• vom 28.05.2018, 09:00 Uhr

Reisen


Chile

Ringstraßenpalais am Ende der Welt




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Im Falle Punta Arenas war es die Eröffnung des Panamakanals (fast gleichzeitig mit dem Kriegsbeginn 1914). Die daraus resultierende dramatische Verkürzung des Seewegs von der amerikanischen Ost- zur Westküste um etwa 15.000 Kilometer machte aus dem internationalen Umschlagplatz für Waren und Menschen ein Städtchen, das fortan wirklich "am Ende der Welt" gelegen schien.

Vor diesem epochalen Ereignis umsegelte mindestens ein Schiff pro Tag das gefürchtete Kap Hoorn, und ein bis zwei Schiffe legten auch tagtäglich in Punta Arenas an - das bot Gelegenheit zu Handel und anderen Kontakten. Menschen aus zahlreichen Ländern fanden sich hier ein - und siedelten sich auch an. Nahezu jede europäische Nation hatte ihren eigenen landsmannschaftlichen Klub, auch die Schweizer und die Österreicher. Kroaten kamen sogar in besonders großer Zahl. Den Ausschlag gab neben der Seefahrt noch ein anderer Faktor: Die Vegetation Feuerlands begünstigte die Schafzucht.

Punta Arenas um 1900 war also ein Ort, in dem man es zu etwas bringen konnte. - Dieser Meinung waren offenbar auch Elias Braun Fircks und seine Frau Sofia, geborene Hamburger, die 1874 mit ihren Kindern Moritz, Mayer, Oscar, Anna, Sara und Fanny in der südchilenischen Provinz auftauchten. Ob die aus Talsen in Kurland (damals zu Russland gehörig) stammende Familie russisch-orthodoxen Glaubens war, wie dies das prächtige, von Sara Braun errichtete Grabmal vermuten lässt, oder ob die Auswanderer aus dem heutigen Lettland den antisemitischen Ausschreitungen im Zarenreich entgehen wollten, scheint offenbar nicht ganz geklärt. Manche Quellen nennen als Geburtsort Saras auch Kiew. Aber das ist vielleicht nicht so wichtig.

Punta Arenas war im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts jedenfalls ein Ort, wo sich strebsame Auswanderer "neu erfinden" konnten. Elias Braun und die Seinen zählten damals zu den Aufsteigern. Die Besiedlung und wirtschaftliche Nutzbarmachung des weitgehend menschenleeren südlichen Chile wurde durch Landgeschenke der Regierung gezielt vorangetrieben.

Dies galt auch für die portugiesischstämmige Familie Nogueira. Die älteste Tochter von Elias und Sofia Braun, Sara Braun, heiratete 1887 José Nogueira, einen Pionier der Schafzucht und Gründer der Sociedad Explotadora de Tierra del Fuego. Im Jahr 1886 war es ihm gelungen, eine Million Hektar Land in der Provinz Magallanes zu erwerben. Als sein Gutsverwalter firmierte Saras Bruder Moritz, nun natürlich Mauricio genannt.

José Nogueira starb allerdings schon 1893, im Alter von nur 48 Jahren an der Tuberkulose. Er hinterließ seiner jungen Witwe ein enormes Vermögen, das sie wohl zu verwalten wusste. Sie überwachte die Baufortschritte des von ihrem Gatten bei dem französischen Architekten Numa Mayer bestellten Stadtpalais. Das Gebäude wurde 1890 fertiggestellt und 1905 ergänzt - die Baumaterialien und die Einrichtung wurden praktisch zur Gänze aus Europa importiert.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-25 13:52:05
Letzte Änderung am 2018-05-25 14:17:01


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