• vom 23.06.2018, 09:30 Uhr

Reisen


Kunstgeschichte

Homo Universalis




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Fruchtbare Quellen der Inspiration für den jungen Mariano. Er entwickelt sich zum Homo Universalis, mit Begabungen als Maler, Modeschöpfer und Innenarchitekt, als Ingenieur und Erfinder. Ein überaus raumgreifender Mann. Entsprechend schnell reagiert er auf die Nachricht, dass der Palazzo Pesaro degli Orfei im Sestiere di San Marco zum Verkauf steht. Dereinst im Besitz einer Dogenfamilie, war der riesige gotische Palast am Campo San Beneto ziemlich heruntergekommen: Teile des ehemaligen Prachtbaus wurden als Theater und später als Konzertsaal benutzt. Inzwischen haben Handwerker die Räumlichkeiten vollends heruntergewirtschaftet.

Fortuny lässt sich davon nicht abschrecken, im Gegenteil: Nach und nach erwirbt er die gesamte Immobilie und richtet dort seine Ateliers ein, mit Weberei und Färberei, mit Plätzen für Staffeleien und Schreibtische. Während er des Abends weiterhin mit der Mutter am Tisch des Palazzo Martinengo sitzt und seine Tage im Familienkreis beschließt.

Labor für Einfälle

Venedig entzündet seine Fantasie, hier entsteht das Labor seiner Ideen und Einfälle. Für einen wie ihn, der Oper und Drama liebt, wird die Serenissima zur ihn beseelenden Kulisse: der Nebel über den Kanälen, die sich im Wasser spiegelnden Gemäuer, die gespenstische Stimmung, wenn die Wellen an den Mauern brechen und der Regen wie ein Schleier vor den Häusern hängt. Die irisierend-gleißende Helligkeit der Sonnenstrahlen, die Dämmerung, die das Gold der Paläste zum Glühen bringt.

Angeregt durch die Leuchtkraft Venedigs und beflügelt von seiner Passion für Richard Wagner konstruiert Fortuny ein Lichtsystem für die Oper, das er zum Patent anmeldet - eines von fünfzig weiteren. Darunter der sogenannte Dom: ein kuppelförmig gewölbtes Zyklorama, das bei entsprechender Beleuchtung die Illusion eines Himmels oder eines ins Unendliche gehenden Raums erzeugt.

Während er in seinem Palazzo über der Realisierung seiner Eingebungen brütet, führen ihn Spaziergänge in die Accademia, in die Scuola San Rocco oder in die Kirchen von San Sebastiano oder Madonna dell’Orto. Bei Carpaccio, Veronese oder Tintoretto studiert er den Faltenwurf der Gewänder, die Muster der Capes und Mäntel der Kleriker, die Roben der Adeligen und Kurtisanen.

Er freundet sich mit Gabriele D’Annunzio und Eleonora Duse an, arbeitet als Bühnen- und Kostümbildner und ist als Maler geschätzt, als er 1897 auf Henriette Negrin trifft. Die beiden verbindet die Liebe zu Stoffen, Farben und die Tradition alter Handwerkstechniken. Cecilia de Madrazo beobachtete die Beziehung mit Argusaugen: Henriette ist keine Idealbesetzung für die Rolle als Schwiegertochter, wie sie befindet. Eine elegante Pariserin, sehr hübsch, aber geschieden. Das passt als Makel nicht ins mütterliche Beuteschema. Doch sie muss den Sohn freigeben. Im Juli 1902 packt er seine Koffer und wohnt fortan mit Henriette Negrin im Palazzo Pesaro degli Orfei, bescheiden und ohne Dienstboten. Und über zwanzig Jahre ohne Trauschein.

Während Mariano Fortuny und Henriette Negrin an den Grundfesten ihres gemeinsamen Lebens bauen, wird der Campanile der Basilica di San Marco neu errichtet, ganz im alten Stil. Wie kann sich ein zeitgenössischer Künstler in einem Ambiente entfalten, das die Gegenwart ignoriert und beharrlich in der gloriosen Vergangenheit ankert?




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-22 14:58:41
Letzte Änderung am 2018-06-22 16:00:26


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