• vom 27.05.2018, 10:00 Uhr

Reisen


Haiti

Fluch der Karibik




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Von Marc Tornow

  • Haiti ist landschaftlich pittoresk und paradiesisch schön. Die Folgen von Diktaturen und Naturkatastrophen belasten die Insel-Nation und ihre bitterarme Bevölkerung aber bis heute.

Zwischen Abgasen und Kriminellen: Fußgänger sind in Port-au-Prince ständig in Gefahr. - © Tornow

Zwischen Abgasen und Kriminellen: Fußgänger sind in Port-au-Prince ständig in Gefahr. © Tornow

"Ach, Sie wollen alleine los", Jean Baptiste lächelt gequält. "Das ist gegen die Abmachung." Der 32-jährige Haitianer berät ausländische Unternehmen in Sicherheitsfragen. Seine Präsentation hat nur einen Inhalt: die Unversehrtheit von Personen in und um Port-au-Prince. Etwa die Hälfte der haitianischen Hauptstadt sollte gar nicht erst betreten werden. Es ist Niemandsland. In Vierteln wie Martissant, Carrefour oder Bel Air, in denen die Menschen dicht gedrängt um ihr Überleben kämpfen, haben bewaffnete Banden die Kontrolle übernommen. Es kommt zu Überfällen, Entführungen, Mord. "Nicht mal ich könnte dorthin fahren", resümiert Jean Baptiste.

Es ist die schiere Ausweglosigkeit der Leute in den weitläufigen Slums der Kapitale, die die Kriminalitätsraten seit 2010 noch einmal in die Höhe schnellen ließ. Damals, vor acht Jahren, als die Erde das ohnehin strukturschwache Land mit einer Stärke von 7,0 auf der Richterskala erzittern ließ und der von Diktaturen und Kleptokraten gebeutelten Nation auch noch die letzte Infrastruktur entriss.

Ein Stadt- und Sittenbild: Die Ruine des Bicentennial Monuments in Port-au-Prince.

Ein Stadt- und Sittenbild: Die Ruine des Bicentennial Monuments in Port-au-Prince.© Marc Tornow Ein Stadt- und Sittenbild: Die Ruine des Bicentennial Monuments in Port-au-Prince.© Marc Tornow



Diebe machen selbst vor den Ärmsten der Armen nicht Halt, weil es ihnen gewählte Politiker so vorleben. Und ein Ausländer ist erst recht ein lohnendes Ziel. "Auf keinen Fall eine Bank besuchen", warnt Jean Baptiste. "Sie werden beim Herauskommen schon erwartet." Ein wenig Scham über die Verhältnisse in seiner Heimat ist dem jungen Mann anzumerken, als er weitere Risikoquellen benennt. Eine fehlende medizinische Versorgung für Notfälle etwa, was lebensbedrohliche Folgen haben kann. Außerdem sollten ausschließlich vorbestellte Wagen genutzt werden.

Information

Marc Tornow, geboren 1972, lebt als Journalist in Hamburg und ist für Zeitungen sowie die deutsche auswärtige Kulturarbeit tätig.


Zu Fuß sind in der Hauptstadt sowieso nur wenige Gäste unterwegs. "Wohin auch", hinterfragt Baptiste ungläubig die für ihn überraschende Publizität von Port-au-Princes Straßen. Bestenfalls im malerisch am Hang gelegenen, indes schmucklosen Diplomatenvorort Pétion-Ville tingelt die überschaubare Riege der Expatriates zwischen drei Supermärkten und vier Restaurants umher, in denen der Teller Nudeln für umgerechnet 25 Euro gereicht wird. "Alles Importware, das hat seinen Preis."

Der Bewegungsradius bleibt begrenzt in einer Stadt, die ohne ein Zentrum auskommen muss. Im Regierungsviertel sollte sich dies ändern. Mit dem Bicenten-nial Monument sollte Port-au-Prince nach dem Willen des früheren Staatschefs Jean-Bertrand Aristide endlich ein echtes Wahrzeichen bekommen. Doch noch ehe der zum 200. Jubiläum der Unabhängigkeit gedachte Turm fertiggestellt wurde, jagte man seinen Bauherren 2004 ins Exil. Mit dem früheren Laienprediger verschwanden auch die Millionen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-25 14:24:59
Letzte Änderung am 2018-05-25 14:46:28


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