• vom 29.04.2016, 10:00 Uhr

Wein

Update: 14.02.2018, 21:33 Uhr

Weinjournal

Kalifornische Königsdisziplin




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Von Johann Werfring

  • Ein Kurzbesuch des kalifornischen Pinot Noir-Meisters Ted Lemon in Wien stieß in der hiesigen Weinszene auf erhebliches Interesse.

- © Johann Werfring

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Der kalifornische Top-Winzer Ted Lemon (Littorai Winery) brilliert mit feingliedrigen Terroir-Weinen.

Der kalifornische Top-Winzer Ted Lemon (Littorai Winery) brilliert mit feingliedrigen Terroir-Weinen.© Johann Werfring Der kalifornische Top-Winzer Ted Lemon (Littorai Winery) brilliert mit feingliedrigen Terroir-Weinen.© Johann Werfring

Das Vinifizieren von Pinot Noir gilt unter Weinmachern oft als Königsdisziplin im Rotweinsegment. Dementsprechend rar sind in der vergleichsweise jungen Rotwein-Nation Österreich die Könner in diesem Bereich. Man hat das Gefühl, dass der Pinot Noir sowohl auf Winzer- wie auch auf Konsumentenseite nicht selten missverstanden wird. Die Sehnsucht nach immer voluminöseren Weinen hat dazu geführt, dass der wesenhaft feingliedrige Pinot Noir hierzulande oft als richtiger Kraftlackel "erzogen" wird. So manche Exemplare strotzen nur so vor Kraft, auch das Fruchtspiel ist leider in vielen Fällen allzu offensiv ausgeprägt.

Ganz anders gestrickt sind die Formate des kalifornischen Winzers Ted Lemon, der dafür bekannt ist, dass er das Kunststück zuwege bringt, die Sorte in elegant-fragiler und zugleich tiefschürfender Weise auszuloten. Als dieser kürzlich auf Einladung von Vinaria-Chefredakteur Peter Schleimer in Wien Station machte, war das Interesse in Fachkreisen nicht gering. Top-Winzer wie Gernot Heinrich, Peter Veyder-Malberg, Fred Loimer oder Fritz Wieninger, aber auch Weinpäpste wie Falstaff-Chefredakteur Peter Moser oder Vinaria-Verkostungsleiter Viktor Siegl, stellten sich bei Ted Lemon zum Fachsimpeln und Verkosten seiner Weine ein. Die Meetings waren aufgeteilt auf das für seine Weinkultur bekannte Wirtshaus "Petz im Gusshaus" in Wien-Wieden und den "Weinclub 7" in Wien-Neubau.

Information

Littorai
www.littorai.com

Bezugsquellen in Wien:
Vinothek St. Stephan, 1010 Wien, Stephansplatz 6
Restaurant Steirereck, 1030 Wien, Am Heumarkt 2A.

Littorai Weine sind mit einem durchschnittlichen Preis von 100 Euro nicht billig, aber im internationalen Kontext als absolut preiswert zu bezeichnen.

Beim Weindialog konnte man als Teilnehmer auch einiges über die bemerkenswerte Karriere von Ted Lemon in Erfahrung bringen. Zunächst machte er einen Abschluss in französischer Literatur. Während eines Auslandssemesters an der Université de Bourgogne in Dijon im Jahr 1978 kam er in engen Kontakt mit burgundischem Wein, lernte Winzer und Weingüter kennen. Infolge der in diesem Umfeld zustande gekommenen Kontakte ergaben sich Praktika in Weingütern. 1981 schloss er in Dijon ein Önologiestudium mit Diplom ab. Nach und nach, erinnert sich Lemon, sei er immer tiefer in die Weinwelt eingetaucht, bis er schließlich als erster Amerikaner die Funktion eines Kellermeisters und Weingartenmanagers in einem burgundischen Weingut innehatte.

Es folgten Engagements in einer Reihe von prominenten US-Weingütern, aber auch in Neuseeland. Gemeinsam mit seiner Frau, die ebenfalls im Weinumfeld tätig war, machte er sich schließlich entlang der gesamten Westküste der USA auf die Suche nach geeigneten Weinbergslagen, um ein eigenes Weingut zu gründen. Fündig wurden die beiden letztlich im kalifornischen Sonoma, wo sie seit 1993 Weine machen. Begonnen hat alles in bescheidenem Umfang, zunächst mit bloß zwei Weinen, die aus Traubenzukäufen gewonnen wurden. "Wir wollten uns nicht auf ein Zusammenspiel mit Investoren einlassen", sagt Ted Lemon. Nach und nach schafften es die beiden Eheleute, einen bis heute auf 18 Hektar Rebfläche angewachsenen Betrieb namens "Littorai" aufzuziehen.

Gewirtschaftet wird seit den späten 1990er Jahren teils nach biologisch-organischen, teils nach biodynamischen Richtlinien. Infolge dieser Erfahrungen war Ted Lemon übrigens auch beim Aufbau der österreichischen Biodynamik-Gruppe "Respekt" beratend mit von der Partie. Seine Weine produziert er in entsprechender Weise weitestgehend puristisch, ohne Verwendung irgendwelcher "Mittelchen" wie Enzyme und dergleichen. Die Weingärten, die zwischen 280 und 600 Meter Seehöhe liegen, weisen durchaus unterschiedliche Terroirs auf. Die Lage Savoy befindet sich ungefähr in der Mitte des Anderson Valley, und zwar in der Talsohle, wo Lehm auf Schiefer vorherrscht. Deutlich höher gelegen ist die auf eine Serie von Hügelrücken nahe der Pazifikküste situierte Lage Hirsch in Sonoma, es herrscht dort sehr schottriger Lehm auf Schiefer vor. Die Lage Thieriot schließlich ist zehn Meilen von der Pazifikküste entfernt, es herrscht dort Lehm auf Sandstein vor. Als erklärter Terroir-Enthusiast arbeitet Lemon mit seinen Weinen den jeweils unterschiedlichen Charakter der Weinbergslagen heraus, was auch bei der Kost in beeindruckender Weise nachzuvollziehen war.

Degustationsnotizen

2011 Pinot Noir Hirsch Vineyard
Gediegen und dezent im Bukett, feinfruchtig, sehr vital, mineralische Ader, extrem ausgewogen, gehaltvoll, wohlstrukturiert, bestechender Trinkfluss, verabschiedet sich anhaltend.

2012 Pinot Noir Thieriot Vineyard
Dunkelfruchtig und fleischig, oszilliert zwischen kühler und warmer Frucht, tiefgründig, eigenständiger Charakter, lang.

2004 Pinot Noir Savoy Vineyard
Vielschichtiges feines Fruchtspiel, zeigt gewitzte Phasen, Unterholzanklänge kommen durch, entwickelt sich im Glas zunehmend genüsslich, großes Trinkvergnügen bei sehr guter Substanz, beeindruckendes Reifepotenzial.

Print-Artikel erschienen am 29. April 2016
In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 34–35





Schlagwörter

Weinjournal, Wein, Biowein, Burgunder

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Dokument erstellt am 2016-05-04 17:10:32
Letzte nderung am 2018-02-14 21:33:57



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