• vom 25.04.2015, 14:00 Uhr

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Von Michael Biach

  • Zu Besuch bei der Volksgruppe der Vedda, den letzten Ureinwohnern Sri Lankas, die in einem Nationalpark im Zentrum des Inselstaates im Indischen Ozean leben - und versuchen, ihre Traditionen zu bewahren.

Vedda-Gruppenbild mit Autor und Fotografin im Dschungelwald. - © Ursula Schorn

Vedda-Gruppenbild mit Autor und Fotografin im Dschungelwald. © Ursula Schorn

Uruwarige Wannilaetto wirkt traurig. Der 67-jährige Mann mit den langen grauen Haaren und einem dichten weißen Vollbart ist Chef der indigenen Volksgruppe der Vedda, der letzten Ureinwohner Sri Lankas, deren Population heute nur mehr ein paar hundert Menschen ausmacht. "Meine größte Angst ist, dass ich nicht in der Lage sein werde, den Untergang der Kultur meines Volkes zu verhindern", sorgt sich der alte Mann. Uruwarige Wannilaetto lebt mit seinem Clan, der aus einigen wenigen Familien besteht, in den Wäldern des Maduru Oya Nationalparks im Zentrum Sri Lankas.

Früheres "Geistervolk"

Uruwarige Wannilaetto (67) ist der Chef der Vedda. Im Hintergrund sind Fotos singhalesischer Politiker zu sehen, die ihn besuchten, um über die Anliegen des indigenen Volkes zu sprechen.

Uruwarige Wannilaetto (67) ist der Chef der Vedda. Im Hintergrund sind Fotos singhalesischer Politiker zu sehen, die ihn besuchten, um über die Anliegen des indigenen Volkes zu sprechen.© Ursula Schorn Uruwarige Wannilaetto (67) ist der Chef der Vedda. Im Hintergrund sind Fotos singhalesischer Politiker zu sehen, die ihn besuchten, um über die Anliegen des indigenen Volkes zu sprechen.© Ursula Schorn


Die Vedda, die heute nur mehr in sechs der insgesamt 25 Distrikten des Landes leben, sind die älteste Ethnie Sri Lankas. Woher die Jäger und Sammler kommen und wann sie erstmals auf der Insel im Indischen Ozean auftauchten, ist nicht restlos geklärt. Klar ist, dass sie bereits lange in den dichten Dschungelwäldern lebten, als sich die ersten Bewohner Südindiens vor über 3000 Jahren aufmachten, das Land zu besiedeln.

In den auf Pali verfassten Chroniken von Mahavamsa, die die Geschichte Sri Lankas ab dem 6. Jahrhundert vor Christus beleuchten, ist neben den Volksgruppen der Singhalesen, Menschen indoarischer Herkunft, und den aus Indien stammenden Tamilen auch von einem "Geistervolk" die Rede, welches in den Wäldern des Dschungels lebt. Bei den sogenannten Yakshas dürfte es sich um die Vorfahren der heutigen Vedda handeln.

Fallen stellen, sammeln und jagen gehören zu den wichtigsten Kulturtechniken der Vedda.

Fallen stellen, sammeln und jagen gehören zu den wichtigsten Kulturtechniken der Vedda.© Ursula Schorn Fallen stellen, sammeln und jagen gehören zu den wichtigsten Kulturtechniken der Vedda.© Ursula Schorn

"Unsere Vorfahren haben sich in die Wälder zurückgezogen und dort hat unser Volk stets im Einklang mit der Natur gelebt", entsinnt sich Uruwarige Wannilaetto der frühen Tagen seiner Ahnen. Bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert änderte sich die Situation der Vedda dramatisch. Viele Stämme wurden dazu gedrängt, in Dörfern zu leben und sich zu assimilieren. Ein Jahrhundert später war es vor allem die radikale Rodungspolitik zur Gewinnung landwirtschaftlicher Nutzflächen, die den Vedda ihren Lebensraum raubte.

"Heute sind die Probleme noch viel schwerwiegender", ist sich Uruwarige Gunabandila, der Sohn des Vedda-Chefs, sicher. Mit seinen 44 Jahren gehört er bereits zu den alten Waisen des Clans. Vedda heiraten mit etwa fünfzehn Jahren, bald darauf folgen die ersten Kinder. Es ist keine Seltenheit, mit Anfang 40 bereits mehrfacher Großvater zu sein. "Viele Jugendliche möchten in die Dörfer ziehen, um dort eine Schule zu besuchen", erzählt Uruwarige Gunabandila mit einer Mischung aus Verständnis und Sorge.

Vedda-Männer tragen ausschließlich einen Wickelrock um die Hüften, gehen stets barfuß und haben immer eine Axt auf der Schulter. "Unsere Kinder dürfen so aber nicht in die Schule gehen", empört sich Uruwarige Gunabandila. "Stattdessen tragen sie dann Shirts und Hosen und haben ihre Kultur bald vergessen", fügt er hinzu. Tatsächlich lassen sich entlang der Straßen zu den nächsten Dörfern eigenwillige Szenen beobachten. Jugendliche mit schwarzen Sonnenbrillen und eng geschnittenen Bluejeans sitzen auf Mopeds und diskutieren mit prähistorisch anmutenden Männern mit langen Bärten und einer Eisenaxt in der Hand.

Viele Vedda marschieren traditionell gekleidet durch die Straßen der nahe gelegenen Städte. Manche wollen nur Einkäufe erledigen und Bekannte besuchen, andere entscheiden sich jedoch irgendwann für ein Leben im modernen Sri Lanka und verlassen ihren Clan und den Wald.

Als zukünftiger Chef der Vedda weiß Uruwarige Gunabandila, dass es an ihm liegt, ob die Kultur seines Volkes in der sich rasch ändernden Moderne überhaupt eine Überlebenschance hat. Er hat, ebenso wie seine Geschwister, niemals eine Schule besucht und spricht kein Englisch und kaum Singhalesisch. Stattdessen hat ihm sein Vater alles über das Leben der Ahnen, über die Natur und die Geister beigebracht. Der Clanchef ist automatisch immer auch der Medizinmann.

Umgang mit Natur
"Warum in die Schule gehen, wenn einem die Natur alles beibringen kann? Warum Raketen bauen und damit zum Mond fliegen?", fragt der alte Vedda-Chef und lacht verlegen. Sein Sohn ist sich bewusst, dass man die Moderne nicht aufhalten kann, ja gar nicht aufhalten soll. Er pocht jedoch darauf, dass es wichtig ist, dass die Menschen den Umgang mit der Natur nicht verlieren und die "modernen" Menschen sich ihrer Ahnen erinnern. "Die Menschen verstehen heute den Wert der Natur nicht mehr", sagt er. Umweltzerstörung, Plastikmüll, die Rodung der Wälder, das alles mache den Vedda zu schaffen.

Mittlerweile hat die Regierung den Indigenen einen Schutzraum im Nationalpark errichtet. Nur den Vedda ist es gestattet, dort zu leben, zu jagen und zu sammeln. In vielen Landesteilen mit einer Vedda-Minderheit war die Errichtung einer Schutzzone im Dschungel erst gar nicht mehr möglich. Im Maduru Oya Nationalpark hingegen müssen Touristen und auch Einwohner Sri Lankas den Behausungen der Clans fern bleiben.

Jagender Vegetarier
Zusammen mit Uruwarige Sudubandila, einem älteren Clanmitglied, dessen langer Bart vom vielen Betelnusskauen bereits rot geworden ist, macht sich Uruwarige Gunabandila immer wieder daran, den Kleinsten des Clans beizubringen, wie man Pflanzen sammelt, Tiere jagt, Wurzeln sucht, Fallen stellt, Feuer macht oder einen Unterstand baut.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-04-23 18:56:09
Letzte Änderung am 2015-04-24 14:46:18


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