• vom 19.11.2010, 16:18 Uhr

Reisen

Update: 19.11.2010, 16:19 Uhr

Herbstfrischler ziehen nach Süden




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Von Elisabeth Hewson

  • Immer wieder ein Herbstgenuss: Törggelen in Südtirol. Seit vielen Generationen wandern die Südtiroler zur Weinverkostung von einem Nachbarn zum anderen. Und die "Herbstfrischler" aus der Stadt lösen die Sommerfrischler ab und tun es den Einheimischen gleich. Auch im Sarntal mit seinen vielen ursprünglichen Traditionen.


© Hewson © Hewson

Seit Anfang Oktober bis Ende November ziehen sie los zum Törggelen, die Herbstgenießer. Traditionellerweise schon früh am Tag, man will ja hoch hinaus in die Weinberge, den Nuin (den neuen Wein) probieren und dazu die heimische Kost der Südtiroler - ein gefährliches Unterfangen, denn man glaubt nicht, was in so einen Magen passt, wenns schmeckt. Nach Aufstieg bei der ersten Einkehr schmeckt gleich einmal die Marende, eine Brettljause mit Speck, Käse und Schüttelbrot. Dann gehts zur zweiten Rast beim nächsten Bauern, der Kasnocken, Schlutzkrapfen, Kasknödel, Suppe und Spinatnockerln auftischt. Und weil man dann eigentlich mehr als genug hat, macht man sich nochmals auf den Weg, in der Hoffnung, wieder Hunger zu erwandern, denn bei der dritten Rast wartet das Hauptgericht, meist eine Schlachtplatte. Zum Drüberstreuen verputzt man frisch geröstete Maroni, berühmt für ihre Kalorienkonzentration - und die Einheimischen bestreichen die "Keschten", wahrscheinlich damit sie nicht völlig vom Fleisch fallen, auch noch mit Butter! Dazu trinkt man natürlich da Wein und dort Wein: Dass das Wort Törggelen nicht von Torkeln kommt sondern von dem lateinischen "tarquere", was Weinpresse bedeutet, mag glauben, wer will.


So geht es zu in Südtirol, in Bozen und im "ersten Stock" von Bozen, auf dem Hochplateau Jenesien, der "Sunnseitn", mit der Seilbahn auch weniger sportlich erreichbar und ein grandioser, aussichtsreicher Tummelplatz für Wanderer - und für Reiter: Dort ist die Heimat der Haflinger, der trittsicheren, gutmütigen Gebirgspferde mit Blondschopf.

Wer einen Ausflug in die ferne Vergangenheit machen will, besucht die Bilderburg Runkelstein, auf der Promenade in einer halben Stunde von Bozen gut zu erreichen. Dort malten sich dessen reiche Kaufleute vor 700 Jahren ihr selbst empfundenes Rittertum in "Comics" aus: Sie ließen die heute berühmten Bildergeschichten schaffen - es ist der größte nicht-religiöse Freskenzyklus des Mittelalters -, die mit vielen Hinweisen und bis heute nicht ganz entschlüsselter Symbolik als Beweis für den inneren Adel der Kaufmannschaft dienten. Und als geradezu protzige Kulisse für Feste, die den Hochwohlgeborenen zeigen sollten, wer wirklich das Sagen hatte.

Eine andere Burg (Südtirol hat übrigens die größte Schlossdichte, zumindest Europas) soll die Kunstsinnigkeit und innere Gefühlswelt eines umstrittenen, ebenfalls recht geschäftstüchtigen Mannes beweisen. Es ist das Messner Mountain Museum Firmian auf Schloss Sigmundskron, das zeigen soll, "was der Berg mit dem Menschen macht". Treppauf treppab geht es dort von einer indischen Götterstatue zur nächsten, von Fotoausstellungen über Expeditionen bis zu Gletschermüll in Einmachgläsern und dem Schuh seines verunglückten Bruders, den der Wind aus Lautsprechern umpfeift.

Echte Gefühle und Menschen erlebt man im Sarntal, das man erst seit Mussolini, der viele Tunnels bohren ließ, nicht nur auf Karrenwegen erreichen kann. Die letzten Goten sollen dort ihre Zuflucht gefunden haben, eine karge Zuflucht: Den Alltag der Bergbauern kann man heute noch im Rohrerhaus gut nachempfinden, einem Bauernhof, dessen Grundmauern aus dem Mittelalter stammen und dessen Geschichte, Aus- und Umbauten bis heute gut belegt sind. Wenn man das Glück hat, von Maria Kröss herumgeführt zu werden, einer der Initiatorinnen der Renovierung und Nutzung des Erbhofes, dann spürt man wenigstens ein bisschen, was es hieß, in Bergregionen ums Überleben zu kämpfen. Wie hart das Bauernleben, wie ausgeliefert man dem Großbauern, der Witterung, den Jahreszeiten, Krankheiten und Aberglauben war.

Ohne unangebrachte Sentimentalität wird im Sarntal Tradition nicht nur gepflegt sondern auch gelebt. Die Sarntaler Tracht wird in gut besuchten Kursen von den jungen Sarntalerinnen wieder genäht und nicht nur am Sonntag getragen. Anderes altes Handwerk wird als echter Lebenserwerb ausgeführt, wie die Federkielstickerei. Es gibt hier drei Meister, und wenn man dabei zuschaut, was für eine fitzelige Arbeit das ist (Loch in dickes Leder stechen, Kiel durchziehen, Gegenloch stechen, Kiel zurückziehen), versteht man die fünf Jahre Lehrzeit und den Mangel an Geduldigen, die das auf sich nehmen. Es wird geschnitzt, gewebt, gemeinsam gebacken, und es gibt eine Latschendestillerie, die ein wunderbar duftendes Öl erzeugt und seit kurzem auch ein "Alpenwellness" mit Sarner Latschenkieferbehandlungen anbietet: sehr ruhig, sehr gemütlich, halt wirklich echt. Die Latschen sind übrigens etwas ganz Besonderes, sie wachsen hier, sehr ungewöhnlich, auf sauren Böden und haben deshalb einzigartige Inhaltsstoffe.

Auch ein hochmodernes Hotel wagte sich ins Sarntal, in diese größte Gemeinde Südtirols mit vergleichsweise wenigen Gästebetten (1500). Es bietet hier sehr cool umgesetzte Ursprünglichkeit mit einem "Bauernbadl" (der Begriff Wellness wird absichtlich vermieden) und einer Küche, die geradezu schrecklich gut ist, geführt von Egon Heiss und Gregor Wenter, dem Sohn des Hauses, einem in Italien berühmten TV-Koch, der die Latsche immer wieder in seine Rezepte einbaut: Ein durchaus leistbarer noch-Geheimtipp, dieses Genießerhotel "Bad Schörgau".

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2010-11-19 16:18:00
Letzte Änderung am 2010-11-19 16:19:00


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