• vom 01.04.2018, 08:00 Uhr

Reisen


Sevilla

Der Maler mit dem milden Blick




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"Das letzte Abendmahl" von Bartolomé Esteban Murillo.

"Das letzte Abendmahl" von Bartolomé Esteban Murillo.© Thomas Schneider "Das letzte Abendmahl" von Bartolomé Esteban Murillo.© Thomas Schneider

Murillo zählte schon zu seinen Lebzeiten zu den bekanntesten Malern Spaniens. Seine Werke waren europaweit gefragt, sein Ruf so überwältigend, dass der britische Premierminister Benjamin Disraeli begeistert forderte: "Lauf mein Freund, lauf nach Sevilla und du wirst zum ersten Mal sehen, was ein großer Künstler ist - Murillo, Murillo, Murillo."

Für den Lauf zu Murillos Werken durch das Sevilla von 2018 haben die Veranstalter des Murillo-Jahres ein kleines Netz zwischen 20 Orte der Stadt gesponnen, die eng mit Leben und Werk des Malers verknüpft sind. Wer diesen Murillo-Weg in Angriff nimmt, kann sich den Besuch jeder Etappe in einem eigens ausgestellten Murillo-Pass per Stempel dokumentieren lassen und so den Moment der Begegnung mit Murillos Kunst festhalten: Ich war hier, ich habe es gesehen, und es hat mir etwas bedeutet. Was Gläubigen der Nachweis für eine ordnungsgemäße Pilgerschaft ist, wird in Sevilla zum Zeugnis einer Mu-
rillo-Mission.

Sichtbares Leid

Den Pass in der Hand, ziehen die Kunstwallfahrer von Murillos Geburtshaus zum Alcázar, weiter zum Zisterzienserinnenkloster San Clemente, zur Kirche Santa Maria La Blanca und zum Mu-seum der Schönen Künste, zeigen sich gegenseitig, wo das Tischlein mit der Stempelvorrichtung steht, und nicken einander in der Kathedrale anerkennend zu, wenn sie eine weitere von Murillos unbefleckten Empfängnissen entdeckt haben. Von reizenden Engelsknaben umschwärmt, schwebt sie dort duftig und zart an der Decke des ellipsenförmigen Kapitelsaals. Die Darstellung der reinen Jungfrau hatte im 17. Jahrhundert Hochkonjunktur, doch kein anderer Maler hat es zu mehr makellosen Marienbildnissen gebracht als Murillo, der über 30 von ihnen schuf.

Seine Auftragsbücher waren gut gefüllt, denn beim Klerus fanden seine Arbeiten großen Anklang. Kein Wunder, war die katholische Kultur doch immer schon eine Kultur des Schauens und Malerei das Instrument zur Vermittlung des Glaubens. Murillo konnte religiöse Themen wie kaum ein anderer auf leicht verständliche Art interpretieren und ermöglichte Betrachtern ein sinnliches Erleben der Bibelgeschichte.

Wenn die heilige Elisabeth von Ungarn, umringt von Armen und Kranken, die aufgekratzten Kopfwunden eines Jungen auswäscht, oder der heilige Thomas von Villanova Almosen verteilt, wirkt ihre Barmherzigkeit nicht deshalb so bewunderns- und nachahmenswert, weil Murillo die beiden Heiligen als Wohltäter ins Zentrum seiner Bilder gestellt hat, sondern weil es ihm gelingt, die Linderung eines Leidens sichtbar zu machen. Da ist der Junge, der sich mit offenen Wunden am kahl geschorenen Kopf so über ein silbernes Becken beugt, dass glänzende Wasserreflexe sein Gesicht strahlen lassen; und da ist der Knirps von drei oder vier Jahren, der mit einer Münze in seiner Hand zu seiner Mutter gelaufen ist, beide in rötlich braunes Licht gehüllt, als würde der Anblick des Geldstücks sie wärmen. Nur zwei Beispiele, in denen Murillo die Schattenseiten des Lebens ins Licht der menschlichen Nächstenliebe rückt.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-29 17:12:03
Letzte Änderung am 2018-03-29 17:43:37


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