• vom 08.07.2018, 14:00 Uhr

Reisen

Update: 08.07.2018, 16:25 Uhr

Brasilien

Reben im Regenwald




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Das änderte sich Ende der 1990er Jahre, als im Vale dos Vinhedos einige junge Menschen beschlossen, etwas Neues auszuprobieren und dennoch den Traditionen treu zu bleiben. "Wir haben die Böden, wir haben das Klima, wir mussten nur das Weinmachen lernen", sagt Flávia Pizzato. Die 46-Jährige begann 1998 mit einer Schwester und zwei Brüdern, den Familienbetrieb umzukrempeln. Sie machten aus den hängenden Weinreben senkrecht stehende, sie pflanzten neue Sorten an: Cabernet Sauvignon, Tannat, Merlot. "Es war unser Traum, den Weinbergen unseres Ur-Opas neues Leben einzuhauchen", sagt Flávia Pizzato. "Sie stammten von 1890." Die Pizzato-Geschwister ersetzten hierauf die alten Holzfässer aus Araukarienholz ("pipas"), die den Weinen der Region das Harzig-Schädelige verliehen, durch Edelstahltanks und Fässer aus französischer Eiche.

Einer ihrer Brüder, "der Ivo", studierte Önologie und brachte es schnell zur Meisterschaft. Schon der erste Wein der Pizzatos, ein 1999er Merlot, war eine Überraschung. Damals begann man, brasilianische Weine zu testen, und die Premiere der Pizzatos schnitt so gut ab, dass die Zeitschrift "Veja" aus São Paulo zu Besuch kam. Ehe sich die Pizzatos versahen, hatten sie ihre ersten 15.500 Flaschen verkauft.

Dann kam der Schock: Ivo Pizzato, der Önologe, stürzte mit dem Auto in einen Fluss und starb. "Wir haben uns danach in die Arbeit geflüchtet", sagt Flávia. "Wir wollten das Vorurteil brechen, dass brasilianischer Wein nichts taugt. Das war auch Ivos Traum." Außerdem sprang Vater Pizzato ein, der sich jetzt mit einem verschmitzten Lächeln zu uns gesellt, kurze Jeans und den Leibesumfang des Genießers trägt. "Ich wusste wenig von moderner Weinherstellung", sagt Plinio Pizzato. "Aber mit der Pflege der Weinstöcke, da kannte ich mich aus: welche Traube zu welchem Boden passt, wie viel Kilo Trauben pro Rebe hängen dürfen, an welchem Tag die Ernte beginnen sollte."

Vater und Tochter Pizzato stehen auf der Aussichtsterrasse des Weinguts; es liegt am Rande eines Weilers. Der Blick reicht über Rebstöcke und Wälder bis zu einer Felsschlucht. Direkt neben den alten Hof haben die Pizzatos ein schlichtes modernes Gebäude gesetzt, in dem sie Gäste zur Weinprobe empfangen, dazu Käse, Salami und Brot reichen - auch deren Herstellung gehört zu den italienischen Traditionen der Region.

Irineo Dall’Agnol erzeugt prämierte Schaumweine.

Irineo Dall’Agnol erzeugt prämierte Schaumweine.© Lichterbeck Irineo Dall’Agnol erzeugt prämierte Schaumweine.© Lichterbeck

Flávia Pizzato entkorkt einen Merlot aus dem Jahr 2012. Darauf prangt ein Sticker: "94". Es ist die Punktzahl, die der Wein vom renommierten Magazin "Decanter" erhielt - die beste Note, die je ein brasilianischer Wein erzielte. Die Trauben stammten von dem Weinberg, auf dem schon der erste erfolgreiche Tropfen der Pizzatos gewachsen war. 2012 sei der letzte große Jahrgang gewesen, sagt Flávia Pizzato, aber sie ist sich mit ihrem Vater einig, dass 2018 wieder ein Spitzenjahr wird.

Der Meinung ist ist auch Irineo Dall’Agnol. Der 51-Jährige steht mit einer Flasche Brut in der Hand auf seinem Hügel und genießt den Majestätsblick. Er sagt: "Wir hatten einen knackigen Winter und erleben einen trockenen Sommer. In der Nacht waren es zwölf Grad, jetzt sind es 35." Dall’Agnol arbeitete für das Landwirtschaftsministerium, Sektion Wein, als er 2005 mit einem Freund entschied: Wir machen Champagner. Sie kauften Weinberge und einen Bungalow in Hügellage, der zum Hauptquartier ihrer Firma wurde. Sie nannten sie "Estrelas do Brasil", Sterne Brasiliens, nach einem Zitat des Benediktinermönchs Dom Pérignon, in dessen Abtei der Champagner entstand. "Ich trinke Sterne", soll er gesagt haben. "Wir wollten uns nicht den üblichen Familiennamen geben", sagt Dall’Agnol.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-05 16:28:52
Letzte Änderung am 2018-07-08 16:25:34


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