• vom 21.01.2018, 15:00 Uhr

Reisen


Osterinsel

Südseeparadies mit Ablaufdatum?




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Von Herbert Hutar

  • Migrationsprobleme, Verwitterung, Touristenströme: Rapa Nui, die Osterinsel, steht vor einer Reihe von Herausforderungen. - Ein Lokalaugenschein.

Bis heute strahlen die Moai, trotz Verwitterung und vieler Besucher, eine souveräne Ruhe aus.

Bis heute strahlen die Moai, trotz Verwitterung und vieler Besucher, eine souveräne Ruhe aus.© Hutar Bis heute strahlen die Moai, trotz Verwitterung und vieler Besucher, eine souveräne Ruhe aus.© Hutar

Sie haben sich sehr laut unterhalten, die beiden untersetzten Damen mit den großen Gesichtern, als sie ihre Plätze im Flugzeug suchten, in einer extrem hart und aggressiv klingenden Sprache, als ob sie Streit hätten. Ihre Gesichter aber waren freundlich, dann lachten sie. Eine der beiden saß in unserer Reihe am Fenster, und bald kam die obligate Frage auf dem Flug nach der abgelegenen Osterinsel. Ja, sie sei von dort, eine Rapa Nui, sagte sie, sie arbeite als Fremdenführerin, und sie sei zu einer kurzen Behandlung im Spital in der Hauptstadt gewesen. Auf der Insel gebe es zu wenige Fachärzte.

Rund fünf Stunden fliegt man von Santiago de Chile nach der Osterinsel, nach Rapa Nui, wie sie die Ureinwohner nennen. Rapa Nui nennen sie sich auch selbst, ebenso wie ihre Sprache. Die rund 40-jährige Südseeinsulanerin neben uns spricht ein perfektes und ungewöhnlich gepflegtes Englisch. Wo sie das gelernt habe? Die Antwort wirft ein Schlaglicht auf das Leben der Rapa Nui:


"Eine amerikanische Archäologin, die bei uns auf der Insel gearbeitet hat, hat mich nach der Grundschule nach Kalifornien mitgenommen, dort habe ich die High School, also die Oberschule, besucht", erzählt Rosita. Dann hat sie ein paar Semester in Chile Tourismus studiert, jetzt arbeitet sie in einer Tourismusagentur. Archäologie und Tourismus sind die Lebensgrundlage der rund 7000 Menschen auf Rapa Nui, neben der Landwirtschaft, die knapp zur Selbstversorgung reicht.

Erinnerung an Heyerdahl
"Und meine Mutter Felicita verkauft Souvenirs", erzählt Rosita weiter, "sie ist schon 84 Jahre alt". Arbeit noch im hohen Alter: Das private chilenische Pensionssystem ist mehr als löchrig, es geht auf den Militärdiktator Pinochet zurück und provoziert immer wieder Massenproteste. Kurzes Nachrechnen: Dann müsste ihre Mutter Mitte 20 gewesen sein, als der norwegische Forscher Thor Heyerdahl mit einem Team von Archäologen 1955/56 auf der Insel war. Hat ihre Mutter Thor Heyerdahl vielleicht gekannt? "Aber ja", bestätigt Rosita, "sie hat mit seiner Tochter Anette gespielt!"

Ein paar Tage später treffen wir die kleine alte Dame an ihrem Souvenirstand bei der Ausgrabungsstätte Akahanga am Westufer der Osterinsel, wo es Höhlen zu sehen gibt, die als Unterschlupf und Versteck ebenso dienten wie als Kultstätten. "Das war eigentlich meine schönste Zeit", meint sie auf unsere Frage nach damals. "Ich war gerade mit meiner ersten Tochter schwanger, meine Mutter hat Arbeit als Wäscherin bekommen, und wir konnten uns eine Menge Sachen kaufen. Die Tochter habe ich dann Anette genannt, wie die Tochter von Thor Heyerdahl." Und sie fügt mit einem Lächeln hinzu: "Einer seiner Matrosen hat ein Baby bei uns hinterlassen, ein Mädchen. Sie ist dann Bürgermeisterin von Rapa Nui geworden."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-19 09:59:07
Letzte Änderung am 2018-01-19 10:03:45


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