• vom 28.05.2018, 09:00 Uhr

Reisen


Chile

Ringstraßenpalais am Ende der Welt




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Von Robert Schediwy

  • Die Stadt Punta Arenas im äußersten Süden von Chile erlebte ihre eigene Belle Époque. Der Panamakanal setzte der Blütezeit ein jähes Ende.

Punta Arenas an der Magellanstraße: einst internationaler Umschlagplatz für Waren und Menschen.

Punta Arenas an der Magellanstraße: einst internationaler Umschlagplatz für Waren und Menschen.© Andreas Faessler/Wikimedia - Creative Commons Punta Arenas an der Magellanstraße: einst internationaler Umschlagplatz für Waren und Menschen.© Andreas Faessler/Wikimedia - Creative Commons

Die Stadt Punta Arenas kann nicht gerade als vorrangiges touristisches Ziel gelten. Im Ringen um die südlichste Stadt der Welt ist sie dem argentinischen Ushuaia nur knapp unterlegen, und das Klima hier ist feuchtkalt - das ganze Jahr über.

Trotz dieser doch etwas ernüchternden Aspekte stellt man fest, dass man sich hier, in der Nähe des Südpols, auf eigentümliche Weise daheim fühlt: Der Hauptplatz der Stadt (Plaza de Armas) ist geschmückt durch eine ausnehmend hübsche zentrale Gartenanlage mit mächtigen Bäumen und einem bombastischen Magellan-Denkmal im Ringstraßenstil. Auch die gründerzeitlichen Häuserfronten rundum muten vertraut an. Im Café Tostado serviert man riesige Portionen wohlschmeckender Schokoladetorte, und gleich gegenüber findet sich ein Gebäudekomplex im Stil des französischen Fin de siècle, dem man auch im Wiener Cottageviertel begegnen könnte.

Sara Braun prägte Punta Arenas als Unternehmerin und Förderin.

Sara Braun prägte Punta Arenas als Unternehmerin und Förderin.© Wikimedia: public domain Sara Braun prägte Punta Arenas als Unternehmerin und Förderin.© Wikimedia: public domain

Und immer wieder taucht in den Reiseführern wie auch in den Erklärungen der Einheimischen anerkennend und bewundernd der Name Sara Braun auf: Diese im Jahr 1955 hochbetagt verstorbene Unternehmerin spielt in der kollektiven Erinnerung dieses Städtchens, in dem man selbstironisch kokett behauptet, "am Ende der Welt" zu wohnen, offenbar eine große und positive Rolle. Sara Braun soll als Stifterin des 1920 errichteten Magellandenkmals aufgetreten sein und als Sponsorin des Porticus des kommunalen Friedhofs; zudem hat sie die Geschicke eines feuerländischen Wirtschaftskomplexes offenbar über Jahrzehnte erfolgreich geführt. Ihre ehemalige Villa aus den Jahren um 1900 wird heute mehrfach genutzt: als Hotel, Restaurant - und als Sitz des Club de la Unión de Punta Arenas. Im Palacio Braun-Menéndez wiederum ist heute das hübsche Museo re-gional de Magallanes untergebracht.

Information

Robert Schediwy, geboren 1947, lebt als Sozialwissenschafter und Kulturpublizist in Wien.

Der Kreuzfahrtpassagier, der nur wenige Stunden pro Hafen Zeit hat, freut sich, wenigstens ein stattliches Buch von diesem Landausflug mitnehmen zu können, und recherchiert mit steigendem Interesse weiter.

Es klingt seltsam, aber Punta Arenas an der Südspitze Chiles erinnert tatsächlich ein wenig an das gründerzeitliche Wien. Das dürfte auf wirtschaftliche Gründe, genauer gesagt, auf Parallelen der Konjunkturentwicklung, zurückzuführen sein. In beiden Fällen gab es eine Blütezeit in der Belle Époque vor 1914, die durch äußere Schockeinwirkung zu Ende ging. Im Falle Wiens war das der Ausgang des Ersten Weltkriegs und die plötzliche Degradierung einer imperialen Hauptstadt zum "Wasserkopf" eines Kleinstaates im Gefolge des Friedensvertrags von Saint Germain.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-25 13:52:05
Letzte Änderung am 2018-05-25 14:17:01


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