• vom 06.07.2018, 17:00 Uhr

Reisen


Schweiz

Ostschweizer Farbenspiele




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Nach so viel historischer Entrückung tut gegenwärtige Erquickung gut, welche der rund zehn Gehminuten vom Altstadtkern entfernte Kreuzbleichepark bieten kann. Weitläufige Sportanlagen und Baumalleen laden zum Joggen oder Verweilen ein, was auch von der ansässigen Stadtbevölkerung weidlich genutzt wird, die sich hier übrigens - was nicht überall in der Schweiz so selbstverständlich oder zumindest transparent ist - erfrischend multikulturell erweist. Inmitten dieses Parks liegt, von hohen Kastanienbäumen gesäumt, die sogenannte Militärkantine - ein mächtiger Riegelbau, der um 1900 (also doch wieder kurz Vergangenheit) als Offiziersunterkunft gebaut wurde und heute - unter Denkmalschutz stehend - als Hotel und Restaurant mit großzügiger Raumaufteilung (und feiner Verpflegung) dient.

Kreuzbleiche - der Ausdruck verweist auf die in vielen Teilen der Stadt bis heute sprachlich anwesende oder symbolisch repräsentierte Textil-Geschichte von St. Gallen: Über Jahrhunderte war das Leben hier von der Leinwandherstellung, der Verarbeitung von Baumwolle und dem Besticken gefertigter Stoffe geprägt, was auch in der Architektur Spuren hinterlassen hat, wie man auf einem eigenen "Textilweg" oder auch im Textilmuseum nachvollziehen kann.

Wasser & Berg

St. Gallen hat aber auch außerhalb seiner - eh nicht mehr vorhandenen - Stadtmauern viel zu bieten, ist ein idealer Ausgangspunkt für Ausflüge in die pittoreske Region der Ostschweiz. Soll es Wasser sein, empfiehlt sich ein Ausflug zum nahe gelegenen Bodensee, etwa in die reizenden Städtchen Arbon oder Rorschach (ohne h - und ohne -Test ). Oder am Seeufer entlang - sei’s mit Auto oder Bahn - bis nach Schaffhausen, zum Rheinfall, dem größten Wasserfall Europas, den man dort mittels Booten, die einen nahe heranschippern, und gemeinsam mit sehr vielen Indern, die das Naturschauspiel mit heiligem Interesse und Staunen verfolgen, aus nächster Nähe gischtbespritzt begutachten kann.

Drei Kantone und viele Blickrichtungen vom Säntis.

Drei Kantone und viele Blickrichtungen vom Säntis.© Schmickl Drei Kantone und viele Blickrichtungen vom Säntis.© Schmickl

Soll es ein Berg sein, stünde der exakt 2502 Meter hohe Säntis dafür parat. Auf dessen Gipfel, auf dem - damit man ihn auch wirklich von überall sieht (außer er liegt, wie nicht selten, über den Wolken) - ein 123 Meter hoher Fernsehturm thront, führt eine Schwebebahn, mit der man rund zehn Minuten unterwegs ist. Sie wurde bereits 1935 nach zweijähriger Bauzeit eingeweiht - und mittlerweile mehrfach neu gebaut und ausgestattet, zuletzt im Jahr 2000. Von oben, gute Sicht vorausgesetzt, genießt man einen großartigen Rundumblick - über insgesamt sechs Länder hinweg. Und man kann sich auf kleinstem Raum in gleich drei Schweizer Kantonen bewegen, da sich die St. Gallener und die Appenzeller - mit ihren beiden Halbkantonen Inner- und Ausserrhoden - nach Zuordnungs-Streitigkeiten schließlich darauf einigten, dass sie alle ein Stück des Gipfelbereiches bekamen.

Man muss übrigens, ist man bewegungsfreudig und bei guter Kondition, nicht zwangsläufig mit der Schwebebahn fahren, sondern kann auch von der schönen Schwägalp auf rund 1300 Meter, wo man mit Bus oder Auto bequem hinkommt, zu Fuß entlang markierter Wege bis auf den Säntis hinaufwandern. Vorbei an der mit 80 x 80 m größten Schweizerfahne der Welt (wobei es einem in diesem Land wahrlich nicht am Anblick der Fahne, die auf nahezu jedem zweiten Grundstück weht, mangelt). Oben, am Berg der Ex-treme, herrschen mitunter radikale Verhältnisse, wie ein Blick in die Annalen zeigt: Die Temperaturen reichen von -32° C (gemessen 1905) bis zu 21,6° (1983); im April 1999 lagen über acht Meter Schnee und im Dezember 1999 fegte Sturm Lothar mit 230 km/h über den Säntis hinweg.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-05 16:58:59
Letzte Änderung am 2018-07-05 17:14:54


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