• vom 23.06.2018, 09:30 Uhr

Reisen


Kunstgeschichte

Homo Universalis




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Von Susanne Schaber

  • Der spanische Designer, Maler und Kostümschöpfer Mariano Fortuny fand - gemeinsam mit seiner Geliebten Henriette Negrin - erst in der Serenissima zu seiner wahren Form und Begabung. Ein venezianisches Capriccio.



Ein raumgreifender Mann - mit Hang zum Gesamtkunstwerk: Mariano Fortuny (1871-1949).

Ein raumgreifender Mann - mit Hang zum Gesamtkunstwerk: Mariano Fortuny (1871-1949).© yourtoursinvenice Ein raumgreifender Mann - mit Hang zum Gesamtkunstwerk: Mariano Fortuny (1871-1949).© yourtoursinvenice

Das also auch noch. Doña Cecilia de Madrazo ist beunruhigt. Über ein Jahrtausend lang hatte der Campanile di San Marco den Zeiten getrotzt. El parón de casa (sic!, venez. Dialekt), wie ihn die Venezianer nennen, der Hausherr. Der Glockenturm der Markuskirche ist mit seinen knapp hundert Metern das höchste Gebäude der Stadt, seit jeher Orientierungspunkt in der Lagune und Wahrzeichen: auf unzähligen Bildern von Carpaccio, Guardi oder Canaletto zu sehen und auf den verwackelten Schwarzweiß-Fotos der Touristen. Und nun das: Am 14. Juli 1902, gegen 9.45 Uhr, stürzt der von Erdbeben und Blitzen gebeutelte Campanile, den man mit der Installation eines Lifts beleidigen will, zusammen. Zurück bleiben Staubwolken und ein mächtiger Steinhaufen - und eine schutzlos wirkende Basilika.

Doña Cecilia eilt zur Piazza, um die Ruine zu bestaunen. In den Schrecken mischt sich Angst: Und wenn nun dieser Vorfall mehr ist als ein Unglück, mit dem der eine oder andere Statiker ohnehin schon gerechnet hat? Wenn dieses Drama, bei dem - Gott sei Dank - niemand zu Schaden gekommen ist, für ihren Sohn ein schlechtes Omen bedeutet? Für Mariano Fortuny wird dieser 14. Juli 1902 zum Wendepunkt seines Lebens: An jenem Tag bringt er seine Geliebte, Henriette Negrin, nach Venedig, um mit ihr unter einem Dach zu wohnen, gegen den Willen seiner Mutter. Er ist glücklich. Während sich Doña Cecilia in die Idee hineinsteigert, dass der zerstörte Turm ein Symbol sein würde für eine Familie, die fortan in ihren Grundfesten erschüttert sein wird.

Quellen der Inspiration

Fortunys Begeisterung für die Antike ist bis heute in seinem Palazzo in Venedig zu sehen.

Fortunys Begeisterung für die Antike ist bis heute in seinem Palazzo in Venedig zu sehen.© Rainer Pöhnl Fortunys Begeisterung für die Antike ist bis heute in seinem Palazzo in Venedig zu sehen.© Rainer Pöhnl

Cecilia de Madrazo ist Kummer gewöhnt. Ihre Ehe endete zu früh, als ihr Mann, selbst Künstler, in Rom an Malaria starb. Sie übersiedelte mit ihren beiden Kindern nach Paris. 1889 zieht sie nach Venedig weiter: Dort hofft sie, dass ihr zu diesem Zeitpunkt 18-jähriger Sohn Mariano das Klima in der Serenissima besser vertragen würde als die Land- und Stadtluft. Er reagiert al-lergisch auf Pferde und leidet unter Asthma und Heuschnupfen. In Venedig, wo es keinerlei Fuhrwerke und nur wenige Gärten gibt, würde sich seine Gesundheit stabilisieren, so der Wunsch der besorgten Mutter. Sie mietet sich am Canal Grande im Palazzo

Information

Hinweise:
Bis 23. Juli 2018 findet im Palazzo Fortuny die Sonderausstellung "Una collezione Italiana - Opere dalla collezione Merlini" statt: http://fortuny.visitmuve.it/en/home/

Showroom auf der Giudecca:
http://fortuny.com/venice/

Martinengo ein, wo sie Gäste empfängt und ihre Kollektion wertvoller, zum Teil sehr alter Stoffe präsentiert: Samt, Brokat, Seide und Taft, in floralen und auch geometrischen Mustern, mit Gold- und Silberfäden verwirkt. Kostbarkeiten aus den mittelalterlichen Manufakturen in Gent oder Venedig, aus Japan und China. Dazu Waffen, Teppiche und Keramik, die Cecilias Vater und Großvater auf ihren Studienreisen erworben haben.

Muse, Vertraute und Partnerin auf Augenhöhe: Henriette Negrin (1877-1965), ca. 1905.

Muse, Vertraute und Partnerin auf Augenhöhe: Henriette Negrin (1877-1965), ca. 1905. Muse, Vertraute und Partnerin auf Augenhöhe: Henriette Negrin (1877-1965), ca. 1905.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-22 14:58:41
Letzte Änderung am 2018-06-22 16:00:26


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