• vom 26.05.2018, 10:00 Uhr

Reisen


Peru

Vertraute Fremde




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Zwölf Jahre zuvor waren mein Vater und ich schon einmal vier Wochen durch Peru gereist. Von der heute 9-Millionen-Einwohner-Hauptstadt Lima am Pazifik, ein großteils grauer, damals sehr schmutziger Moloch, der sich immer weiter ins Andenvorland ausdehnt, ging es mit Reisebussen zuerst nach Süden. In Perus zweitgrößter Stadt Arequipa - Ausgangspunkt für Ausflüge in die grüne Colca-Schlucht, Heimat des Condor - besuchten wir Verwandte, deren Herzlichkeit in mir den Wunsch nach mehr Kontakt weckte. Andererseits fanden wir kaum Gesprächsthemen, was wieder einmal die Frage aufwarf, was mich mit diesem Land und seinen Menschen nun eigentlich verband.

Tour zu Inka-Ruinen

Diese Tour, die uns auch nach Cuzco, zu einigen Inka-Ruinen der Umgebung und an die langen Sandstrände in Nordperu führte, ähnelte in manchen Stationen der von 1980 - vielleicht ein Grund, warum die Gefühle des zehnjährigen Mädchens, das zum ersten Mal nach Peru kommt, so präsent waren. Ich sah viel vom Land, aber vieles davon gefiel mir nur mäßig, und für Kontakt zu meinen Verwandten war wenig Zeit. Bei einer erneuten Reise wollte ich die Familie besser kennenlernen.

Peru-Reise 1980: Jeannette Villachica (rechts) mit Vater und Schwester am Titicacasee.

Peru-Reise 1980: Jeannette Villachica (rechts) mit Vater und Schwester am Titicacasee.© privat Peru-Reise 1980: Jeannette Villachica (rechts) mit Vater und Schwester am Titicacasee.© privat



Vom Friedhof "Praderas de la Paz" fahren wir für ein spätes Mittagessen mit Sammeltaxis und Bussen ins Stadtzentrum. Trotz der rasanten Fahrt nickt mein Vater sofort ein, zu Hause würde er jetzt Mittagsschlaf halten. Als wir belebtere Gegenden erreichen, muss der junge Mann, der halb aus dem Wagen hängend die Fahrtroute ausruft, um Fahrgäste anzulocken, gegen das wachsende Hupkonzert und die Konkurrenz anschreien. Eis-am-Stiel- und Kaugummiverkäufer steigen ein und aus.

Der Stolz der Peruaner ist legendär, es wird nicht ohne eine zumindest symbolische Gegenleistung gebettelt. Insgesamt nehme ich weniger extreme Armut wahr als vor zwölf Jahren. Die Menschen wirken gelöster und freundlicher, viel weniger deprimiert. Die Schatten des Bürgerkriegs, der 2000 offiziell endete, scheinen zu verblassen.

Perus Wirtschaft gilt heute als eine der stabilsten und am schnellsten wachsenden Lateinamerikas. Große Teile des wachsenden Mittelstands können sich private Universitäten, Eigentumswohnungen als Geldanlage und neue Autos leisten. Das Verkehrsaufkommen ist gestiegen, die In-frastruktur hinkt jedoch hinterher. 2012 wurde eine erste U-Bahn-Linie eröffnet, weitere sind im Bau, beziehungsweise geplant, Lärm, Stau und schlechte Luft sind für die Limeños jedoch eine große Belastung. Für mich war die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel in Lima immer ein Abenteuer. Wann die Busse kommen und wo genau sie halten, ist oft unberechenbar. Man muss ihnen hinterherspurten und sich an Verkehrsknotenpunkten zwischen in mehreren Spuren haltenden und fahrenden Bussen, Taxis, Mopeds, Pkws und Lkws durchschlängeln. Während der Fahrt gilt das Recht des Stärkeren und die Fahrer nutzen jede Lücke, egal, wie oft sie die Spur wechseln müssen. Glücklicherweise bekommt mein Vater, der gebrechlicher aussieht als er ist, stets einen Sitzplatz angeboten.

In den schmalen Straßen der Altstadt geht es nur noch im Schritttempo voran. Wir steigen aus und drängen uns an Händlern mit Karren, kleinen Getränke-, Obst- und Imbissständen und hastenden Menschenmassen vorbei. An einigen Ecken riecht es nach Urin, generell ist es aber viel sauberer als früher. Nach mehreren Choleraepidemien wird selbst auf dem Land mindestens einmal am Tag der Müll abgeholt.




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Schlagwörter

Peru, Reise mit Vater, Lima, Identität

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-25 14:03:59
Letzte Änderung am 2018-05-25 14:18:37


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