• vom 30.10.2010, 12:00 Uhr

Wein

Update: 14.02.2016, 06:01 Uhr

Weinherbst 2010

Grüner Veltliner Superstar




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Von Thomas N. Burg

  • Der wundersame Wandel vom regionalen Schankwein zu einem Grand Seigneur der internationalen Weinszene.

Grüner Veltliner-Traube am Stock. - © Johann Werfring

Grüner Veltliner-Traube am Stock. © Johann Werfring

It’s a timeless classic that stood still as the searchlight of fashion passed over it" ("Er ist ein zeitloser Klassiker, der ausharrte, als die Moden der Zeit über ihn hinwegzogen"). In dieser pointierten Weise kommentierte kürzlich Gregory Dal Piaz, Wein-Aficionado und Redakteur der amerikanischen Internet-Weinplattform "Snooth" den Grünen Veltliner.

Wie in diesem Zitat schon recht deutlich anklingt, wird die autochthone österreichische Weißweinsorte Grüner Veltliner heute in der internationalen Weinszene hoch geschätzt. Selbst in Zeiten der Krise verzeichnen die heimischen Erzeuger Zuwächse im Export.

Das war nicht immer so. Jahrzehntelange fristete der Grüne Veltliner ein Schattendasein als billiger und einfacher Schankwein, ehe er vor rund 20 Jahren auch international an Reputation zulegte. Bis dahin überschritt er die Landesgrenzen (dann freilich in höchst qualitätsvoller Weise ausgebaut) nur in Ausnahmefällen. In der Regel standen damals hinter den vergleichsweise raren Exporterfolgen Winzer aus der Wachau oder aus dem Kamptal.

Mittlerweile hat sich das gründlich geändert. Heute steht der Grüne Veltliner von New York bis Tokyo für fashionablen Weißwein von erlesener Güte. Nicht einmal die sehr deutsche Lautfolge tut dem anhaltenden Verkaufserfolg einen Abbruch. Im Englischen ist zwar im Sprachgebrauch der Weinkonsumenten das "Ü" weitgehend verschwunden, aber die im angloamerikanischen Sprachgebiet verwendeten Bezeichnungen "Gruner" oder "Groovy" sind immerhin noch recht nahe am "Grünen" dran.

"In 80 Jahren wird es keinen Grünen Veltliner mehr geben" klagte kürzlich bestürzt der Sohn eines österreichischen Spitzenwinzers aus dem Kremstal. Damit war die als verderblich eingeschätzte längerfristige Auswirkung des gegenwärtigen Klimawandels auf den Charakter des Grünen Veltliners – wie wir ihn heute kennen und schätzen – gemeint. Dessen Vater, der Altwinzer, nahm es gelassener. Schlagfertig entgegnete er: "Na und, vor 50 Jahren hat’s auch keinen Grünen Veltliner gegeben."

Die hier angedeutete Zeitspanne beschreibt sehr treffend die Entwicklung des Grünen Veltliners hin zu einem international nachgefragten Spitzenweißwein. Es ist einerseits die Rebsorte, welche bei entsprechender Weingartenpflege und empfindsamer Kelterung hervorragende Qualitäten zu erbringen imstande ist, und andererseits ist es die spezielle Exponierung der österreichischen Weinbaugebiete – besonders der niederösterreichischen. Als sogenannte "cool-climate region" – damit ist das gemäßigte Klima zwischen dem 47. und dem 48. Breitengrad gemeint – profitierte Österreich von den klimatischen Bedingungen, die sich in den vergangenen 50 Jahren im Hinblick auf die Weinerzeugung wesentlich gebessert haben.

Es ist aus österreichischer Sicht reizvoll, die kommerzielle Bedeutung des Grünen Veltliners im internationalen Weingeschehen der vergangenen Jahrzehnte zu hinterfragen. Noch immer gibt es hierzulande so manchen "Weinkenner", der den Grünen Veltliner mit dem volkstümlichen Begriff "Brünnerstraßler" identifiziert. Damit wurde ehedem ein säurebetonter, rescher Wein bezeichnet, der auf Menge produziert und beim Heurigen vor allem als Spritzwein konsumiert wurde. Der "Grüne Ventilator" – eine weitere, auch heute noch gebräuchliche Bezeichnung – wurde vor allem wegen seines günstigen Preises, der ständigen Verfügbarkeit und der Eignung als simples Erfrischungsgetränk geschätzt.

Nachdem sich der österreichische Weinbau als zeitgemäßer Wirtschaftszweig positioniert hatte und zugleich immer mehr Winzer von Quantität auf Qualität zu setzen begannen, wurde damit auch der Aufstieg des Grünen Veltliners vom "Aschenputtel der Weinkultur" zu einem "Grand Seigneur" der internationalen Weinszene eingeleitet. Ich datiere diese Zäsur mit dem Beginn der 1990er Jahre.

Dem Grünen Veltliner wurde von nun an der gleiche, wenn nicht sogar größere Respekt gezollt wie dem Riesling und dem Chardonnay (Letzterer war damals schon international als Edelrebsorte etabliert). Es waren zunächst die heutigen Winzerikonen aus der Wachau wie F. X. Pichler, Emmerich Knoll, Franz Hirtzberger, Josef Jamek sowie die Familie Bründlmayer aus dem Kamptal – um nur einige zu nennen –, die kompromisslos auf Qualität im Weingarten und im Keller setzten und das Potential der Sorte nicht nur erkennen ließen, sondern sich mit ihren hervorragenden Rebensäften auch in der Fachpresse, in der Gastronomie und bei Weinliebhabern durchsetzen konnten.

Die internationale Anerkennung ließ dann nicht lange auf sich warten. Schon nach einer kurzen Zeitspanne – in den späten 1990er Jahren – wurde dem Grünen Veltliner international hohe Anerkennung gezollt. Besonders nachhaltig – geradezu mythenbildend, möchte man meinen – wurde das Potential der Rebsorte im Jahr 2002 im Zuge der "Korso"-Verkostung des deutschen Weinhändlers Jan Erik Paulsen in London demonstriert. Dort konnten sich österreichische Grüne Veltliner eindrucksvoll gegen Spitzen-Chardonnays aus aller Welt in Szene setzen und die Verkostung schließlich gewinnen.

Heute wird der Grüne Veltliner international auch als der "Signature"-Wein Österreichs bezeichnet. Dies völlig zurecht, sind doch 33 Prozent der österreichischen Rebflächen mit dieser Sorte bestockt; im Paradeweißweingebiet Niederösterreich sind es gar 46 Prozent, und selbst in dem heutzutage landläufig als Rotweinregion bekannten Burgenland sind immerhin 15 Prozent der gesamten Rebfläche mit Grünem Veltliner bepflanzt.

Bei Betrachtung der momentanen internationalen Marktverhältnisse entsteht der Eindruck, dass Österreich mit seiner Paraderebsorte über ein "Alleinstellungsmerkmal" verfügt, das auf den internationalen Märkten ausreichend bekannt und geschützt ist. Derzeit ist dies sicher zutreffend. Zudem stellen der Weinbau im Allgemeinen und der Grüne Veltliner im Speziellen einen Teil der österreichischen Identität dar und sind von eminenter kultureller wie auch wirtschaftlicher Bedeutung.

Tatsache ist, dass der Grüne Veltliner derzeit eine internationale Weinmarke – mithin eine eigenständige und markante "Brand" – ist. Tatsache ist auch, dass er mehrheitlich mit Österreich als Herkunftsland verbunden wird. Andererseits zeichnet sich derzeit eine Internationalisierung des Anbaus von Grünem Veltliner ab. Ebenso wie der Chardonnay oder der Pinot Noir – um nur zwei Rebsorten zu nennen – global angebaut werden, beginnt man nun in allen Teilen der Welt mit dem Grünen Veltliner zu experimentieren.

Der Hintergrund ist leicht erklärt: Der kommerzielle Erfolg dieser Weinsorte, vor allem in den USA, beflügelt die Fantasien der Winzerschaft immens – und eine Weinrebe ist schließlich rasch ausgepflanzt. Insofern droht Österreichs Leitsorte zukünftig eine kräftige internationale Konkurrenz, der schon heute vorgebeugt werden will.

Deshalb hat sich Österreich schon vor einiger Zeit dazu durchgerungen, im Rahmen des DAC-Konzepts die Herkunft eines Weines über die Rebsorte zu stellen. Das Konzept von DAC ("Districtus Austriae Controllatus") ermöglicht die Schaffung von regionalen österreichischen Herkunftsbezeichnungen mit klar definierten Geschmacksprofilen. Die Herkunft ist einerseits typisch, mit Boden und Klima verbunden, und andererseits rechtlich schützbar. Die Rebsorte allein, auch wenn es sich um den Grünen Veltliner handelt, hingegen nicht.

Das erste Weinbaugebiet mit DAC-Status (= geschützte regionale Herkunft) ist seit 2003 das Weinviertel mit der Leitsorte Grüner Veltliner. Damit gelang es, für das Weinviertel eine Marke auf Basis des Grünen Veltliners zu etablieren. Ein "Weinviertel-DAC"-Wein hat laut gesetzlicher Verordnung "fruchtig, würzig und pfeffrig" zu sein. Eine wahrlich klassische Charakterisierung, die dem historisch gewachsenen Verständnis der Weinliebhaber entspricht.

Ein Grüner Veltliner kann allerdings durchaus mehr sein als "fruchtig, würzig und pfeffrig". Die Bandbreite im Ausbau und in der Aromatik ist so groß wie bei kaum einer anderen Rebsorte, zumal der Grüne Veltliner bei qualitätsvollem – ertragsreduziertem Ausbau recht markant auch den Boden, auf dem er steht, widerzuspiegeln vermag. Ob als leichter Sommerwein oder – als spät geerntete – Kreszenz (man denke an die Smaragde der Wachau oder an diverse Prädikatsweine) vermag der Grüne Veltiner in mannigfaltigen Spielarten als Speisebgleiter zu überzeugen.

Internationaler Erfolg im Weingeschäft lässt sich heutzutage grundsätzlich an zwei Merkmalen erkennen: Einerseits ist das der Marketing- und Verkaufserfolg in den USA, der in der Regel – jedenfalls gilt das für den Grünen Veltliner – mit etwas Verzögerung in Europa, Asien und dem Rest der Welt nachvollzogen wird. In den USA ist der "Gruner" (auch "Groovy") mittlerweile ein Fixstarter auf den Getränkekarten nobler Restaurants und in renommierten Weinhandlungen. Gary Vaynerchuck von "Winelibrary TV", ein Medien-Star des Internet-Zeitalters und neben Robert M. Parker zweitwichtigster US-Weinkritiker, widmet dem Grünen Veltliner mit schöner Regelmäßigkeit eine eigene Sendung.

Ein zweites Merkmal des Erfolgs ist die Nachahmung – die Kopie. Auf unsere Thematik bezogen heißt das, dass der Grüne Veltliner seit kurzem auch in den USA, in Australien, in Neuseeland und sogar in Indien ausgepflanzt wird. Am Forschesten wird der Anbau in Neuseeland betrieben; dort ist man nach dem Welterfolg mit dem Sauvignon Blanc auf der Suche nach der nächsten großen Rebsorte. Etwa 20 bis 25 Hektar Grüner Veltliner sind derzeit in Neuseeland ausgepflanzt – kürzlich wurden auch schon erste Ernten eingefahren.

In Australien sind momentan rund 6 bis 8 Hektar Grüner Veltliner in Ertrag. Mir lag für diesen Artikel der erste in Flaschen gefüllte Grüne Veltliner der Neuen Welt (aus Australien) vor. In Kennerkreisen eilt dem "Grünen Veltliner Lark Hill" der australischen Lark Hill Winery jetzt schon ein hervorragender Ruf voraus. Er stammt ursprünglich aus Tasmanien, wird nach biodynamischen Prinzipien bewirtschaftet, die Vergärung erfolgte spontan mit Naturhefen und der Ausbau wurde in gebrauchten 220-Liter-Barriquefässern vorgenommen. Der 2009er Lark Hill präsentiert sich mit wunderschöner Nase, die an Steinobst, Melone und Rieslingfrucht erinnert, am Gaumen ist er mineralisch, extraktreich, elegant und eine Spur zurückhaltender als im Bukett. Alles in allem eine beachtliche Jungfernlese!

Auch in Deutschland beginnen die Winzer den "Brünnerstraßler" zu entdecken. Als würziges und säureärmeres Pendant zum wohlbekannten und geschätzten deutschen Riesling wird nun zunehmend im Rheingau Grüner Veltliner angebaut. Vom Weingut Kögler aus Eltville lag mir der im Barrique ausgebaute Grüne Veltliner Eltviller Sonnenberg 2007 vor. Er konnte durch feine Säure und klassische Grapefruit-Aromen, die sich auf elegante Weise mit der Holzaromatik und den 14 Volumsprozenten Alkohol verbinden, beeindrucken. Dieser Wein bringt das Potenzial des Grünen Veltliners sehr schön in eigenständiger Weise auf den Punkt. Er ist nicht pfeffrig und resch, sondern ein Vertreter der burgundischen Richtung, wie sie neuerdings auch in Österreich zum Ausdruck kommt oder zumindest anklingt, etwa bei manchen Weinen der jüngst geschaffenen Ausbaustufe "Weinviertel DAC Reserve" oder bei den Grünen Veltlinern des begabten und innovativen südburgenländischen Winzers Uwe Schiefer.

Alles in allem lässt sich festhalten, dass mit dem Grünen Veltliner aus Österreich eine international erfolgreiche Rebsorte entstanden ist, deren Vielseitigkeit besonders in der Gastronomie gern gesehen ist. Der breite Geschmackshorizont mit fruchtigen, würzigen, bis hin zu cremigen und schmelzigen Komponenten macht ihn als Speisenbegleiter in hervorragender Weise einsetzbar. Der internationale Erfolg, der sich auch in Auspflanzungen rund um den Erdball zu erkennen gibt, erfordert von Seiten Österreichs eine Stärkung des Herkunftsgedankens. Denn das Weinviertel, die Wachau oder das Kremstal sind gesetzlich als Markenbezeichnungen schützbar, die Rebsorte aber nicht. Mit dem Vermarktungsinstrument der geschützten Herkunftsbezeichnung (DAC) und den hervorragenden Qualitäten heimischer Weinbaubetriebe wird Österreich auch in Zukunft in vorderster Position sein, wenn es um die internationale Vermarktung des Grünen Veltliners als edlen Weißwein geht.

Thomas N. Burg ist Inhaber der Online-Weinhandlung "burgWeine | Faktorei für Grünen Veltliner" (http://burg.cx). Das Unternehmen versteht sich auch als Kompetenzzentrum für Grüner Veltliner.

Erschienen am 30. Oktober 2010
In: Weinherbst 2010. Verlagsbeilage der "Wiener Zeitung", S. 34–39.





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Weinherbst 2010, Wein

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Dokument erstellt am 2016-02-14 05:11:51
Letzte Änderung am 2016-02-14 06:01:39


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