• vom 15.12.2012, 11:00 Uhr

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Holiday on Ice




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Von Manfred Lädtke

  • Eisfischen in Minnesota ist ein ungewöhnliches Winterabenteuer auf den Great Lakes



Trostlos, trübe, trist. Ein graues Nichts zieht an den Autofenstern vorbei. Krisch, kratsch, wehren sich die Scheibenwischer gegen immer dichter werdende Schneeflocken. Eiszeit in Minnesota. Wenn die Great Lakes zufrieren, beginnt im "Land der Seen" die etwas andere Angelsaison. Manche mögen’s heiß und fischen in kleinen Eislöchern vom Bett aus, andere suchen die frostige Weite.

Monoton surrt der Van über den pfeilgeraden Highway 169. "90 Miles to next rest" informiert ein Schild - andere Länder andere Maßstäbe. "Vom Flughafen bis zum Mille Lacs Lake fahrt ihr höchsten zwei Stunden", hatte die Dame vom Autoverleih in Minneapolis versprochen. Mit 535 Quadratkilometern ist der Lake der zweitgrößte Binnensee in Minnesota, der sich Winter für Winter mit Eis und Schnee zudeckt. Offizielle Stellen sprechen sogar von 12.000 Seen, Einheimische von 15.000. Egal. Der Mille Lacs ist von Minneapolis aus am schnellsten zu erreichen.


Von November bis Februar dient der 50 bis 80 Zentimeter dicke Eisdeckel als Bauland für eine Winterstadt mit 5000 Buden. Angler werden zu Stadtplanern, entwerfen Straßen, stellen Schilder auf die begehrten Plätze für eine Hütte und geben dem Eis Namen wie "Ice-Road", oder "Fishboulevard". Familien und Pärchen feiern Feste. Kinder bauen Schneehöhlen. Nur Fischer interessieren sich für das, was unter dem Eispanzer passiert. Ihr Jagdfieber gilt dem Walleye.

Bis zu einem Meter groß und zehn Kilogramm schwer wird der delikate Hechtbarsch aus der Zanderfamilie. Armer Kerl. Sein Geschmack macht ihm den Garaus. Wegen seines köstlichen Innenlebens ist der zähe Kämpfer Herausforderung für jeden Petrijünger. Wenn Fisherman’s Friend das Duell verliert, landet der Fisch als zartes Steak auf dem Teller. Gedünstet, gebraten oder frittiert.

Vor dem Hotel stoppt Aaron seinen Truck. Das Außenthermometer misst beißende 15 Grad minus. Eine milde Sonne hängt am stahlblauen Himmel, als sich die Gruppe nach dem Lunch "einpackt". "Steppjacken und Fellmützen liegen im Laderaum", deutet der Guide auf den mobilen Geräteschuppen mit Haspeln, Haken, Köder, Bohrwerkzeug und Echolot. Nach 20 Minuten Fahrt vorbei an kleinen, lichten Wäldern und bunten Holzhäusern poltert der Pick-up die Uferpiste hinab auf den Mille Lacs Lake. Das Fahrzeug rutscht, schlenkert und schaukelt durch Spurrinnen aus Eis und Matsch. Schnee-pampe klatscht auf die Scheiben. Eis-Surfen mit 250 PS.

Allmählich verliert sich der Pfad in der Weite des in eisiger Narkose erstarrten Sees. Schneekristalle gleißen diamanten im Sonnenlicht. Weit draußen, wo der Himmel am Schnee leckt, kündigen sich die ersten Bretterbuden wie herumliegende Legosteine an. Die Einrichtung ist spartanisch, aber mollig warm und zweckmäßig: Gasofen, Kocher, Tisch, Geschirrschrank, Stühle und drei Doppelbetten. Aprés-Ski-verwöhnte Komfort-Wintersportler mieten zweistöckige 1. Klasse-Baracken mit Einbauküche, Bar und Fernsehen.

Insgesamt acht Wasserlöcher laden ein zum Angeln. Unter jagderprobten, harten Fischern zwar nicht aller Ehren wert, bei Honeymoonern jedoch sehr beliebt, ist die Plüsch-Variante des Eisfischens, bei der von der Schlafkoje aus die Angelschnur ins Wasser gehalten wird.

Wie türkisfarbenes Glas schimmern die 40x40 Zentimeter großen Löcher im ausgesägten Holzboden. Jetzt ist Fingerspitzengefühl gefragt. Von den Wandhaspeln werden mit Ködern gespickte Haken ins Wasser gelassen. Eine Unterwasserkamera schickt Bilder auf einen Minimonitor, auf dem die Männer das Treiben in der Unterwelt beobachten. Ab und zu sorgen dunkle Schatten für Spannung im Mäusekino. Zum Country & Western Sound von Hank Williams und Loretta Lynn aus dem CD-Player klingelt eine Haspel Alarm. Die Schnur rockt. Statt eines tollen Hechtes beißen aber nur kleine Fische auf die Henkersmahlzeit an. Immerhin, das Abendessen ist gesichert. Am Lagerfeuer schmeckt der gegrillte Fang mit wildem Reis serviert am besten. Hinter Wolkenschleiern lugt die bleiche Sichel des Mondes in die Nacht. Die Reflexion des Schnees lässt das Licht über der weißen Wüste jedoch wie eine Festbeleuchtung strahlen.

Stattlicher Fang: Die Jagdlust der Angler gilt einem kapitalen Walley. Im Winter tummeln sich tausende Menschen auf den Great Lakes in Minnesota.

Stattlicher Fang: Die Jagdlust der Angler gilt einem kapitalen Walley. Im Winter tummeln sich tausende Menschen auf den Great Lakes in Minnesota. Stattlicher Fang: Die Jagdlust der Angler gilt einem kapitalen Walley. Im Winter tummeln sich tausende Menschen auf den Great Lakes in Minnesota.

Plötzlich geistern hastige Lichtkegel von Taschenlampen über den steifen See. Nachbarn von Hütte 31 gesellen sich ans Feuer - mit zwei Flaschen hochprozentigem Whiskey. Ein hagerer alter Fischer mit wettergegerbtem Gesicht und Hunderten kleiner Eisbällchen in Bart und Haaren spinnt "See"-Mannsgarn von Paul Bunyan und seinem blauen Ochsen Babe. Das legendäre Riesen-Paar soll auf Wanderungen entlang der kanadischen Grenze mit seinen gigantischen Fußstapfen die Great Lakes of North America hinterlassen haben. Und in den Honky-Tonks am See kursiere die Geschichte von zwei Greenhörnern. Sie hatten sich zu weit auf das Eis gewagt und in einem Schneesturm die Orientierung verloren. Als man beide nach fünf Tagen fand, äußerten sie nur den Wunsch nach "Schnaps und Bier".

Nie waren Erzählungen und Legenden von Indianern, Jagdabenteuern und wilden Tieren spannender und übertriebener wie in dieser märchenhaften Eisnacht am anderen Ende der Welt. Dann steht der Alte auf und zeigt bedeutsam über den See: Früher seien Sioux und Chippewa die Herren von Minnesota ("Wasser in der Farbe des Himmels") gewesen. Die Indianer hätten die Eislöcher damals noch mit Speeren gebohrt. Rund um das Loch legten sie auf Tannenzweige Felle und bauten darüber ein kleines Zelt. Dann hätten sie sich auf mit dem Gesicht über das Eisloch auf die Lauer gelegt. Das an der Westseite des Sees gelegene Indian Museum erzähle die Geschichte(n) der Ureinwohner Minnesotas.

Angeln in der Hütte mit Eislöchern im Fußboden: Eine heimelige Variante des Eisfischens.

Angeln in der Hütte mit Eislöchern im Fußboden: Eine heimelige Variante des Eisfischens. Angeln in der Hütte mit Eislöchern im Fußboden: Eine heimelige Variante des Eisfischens.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2012-12-13 12:20:08
Letzte Änderung am 2012-12-14 12:16:14


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