• vom 02.04.2010, 00:00 Uhr

Wein

Update: 25.03.2017, 14:53 Uhr

Werfrings Weinjournal

"Die Monarchie lebt!"




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Von Johann Werfring

  • Josef Umathum besinnt sich seiner transleithanischen Wurzeln.

Top-Winzer und Kunstsammler Josef Umathum, Frauenkirchen.

Top-Winzer und Kunstsammler Josef Umathum, Frauenkirchen.© Foto: Johann Werfring Top-Winzer und Kunstsammler Josef Umathum, Frauenkirchen.© Foto: Johann Werfring

Josef Umathum aus Frauenkrichen im Seewinkel zählt zu den Top-Winzern des Burgenlandes. Jahrhundertelang gehörte Umathums Heimatort zur ungarischen Krone, ehe durch die weltpolitischen Umwälzungen im Gefolge des Ersten Weltkrieges der deutschsprachige Teil Transleithaniens (= Land jenseits der Leitha) im Jahr 1921 zu Österreich kam. Viele alte Traditionen sind mit der Grenzziehung und der Entfremdung der heutigen Burgenländer von ihrem einstigen Mutterland abgekommen – auch in weinbaulicher Hinsicht!

Seit kurzem gibt es im Weingut Umathum eine neue Weinsorte: den "Lindenblättrigen" (ungarisch "Hárslevelû"). "Wir haben uns in den vergangenen 20 Jahren mit Sorten wie Merlot und Cabernet Sauvignon einseitig in Richtung Westen orientiert und den Osten völlig zu Unrecht links liegen gelassen", sagt Umathum. Von alters her wird in Ungarn der Lindenblättrige angebaut, bis heute spielt er vor allem als Tokajer-Cuvée-Bestandteil eine wichtige Rolle.


Noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts sei auch in der Frauenkirchner Gegend der Lindenblättrige viel angebaut worden, weiß Josef Umathum zu berichten. Heute sei die Sorte mit der späten Reife und lebendigen Säure im Burgenland auch wegen der sich ändernden Klimaverhältnisse interessant geworden.

Flasche vor und nach der Beschlagnahmung.

Flasche vor und nach der Beschlagnahmung.© Fotos: Weingut Umathum Flasche vor und nach der Beschlagnahmung.© Fotos: Weingut Umathum

Aber auch qualitativ möchte Umathum das Potenzial der angestammten Sorte aufzeigen. Der Lindenblättrige sei der Tafelwein der ungarischen Könige gewesen, erzählt der traditionsbewusste Frauenkirchner. Umathums trocken ausgebauter Lindenblättriger aus dem 2008er Jahrgang reifte auf einer Toplage am Joiser Berg heran, der Alkoholgehalt beträgt 11,3 Volumsprozent. Mit seinem ungewöhnlichen Bukett, der ausgeprägten Mineralität, der eleganten Strenge und der belebenden Frische präsentiert sich dieser Wein süffig und fordernd zugleich. Preis: 14,50 Euro.

Kurz vor der Erstpräsentation des Weins wurde er aus formalen Gründen von der Kellereiinspektion beschlagnahmt, weil das Gesetz bei "Tafelwein", der nicht im österreichischen Qualitätssortenregister ausdrücklich zugelassen ist, keine Bezeichnungen und Hinweise auf Sorte, Jahrgang und Region zulässt. Vor allem die Bezeichnung "Lindenblatt" im Zusammenhang mit "Tafelwein" wurde beanstandet. Daraufhin griff Josef Umathum zu einer unorthodoxen Methode: Die nicht zulässige Bezeichnung wurde kurzerhand ausgestrichen. Solcherart zensuriert darf der Wein jetzt wieder verkauft werden. Umathums Kommentar dazu: "Die Monarchie lebt – nicht nur in dieser Rebsorte, sondern auch mit all ihrer Bürokratie und Zensur!"

Blick in Umathums "Weinkathedrale".

Blick in Umathums "Weinkathedrale".© Foto: Johann Werfring Blick in Umathums "Weinkathedrale".© Foto: Johann Werfring

Das österreichische Weingesetz ist eines der strengsten der Welt. So streng, dass bei der Etikettierung und Bezeichnung strikt durchgegriffen wird. Dies führte dazu, dass die Behörde eine Minimenge von rund 300 Flaschen eines Weines, der von einer uralten, im Gebiet angestammten Rebsorte gekeltert wurde, beschlagnahmte.

Josef Umathum nimmt's gelassen. Einen kleinen Seitenhieb auf die Bürokratie kann er sich dennoch nicht verkneifen: "Es ist schon absolut grotesk, dass im EU-Raum internationale Weine, die mit bis zu 30 Prozent Wasser versetzt sind, vollkommen legal verkauft werden dürfen, aber bodenständige Weine, hergestellt aus uralten heimischen Rebsorten, nicht als solche bezeichnet werden können."

Info: www.umathum.at

Artikel erschienen am 2. April 2010
in der Kolumne "Werfrings Weinjournal"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 44
45




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Dokument erstellt am 2012-01-14 19:26:05
Letzte Änderung am 2017-03-25 14:53:22


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