• vom 04.03.2016, 11:11 Uhr

Wein

Update: 07.05.2018, 23:37 Uhr

Weinjournal

Wo nicht nur Milch und Honig fließen




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Von Johann Werfring

  • Wo einst eine der Wiegen des weltweiten Weinbaus war, hat sich nach der Rückkehr aus der Diaspora wieder die Rebkultur etabliert. Während in Israel zunächst der Export einfacher Tafelweine aus koscherer Erzeugung an jüdische Gemeinden im Vordergrund stand, hat seit den 1980er Jahren eine beachtliche Qualitätsoffensive stattgefunden.

Israelischer Weingarten der Tishbi Winery in Zichron Ya’akov. 

Israelischer Weingarten der Tishbi Winery in Zichron Ya’akov. 


© Tishbi Winery
Israelischer Weingarten der Tishbi Winery in Zichron Ya’akov. 


© Tishbi Winery



Nach wie vor wird die im fünften Buch Mose als gesegnete Frucht bezeichnete Weinbeere, die in Israel heute auf rund 7000 Hektar Rebfläche gedeiht, auch für die Erzeugung von Tafeltrauben und Rosinen genützt, und dennoch hat der Qualitätsweinbau einen großen Aufschwung genommen. Speziell die Weinlagen im Oberen Galiläa und auf den Golanhöhen haben sich wegen der Höhenlage und der relativ kühlen Witterung sowie ausreichender Winterniederschläge als optimal für den Rebbau erwiesen, aber auch das Judäische Bergland rund um Jerusalem und die zentrale Region um Samson und Samaria bieten sehr gute Wachstumsbedingungen. Seit einiger Zeit wird sogar in der Negev-Wüste im Süden des Landes Weinbau betrieben. Nicht nur dort wird die sogenannte Tröpfchenbewässerung als essenziell angesehen, weil von April bis Oktober so gut wie kein Regen fällt.


Information

Vinothek Ferszt
1020 Wien, Taborstraße 20A
www.ferszt.at

Lobenbergs Gute Weine
www.gute-weine.de

Beste Bedingungen, zaghafte Anfänge



Abgesehen von der erwähnten klimatischen Eignung sind auch die Böden aus Kalkstein und Kreide und ganz im Norden das Vulkangestein vorteilhaft für den Weinbau. Im Rebsortenmix dominieren die französischen Sorten, zumal es keine einheimischen Varietäten gibt. Das sind für Rotwein beispielsweise Cabernet Sauvignon, Merlot, Syrah und Carignan und für Weißwein Chardonnay und Sauvignon Blanc. Am Beginn der modernen israelischen Weinbaugeschichte stand die aus der Rothschild-Stiftung hervorgegangene Genossenschaft, deren koschere Produkte unter dem Namen Carmel firmierten und in alle Welt exportiert wurden. Die Hinwendung zu anspruchsvolleren Tropfen erfolgte schließlich mittels der Yarden-Weine der Anfang der 1980er Jahre gegründeten Golan Heights Winery.

Die Ferszt Vinothek in Wien-Leopoldstadt hat sich auf israelische und koschere Weine spezialisiert. 

Die Ferszt Vinothek in Wien-Leopoldstadt hat sich auf israelische und koschere Weine spezialisiert. © Johann Werfrng Die Ferszt Vinothek in Wien-Leopoldstadt hat sich auf israelische und koschere Weine spezialisiert. © Johann Werfrng

Mit der israelischen Weinbaugeschichte eng verbunden ist das Weingut Tishbi, da der aus Litauen stammende Michael Chamiletski bereits 1882 von Baron Edmond de Rothschild für die Auspflanzung und Entwicklung des Weinbaus in Zichron Ya’akov ausgewählt wurde. Während der Krise der Weinproduktion in den 1980er Jahren, als die Traubenpreise drastisch fielen, hat sich sein Nachfahre Jonathan Tishbi entschlossen, ein eigenes Weingut zu begründen. Dessen Schwerpunkt liegt heute bei den Rotweinen aus Rebsorten von Bordeaux und Südfrankreich, wobei ein kürzlich verkosteter, reinsortiger Petit Verdot gleichsam die straffe Herbe des Bordelais mit mediterraner Fruchtsüße verband und mit satter Preiselbeerfrucht und samtigen Tanninen höchst vergnüglich über den Gaumen glitt.



Engagierte Boutique-Weingüter





Edward Ferszt.  

Edward Ferszt.  


© Johann Werfrng
Edward Ferszt.  


© Johann Werfrng



Erst im Jahr 2000 wurde hingegen das Weingut Recanati durch den Bankier Lenny Recanati mit dem Ziel gegründet, eine Weinproduktion nach höchsten Qualitätsmaßstäben zu entwickeln, wofür die Weingärten im Oberen Galiläa ausgezeichnete Voraussetzungen bieten. Die meisten Rotweine werden aus den noblen Varietäten Cabernet Sauvignon und Merlot gewonnen, auch Cabernet Franc, Syrah und Carignan spielen eine Rolle. Der vor Kurzem degustierte Wild Carignan, dessen Bezeichnung auf die Erziehung in Buschform zurückgeht, hat mit sanften, gar nicht wild erscheinenden, dunkelbeerigen Aromen gepunktet und trotz des großzügigen Alkoholgehalts viel Trinkfluss vermittelt.

Ebenfalls auf einen jüngeren Ursprung geht das Weingut Margalit zurück, dessen Eigentümer Yair Margalit während seiner Tätigkeit an der kalifornischen Universität Davis mit Wein in Berührung kam. Heute bereiten er und sein Sohn Asaf vor allem hochklassige Rotweine aus den Bordeaux-Rebsorten, und zwar entweder sortenrein oder in Form der Enigma genannten Cuvée. Auch dieses Weingut profitiert vom historischen Kadita-Weingarten im Bergland des Oberen Galiläa, das von Kleinklima und Bodenstruktur begünstigt wird. Bei Margalit riskiert man sogar, die jungen Rebanlagen nur in den ersten zwei Jahren zu bewässern. Die älteren Reben müssen sich hingegen ihre Wasserversorgung durch tiefe Verwurzelung selber "erkämpfen". Auf Margalit wird offensichtlich alles getan, um Premiumgewächse zu erzielen, die mittlerweile die vielleicht besten Botschafter der modernen israelischen Weinkultur geworden sind.

Eine ähnliche Lobeshymne lässt sich für das kleine Weingut Adir anstimmen, das auf die legendäre Weinlage Kerem Ben Zimra zurückgreifen kann, wo auf einem Hochplateau oberhalb des Sees Genezareth vulkanische Böden vorherrschen. Der nach dieser Lage benannte Shiraz und der von der Einzellage Plato stammende Cabernet zeigen Saft und Kraft und tiefe, dunkle Fruchtnuancen, womit sie als wahre Höhepunkte nicht nur für koscheren Wein anzusprechen sind.

Apropos koscher: Nach diesem Reinheitsgebot dürfen in der Herstellung beispielsweise keine tierischen Produkte zum Einsatz kommen, auch die Verwendung von Enzymen und Bakterien ist untersagt. Des Weiteren darf Wein nur aus mindestens vierjährigen Rebanlagen erzeugt werden und ist etwa ein Prozent des erzeugten Weins in einer symbolischen Zeremonie zu verschütten.

Eine feine Auswahl koscherer Weine, und zwar nicht nur aus Israel, hat die in der Taborstraße 20A situierte Vinothek Ferszt anzubieten, darunter Erzeugnisse der Weingüter Tishbi und Recanati. Im gehobenen Weinhandel, etwa bei der Bremer Firma mit Online-Handel Lobenbergs Gute Weine, sind unter anderem die Weine von Adir und Margalit erhältlich.

Print-Artikel erschienen am 4. März 2016
In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 34–35





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-03-04 11:18:34
Letzte Änderung am 2018-05-07 23:37:23


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