• vom 16.03.2018, 14:16 Uhr

Reisen

Update: 28.03.2018, 13:21 Uhr

Dänemark

Alles hygge an Dänemarks Nordseeküste




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Von Stefan Spath

    Strandurlaub mit Nationalpark-Programm, Kulturhäppchen und eigenem Ferienhaus – Wem das Glück hold ist, dem winkt auch ein Bernstein-Souvenir.


    Die Monumentalskulptur "Mennesken ved havet" in Esbjerg: In der Pose von Pharao Ramses in Abu Simbel starren die vier schneeweißen Kolosse auf das Meer. - © Stefan Spath

    Die Monumentalskulptur "Mennesken ved havet" in Esbjerg: In der Pose von Pharao Ramses in Abu Simbel starren die vier schneeweißen Kolosse auf das Meer. © Stefan Spath

    Auf seinen knorrigen Stock gestützt, steht Gert Ravn am dänischen Nordseestrand bei Blåvandshuk. Bedächtig neigt er den Kopf, blinzelt gegen die Wellen und scheint zu meditieren. Plötzlich, mit ein paar entschlossenen Schritten, stiefelt er in die Brandung und ergreift einen Batzen Schlick. Kies weg, Muscheln aussortiert, den Sand lässt er durch die Finger rieseln. Übrig bleibt ein daumennagelgroßer Klumpen. Gegen die Sonne gehalten leuchtet er orange. Noch ist der Zahntest ausständig. "Wenn es klingt wie Plastik, ist es Bernstein", sagt Ravn. Es klingt so. Seit gut 30 Jahren ist Ravn auf der Jagd nach dem Schatz aus dem Tertiär-Zeitalter, den Strömungen von Südskandinavien bis an die dänische Nordseeküste spülen. Und seit einigen Jahren gibt er als Outdoor Guide auch Besuchern des Nationalparks Wattenmeer Tipps, wo sie das fossilisierte Baumharz aufspüren können.
    Bernstein – auf Dänisch rav – hat eine geringere Dichte und tanzt etwas länger auf den Wellen als Steine. Hat ein Sturm den Meeresboden frisch umgewühlt, stehen die Chancen besser als an einem schönen Tag. Und auch angespülte Pflanzen sind Glücksbringer. In ihnen verfangen sich Bernsteine ebenso oft wie Muscheln und Plastikmüll. Die wichtigste Regel, resümiert der pensionierte Lehrer: "Wenn man Bernstein zu sehen glaubt, keinen Einsatz scheuen und hinein in die Fluten!"
    Gesagt, getan. Doch die Umsetzung erweist sich so zäh wie das Harz, das vor Jahrmillionen in den Kiefer-Urwäldern zu Boden tropfte und schließlich zu Bernstein aushärtete. Ein ums andere Mal greifen die Erstsucher ins Leere oder präsentieren Funde, die zwar farbmäßig in das Schmuckstein-Schema passen, aber eben nur herkömmliche Steine sind. Ravn hält die Moral hoch. Erst vor kurzem, so erzählt der Bernsteinfuchs, sei eine Touristin am Strand von Blåvandshuk über einen Brocken gestolpert, wie ihn auch ein Profi wie er nur alle heiligen Zeiten finde. Die Botschaft hört man wohl, Realität ist aber, dass nur einer von sieben Teilnehmern in der nächsten Stunde einen Treffer landen wird. Das Know-how ist jedenfalls da, wer weiß, vielleicht ist einem das Glück ja beim nächsten Versuch hold.
    Von Dänemarks westlichster Landspitze Blåvandshuk bis zur deutschen Grenze im Süden erstreckt sich der dänische Nationalpark Wattenmeer, der seit 2014 von der Unesco auch als Weltnaturerbe anerkannt ist. Hier findet der klassische Strandurlaub in den Sommermonaten eine Ergänzung durch Naturvermittlungsprogramme, die von Ravns Bernstein-Expeditionen über Wattwanderungen bis zur Beobachtung von Zugvögeln und Robben rund um die Wattenmeer-Inseln Fanø, Rømø und Mandø reichen.
    Vom Leuchtturm Blåvands Fyr aus gewinnt das Land an Konturen. Breite Strände und Dünen, mit zähen Gräsern bewachsen, gebieten der Nordsee Einhalt. In der zweiten Reihe beginnt die aus uralten Dünen geborene Heidelandschaft, der Erikapflanzen im Hochsommer purpurfarbene Tupfer verleihen. Ein spektakuläres Bild auch in der Gegenrichtung, wo Dutzende weiß leuchtende Windenergieanlagen am Horizont Spalier stehen und mit ihren Rotorblättern die wattebauschigen Wolken umzurühren scheinen. Auf der Sandbank Horns Rev 20 Kilometer vor der Küste im Meeresboden verankert, produziert der größte Offshore-Windpark der Welt heute die Energie für mehr als 350.000 Haushalte.
    Die Kite-Surfer, die von einem Ende des Hvidbjergstrands zum anderen flitzen, lieben die Nordsee-Windsbraut, die Strandaale, die sich hinter aufgespannten Stoffbahnen flach machen, lässt das Trommelfeuer an feinen Sandkörnchen hingegen bald mit den Zähnen knirschen. Der Ozean erwärmt sich im Juli und August gerade einmal auf 18 Grad. Aber auch was empfindlich darunter liegt, hindert niemanden daran – und schon gar keine Dänen – sich in die Fluten zu stürzen. Mit Muschelsammeln, Sandburg-Bauen und Spaziergängen sind die Strandtage ausgefüllt. Kunst, die in der Europäischen Kulturhauptstadt Aarhus an der Ostsee heuer ganz im Mittelpunkt steht, wird im Vorübergehen beigesteuert. Am Strand von Blåvand erinnerten die im Zweiten Weltkrieg errichteten Bunker des Atlantikwalls an ein ungeliebtes Stück Zeitgeschichte. Wegschaffen ließen sich die tonnenschweren Stahlbetonbauten der deutschen Besatzer ebensowenig wie in die Luft sprengen oder mit dem Presslufthammer malträtieren. Dann kam der britische Bildhauer Bill Woodrow, verpasste den Kriegsrelikten vorne einen Metallaufsatz in Form eines Eselkopfs, hinten montierte er einen Schweif, der in die Luft ragt – als fröhliche Muli-Bunker, als Mahnmale gegen den Irrsinn des Krieges und als Eye-Catcher begannen sie ein neues Leben.
    Fehlt nur noch ein eigenes Häuschen, um die ureigene dänische Form der Glückseligkeit richtig zu zelebrieren. Unter dem Namen "hygge" hat sie seit einigen Jahren in Europa Hochkonjunktur. "Hyggeligkeit" ist auch für Dänemark-Urlauber kein unerreichbarer Zustand, sofern ein paar Grundsätze beherzigt werden. Hyggelig sein geht mit der eigenen Familie, höchstens noch mit ein paar guten Freunden. Das eigene Ferienhaus kann zum Nirwana der Gemütlichkeit werden, eine Hotelanlage oder ein Campingplatz dagegen nicht. Nirgendwo an der Nordseeküste sind die Voraussetzungen besser als in und um Blåvand – auf 200 Dauereinwohner kommen mehr als 2000 solcher privaten Urlaubsrefugien. Wo die Dünen in Heide und Kiefernwälder übergehen, sind die schnuckeligsten unter ihnen zu finden. Braun- oder rotgetünchtes Holz, eine Terrasse und ein Garten stecken das private Urlaubsreich ab. Ganz authentisch wird es mit einem Reetdach, das sich fast an den Boden herabzieht. "Hyggeligkeit" beginnt etwa mit einem ausgedehnten Frühstück und einem guten Buch auf der Terrasse. Am Ende des Tages wird der Kugelgrill in Gang gesetzt, wenn es kühler wird, der Kaminofen, über den ein Häuschen in Blåvand ziemlich sicher auch verfügt. Und wer nächtens vor die Tür tritt, findet sich auf einer Insel unter dem Sternenzelt wieder. Beim Cocooning auf Dänisch tankt man auch Energie für den ein oder anderen Kulturtrip. Da drängt sich etwa das uralte Wikinger-Städtchen Ribe auf. Begünstigt durch seinen guten Hafen mauserte sich Ribe im Mittelalter zu einem Handelszentrum an der Nordseeküste – beinahe auf Augenhöhe mit Hamburg. Eine Hochwassermarkierung am Alten Hafen liefert einen Hinweis darauf, was das heute 8000 Einwohner zählende Städtchen in den Niedergang trieb. Massive Sturmfluten, wie etwa die "Mandränke" von 1634, zeichneten den Küstenverlauf neu, sodass der einst quirlige Hafen für Handelsschiffe bald kaum mehr zu gebrauchen war. Pestepidemien und Kriege taten ihr Übriges. Das Geschäft brach ein, aber das entzückende Ensemble mit seinen aufs Hübscheste restaurierten Fachwerkbauten an kopfsteingepflasterten Straßen blieb wie unter einem Glassturz erhalten.
    Bis heute stolz ist Dänemarks älteste Stadt auf seine mächtige Kathedrale. Um an der flachen Nordseeküste Eindruck zu machen, braucht es hohe Gebäude – neben Ribes 58 Meter hohem Kirchturm und dem 39 Meter hohen Blåvands Fyr steht auch die Monumentalskulptur "Mennesket ved Havet" (Der Mensch am Meer) in der Hafenstadt Esbjerg in dieser Tradition. Vier schneeweiße Betonkolosse, die, einander zum Verwechseln ähnlich, von ihren Hockern auf den blauen Ozean starren. Sehnsucht nach dem Meer, Demut vor der Natur – vieles kann man in die Mannsbilder hineinlesen, die in ihrer unerschütterlichen Pose an die Kolossalstatuen von Pharao Ramses in Abu Simbel erinnern.
    Klotzen statt kleckern lautet die Devise an einem Ausflugsziel, das zum Pflichtprogramm eines Dänemark-Urlaubs mit Nachwuchs zählt. Jedes Kind weiß, dass die Heimat der Lego-Bausteine in Dänemark liegt. Geographisch verortet ist das dänische Designwunder mit angeschlossenem Erlebnispark im Städtchen Billund, ziemlich genau in der Mitte des Landes. Einige der Buggies schiebenden Eltern kennen die Szenerie aus der eigenen Kindheit, immerhin hat der erste Lego-Park der Welt schon 40 Jahre auf dem Buckel. Beinahe schon nostalgisch das Wiedersehen mit den Miniatur-Sehenswürdigkeiten von der Freiheitsstaue bis Schloss Kronborg, wo Shakespeare einen Begleiter von Prinz Hamlet den legendären Satz sagen ließ: "Es ist was faul im Staate Dänemark". Was sich angesichts der Bauwerke, die geschickte Hände aus Hunderttausenden von Lego-Klötzen zusammengefügt haben, nicht behaupten lässt. Hier hat Kopenhagens Hafen einen kleinen Zwilling gefunden, auf Grachten sind Schiffchen im unermüdlichen Einsatz für das Pläsier der Besucher. Ganz neu im Angebot sind die Nachbauten der fünf höchsten Gebäude der Welt von Burj Khalifa bis Taipei 101. Die Erstbesucher lockt man am besten mit Action. Achterbahnen, Wasserschlachten, ein Sprint durchs Laser-Labyrinth und ein Wiedersehen mit den Helden aus "The Lego Movie" im 4D-Kino stecken für die kommenden Stunden das Terrain ab. Da ist Geschicklichkeit ebenso gefragt wie Durchhaltevermögen – denn im Sommer präsentiert sich Legoland oft als Warteland. Irgendwann ist auch bei den Kleinen die Luft draußen, und der Wunsch nach einer Runde Hyggeligkeit im Ferienhaus bricht sich generationenübergreifend Bahn.

    Information

    Wiener Journal vom 16.3.2018





    Schlagwörter

    Dänemark, Wiener Journal, Reise

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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-03-16 14:24:04
    Letzte Änderung am 2018-03-28 13:21:44


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