichen Berater verpflichtete. Angeblich soll dieser legendäre Ring von den Herren später in einen Teich geworfen worden sein, in dessen Nähe dann das erste Schloss für Karl gebaut wurde, die Aachener Königspfalz, eines der wichtigsten politischen Zentren des Mittelalters.

    Doch zurück zu unserem Brautpaar, das es hoffentlich bald geschafft hat, die Ringe richtig zu platzieren. Heutzutage sind die Bräute im Allgemeinen ja deutlich langlebiger als die jung verstorbene Fastrada. Aber ob die magische Wirkung der Ringe, von der in vielen Quellen die Rede ist, deswegen nachgelassen hat, ist natürlich eine ganz andere Frage. Ungefähr zweihundert Jahre nach den Ereignissen am Hof von Karl dem Großen notiert der Mönch Wilhelm von Malmesbury, der im Jahr 1143 starb und einer der ersten britischen Historiker war, eine schauerliche Ringgeschichte, die fast tausend Jahre lang in vielen Varianten in ganz Europa aufs Neue erzählt wurde. Darin streift ein werdender Ehemann seinen Ehering zum Spaß einer Statue der Göttin Venus über und wird auf das Grausamste daran gehindert, die Ehe mit seiner irdischen Braut zu vollziehen. Siebenhundert Jahre nach Malmesbury wurde die Geschichte von dem Franzosen Prosper Mérimée (1803-1870) unter dem Titel "Die Venus von Ille" erzählt. Darin spielt ein Bräutigam am Vorabend seiner Hochzeit in einem Park mit einem Kumpel Ball – die Art des Ballspiels wird nicht ganz klar. Auf jeden Fall streift er den Ring, der ihn behindert, einer Venusstatue, die dort steht, über. Den Rest kann man sich vorstellen. In der Hochzeitsnacht erscheint die Statue und umarmt den jungen Mann, der diese Begegnung nicht überlebt. Von seiner Frau heißt es, dass sie in dieser schauerlichen Hochzeitsnacht den Verstand verlor.

    Wenn auch vielleicht im 21. Jahrhundert die Statuen nicht mehr ganz so gefährlich sind, so kann das moderne Brautpaar aus solchen Geschichten trotzdem lernen, dass mit Eheringen nicht zu spaßen ist. Irgendetwas wird schon dran sein, wenn über viele hundert Jahre die klügsten Köpfe Europas solche Geschichten berichten. Deswegen sollte man mit den Ringen sorgfältig umgehen und vor allem bei der Anschaffung nicht knausrig sein. Immerhin dichtete Joseph von Eichendorff im Jahr 1810, als er sich vergeblich nach seiner schönen Käthe verzehrte, die Zeilen: "Sie hat die Treu gebrochen, mein Ringlein sprang entzwei", ein Lied, das bis in unsere Tage immer wieder neu interpretiert wird. Da bekommt man natürlich Zweifel, ob ein Juwelier einen solchen Schaden im Nachhinein noch reparieren kann. Deswegen sollten Eheringe gut sitzen und so robust sein, dass nichts schief gehen kann.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
    Dokument erstellt am 2019-01-25 14:12:52
    Letzte Änderung am 2019-01-25 14:24:40



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