• vom 02.03.2012, 00:50 Uhr

Wein

Update: 09.02.2018, 20:12 Uhr

Weinjorunal

Die Kunst des Weinmachens




  • Artikel
  • Lesenswert (12)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Johann Werfring

  • Das Weingut Anita und Hans Nittnaus in Gols produziert sowohl im klassischen Segment als auch im Premiumbereich puristische Weine mit Trinkfluss. Von ihrer Stilistik her haben sie eine beachtliche Bandbreite.

Der Winzer und Jazzmusiker John Nittnaus aus Gols.

Der Winzer und Jazzmusiker John Nittnaus aus Gols.© Foto: Weingut Anita und Hans Nittnaus Der Winzer und Jazzmusiker John Nittnaus aus Gols.© Foto: Weingut Anita und Hans Nittnaus

Seitdem ich mich publizistisch mit Wein beschäftige, was seit mehr als einem Jahrzehnt der Fall ist, habe ich mit wachsendem Interesse den heute 57jährigen Winzer Hans (alias "John") Nittnaus und seine Weine observiert. Im Lauf der Jahre gelangte ich zu der Einschätzung, dass es sich hier nicht allein um einen solide arbeitenden Bauern und begabten Kellertechniker handelt, sondern um einen Weinkünstler ersten Ranges. Auch bei bestimmten anderen Disziplinen (etwa beim Kochen oder beim Schachspielen) darf auf Spitzenniveau – zumindest in speziellen Fällen – von Kunst gesprochen werden. Dass der Winzer John Nittnaus, der in jüngeren Jahren an der Wiener Hochschule für Musik und darstellende Kunst Komposition studiert hat, nebenbei auch noch ein feinfühliger Musiker ist, mag auf seine Weinmacherkunst nicht unerhebliche Rückwirkungen haben.

Was die Bandbreite der Weine des ebenso bescheidenen wie beliebten Golsers anlangt, so ist zu konstatieren, dass er damit ein wirklich anspruchsvolles Weinpublikum in Erstaunen und Begeisterung versetzt. Als ich John Nittnaus kürzlich in einem Golser Hotel-Restaurant zum Weindialog traf, überraschte er mich mit einer unglaublich jugendlich wirkenden 1988er Weißweinkreszenz der Sorte Chardonnay. Ich war verblüfft, wie trefflich dieser herrliche Wein mit einem Alkoholgehalt von bloß 12,5 Prozent die Jahrzehnte überdauern konnte. Bis heute erbringt Nittnaus den Beweis, welch grandioses Potenzial das Burgenland in punkto burgundische Weißweine hat. Mittlerweile spielt bei Nittnaus in dieser Hinsicht der Pinot Blanc die erste Geige.

Das beschauliche Weingut Anita und Hans Nittnaus in Gols.

Das beschauliche Weingut Anita und Hans Nittnaus in Gols.© Foto: Johann Werfring Das beschauliche Weingut Anita und Hans Nittnaus in Gols.© Foto: Johann Werfring

Auch ein weiterer bei dieser Gelegenheit degustierter Altwein, es handelte sich um die 1999er Cuvée Comondor aus den Sorten Merlot, Cabernet Sauvignon und Blaufränkisch, bewies eindrucksvoll die Kontinuität der Qualitätsbemühungen des Weinguts auf Topniveau. Indes konnte ich die Langlebigkeit Nittnaus’scher Rotweine auch schon bei einer Reihe von anderen Gelegenheiten nachvollziehen. Beeindruckend ist vor allem die bravouröse Bewältigung schwieriger Jahrgänge. Während beim 2005er Jahrgang finessenreiche österreichische Rote äußerst rar gewesen sind, steckte etwa der Blaufränkisch Leithaberg 2005 von Nittnaus diesen Jahrgang weg, als hätte er sich in der gegebenen Weise nicht ereignet (eine kleine Quantität davon ist derzeit noch ab Hof zu haben).



Recht bemerkenswert ist der vinophile Gemeinschaftsgeist von John Nittnaus, dem – über seinen eigenen Betriebserfolg hinausgehend – die weinbauliche Entfaltung der Region und überhaupt des Burgenlandes ein Herzensanliegen ist. Der seit 1994 bestehenden Golser Winzervereinigung "Pannobile", in der er sich von Beginn an engagiert mit seinen Ideen einbringt, spendierte er sogar den bis dahin von ihm geschützten Namen (zuvor firmierte in seinem Betrieb ein edler Rotwein unter der Bezeichnung "Pannobile"). Nachdem er seit 1999 am Leithaberg Flächen bewirtschaftet hatte (ab 2004 pachtete er die gesamte Fläche des Joiser Betriebes Ernst Winter), initiierte er in diesem Gebiet 2006 die Winzervereinigung "Leithaberg" aus der im Jahr 2010 sogar eine gleichnamige Appellation hervorging. Bei der Herausarbeitung der sublimen Weinstilistik für die Appellation "Leithaberg DAC" war John Nittnaus tonangebend.

Am bekanntesten ist heute die Nittnaus’sche Rotweinpalette, die mit Comondor, Pannobile rot, Leithaberg rot DAC und Blaufränkisch Tannenberg gleich mehrere Premiumweine umfasst. Nittnaus vermag dabei mit recht unterschiedlichen Stilistiken zu punkten. Die bereits erwähnte Cuvée Comondor überzeugt mit reichlich Tiefgang und Struktur (der ehemalige Cuvéepartner Cabernet Sauvignon wurde inzwischen durch Zweigelt ersetzt). Pannobile rot ist eine aus Gols stammende Cuvée aus den autochthonen Sorten Zweigelt und Blaufränkisch, die vergleichsweise warmfruchtig und mediterran anmutet, wohingegen der kühlfruchtige Leithaberg DAC (ein reinsortiger Blaufränker von alten Reben) geradlinig, komplex und reichlich strukturiert geprägt ist. Sein Gepräge bezieht dieser Wein aus dem kalk- und schieferdurchsetzten Boden des Leithabergs und der vorteilhaften nächtlichen Abkühlung, die der Berg während der Reifeperiode bietet. Eine Novität seit dem Jahrgang 2008 ist der mächtige und zugleich noble Blaufränkische vom Joiser Tannenberg, der sein Volumen einer Kombination aus direkter Abwärme vom nahen Neusiedler See, alten Rebstöcken und einem Boden mit Schiefer- und Muschelkalkeinlagerungen verdankt.

Bei all ihrer Verschiedenartigkeit haben diese – durchwegs leistbaren – Weine (ab 22 Euro) einiges gemeinsam: ihren moderaten Alkoholgehalt, ihre Lebendigkeit, ihre puristische Komplexität sowie ihren herrlichen Trinkfluss. Von der Trinkreife her empfinde ich unter den aktuell angebotenen Premiumweinen derzeit den 2008er Leithaberg rot DAC (22 Euro) am bestechendsten. Fest steht, dass diese allesamt spontan vergorenen, ungeschönten und biodynamisch erzeugten Tröpfchen enorm langlebig sein werden. Erfreulicherweise hat das Weingut Nittnaus in etlichen Fällen gleich mehrere Jahrgänge im aktuellen Sortiment.

Unter den günstigeren Weinen sei besonders auf die aktuelle 2009er Cuvée Heideboden (12,50 Euro) hingewiesen, die schon einen recht guten Körper zur Geltung bringt, aber auch der klassische Blaufränkisch Kalk und Schiefer 2009 (12 Euro), ein interessanter "Individualist", ist absolut empfehlenswert. Der vergnügliche Zweigelt 2010 (8 Euro) schließlich gibt einen Vorgeschmack darauf, was ein empathischer Winzer einem herausfordernden Jahrgang zu entlocken vermag. Über die Süßweine des Weinguts Anita und Hans Nittnaus wird bei anderer Gelegenheit zu berichten sein.

Info: www.nittnaus.at

Bezugsquellen in Wien: Wein & Co sowie Burgenland Vinothek, 1030 Wien, Baumannstraße 3.

Termin: Am 16. März 2012, um 18 Uhr, tritt der Winzer und Jazzmusiker John Nittnaus mit seiner "John Nittnaus Band" im Weinwerk Neusiedl, 7100 Neusiedl am See, Obere Hauptstraße 31 auf (T: 02167/207 05.

Print-Artikel erschienen am 2. März 2012
in der Kolumne "Werfrings Weinjournal"

In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 3839





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2012-02-29 13:12:14
Letzte Änderung am 2018-02-09 20:12:55


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Der Sieger vom Traisental

Werbung



Schlagwörter



Werbung