• vom 10.06.2016, 00:00 Uhr

Wein

Update: 14.02.2018, 21:33 Uhr

Weinjournal

Das Terroir zum Sprechen gebracht




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Von Johann Werfring

  • Reinhard Löwenstein hat sein Weingut zum allseits anerkannten und einem der führenden Betriebe an der Mosel entwickelt, was die Erzeugung trockener Weißweine betrifft. Darüber hinaus gehören seine stets Terroir-betonten Rieslinge zum Allerbesten, was deutsche Weinberge zu bieten haben.

Reinhard Löwenstein - © Heymann-Löwenstein

Reinhard Löwenstein © Heymann-Löwenstein

Die pittoreske Weinbergslage Röttgen an der Mosel.

Die pittoreske Weinbergslage Röttgen an der Mosel.© A. Durst Die pittoreske Weinbergslage Röttgen an der Mosel.© A. Durst

Als Cornelia und Reinhard Löwenstein das seit Generationen im Familienbesitz befindliche, an der unteren Mosel, oberhalb von Koblenz gelegene Weingut mit dem Vorsatz übernahmen, dort überwiegend trockene Rieslinge zu erzeugen, galt dies gewissermaßen als Sakrileg. Dabei hatten die trockenen Rieslinge – abgesehen von der süßen Welle während der Wirtschaftswunderzeit – an der unteren Mosel immer Tradition. Aus kleinen Anfängen haben sie Schritt für Schritt ein Modellweingut geformt, das auch auf der internationalen Bühne höchstes Ansehen genießt, wie etwa eine Auszeichnung als bester ausländischer Wein des Jahres in Frankreich (!) beweist. Zudem haben die Löwensteins auch viel dazu beigetragen, das einstige Prestige dieser uralten Weinbaugegend wiederherzustellen. So gehen etwa die Umbenennung von Unterer Mosel auf Terrassenmosel, das Aussetzen von Obstbäumen, die Wiederbesinnung auf die qualitätsorientierte Napoleonische Lagenklassifikation und nicht zuletzt die wiedererkämpfte rechtliche Möglichkeit, auch einzelne Parzellen neben der Lage auf dem Etikett zu erwähnen, zu einem großen Teil auf ihr Engagement zurück.

Den nötigen theoretischen Unterbau hat Reinhard Löwenstein übrigens mit seinem viel beachteten Werk "Terroir" geschaffen. Tatsächlich bringt der einstige Rebell und jetzige Guru, der den Terroirbegriff etwas weiter als gemeinhin üblich definiert, eben dieses in seinen vielschichtigen Rieslingen Jahr für Jahr zum Klingen, wobei er mit einiger Demut einräumt: "Was eigentlich genau ausmacht, dass ein Uhlen-Riesling eben so schmeckt, das wissen wir alle nicht – aber müssen wir es unbedingt wissen?"

Information

Weingut Heymann-Löwenstein
D-56333 Winningen, Bahnhofstraße 10
www.hlweb.de

Bezugsquellen:
Pub Klemo, 1050 Wien, Wehrgasse 1, www.pubklemo.at Online-Bezugsmöglichkeit: Lobenbergs gute Weine
www.gute-weine.de

Zwei hervorragende Voraussetzungen bietet die Terrassenmosel für das Gedeihen hochwertiger und standfester Rieslinge von Anfang an: Zum einen den verwitterten Devonschiefer, der in unterschiedlichen Farbschattierungen und manchmal gemeinsam mit sandig-lehmigen, tonigen und anderen Ablagerungen zutage tritt und wohl nur von der Rebsorte Riesling in all seinen Facetten zum Ausdruck gebracht werden kann. Zum anderen ein relativ kühles und feuchtes Klima, das eine Vegetationsdauer von bis zu 160 Tagen und eine Hauptlese im Oktober und November ermöglicht.

Im Keller ist den Löwensteins der möglichst schonende Umgang mit dem heranreifenden Wein ein Anliegen. Es geht quasi nicht darum, eine Skulptur nach den eigenen Vorstellungen zu formen, sondern eher darum, die Schale abzuschlagen und den Kern freizulegen. Zur zurückhaltenden Vinifikation zählen etwa eine längere Maischestandzeit, die spontane Vergärung mittels wilder bzw. im Keller vorhandener Hefen, und zwar vorwiegend im großen Holzfass, der Verzicht auf Schönungen und das möglichst lange Verweilen auf der Hefe, das allen Weinen zumindest bis spät in den Sommer gegönnt wird. Diese Vorgangsweise ist sicher auch mitverantwortlich dafür, dass sich manche Löwenstein'schen Gewächse nach der Abfüllung noch etwas kratzbürstig und hefebeladen zeigen, was sich aber erfahrungsgemäß spätestens nach einigen Monaten gibt. Wer nicht so viel Geduld aufbringt, sollte diese Weine drei bis vier Stunden lang dekantieren und ein großes Glas verwenden. Geduldiges Zuwarten wird indes mit einem großen Zuwachs an Aromenvielfalt und Finesse belohnt.

Der Charakter der einzelnen Lagen ist in den Weinen sehr präsent, sodass sie gut unterschieden werden können. Während eine Lage wie der Stolzenberg mit messerscharfer Struktur, salziger Anmutung und viel Säure- biss glänzt, spricht für den unglaublich steilen Weinberg Röttgen seine gelb- und rotfruchtige Expression, gepaart mit enormer Saftigkeit und Strahlkraft. Von den drei Sublagen des "Berges der Eulen" überzeugt der Laubach mit sanfter, molliger Fülle und dezentem Fruchtcharme, während der Blaufüsser Lay die salzig-steinige Note seines Untergrunds betont und viel helle Fruchtnuancen ins Spiel bringt. Fraglos an der Spitze steht Jahr für Jahr der Uhlen Rothlay – ein fulminantes Gewächs, dessen Facettenreichtum und Eleganz nur schwer in Worte zu kleiden sind.

Degustationsnotizen

2014 Schieferterrassen
Noch etwas hefig und reduktiv gehalten, andererseits saftig und gelbfruchtig, viel Aprikosenfrucht und eher zarte Schiefernote, ein Riesling zum Kauen, der erst am Beginn steht.

2014 Stolzenberg Grosse Lage
Weit ausschwingendes Bukett nach Physalis und Ananas, auch schokoladige Anklänge; jugendlich und vielfältig, harzige Note, sehr kühl und rassig, unverwechselbar.

2014 Röttgen Grosse Lage
Anfangs stark hefig, dann rotbeeriges Fruchtspiel preisgebend, etwas Himbeere, auch exotisches Flair; vielschichtig und hochelegant, satte Stachelbeerfrucht und Menthol, animierend und zupackend, viel Kraft und Temperament, modellhaft.

2014 Uhlen Rothlay Grosse Lage
Duft nach hellen Blüten, erfrischende Aromen nach Passionsfrucht und Limette, überaus spannungsgeladen; viel Finesse und zahlreiche Details, schneidig und gebündelt zugleich, ein exotischer Obstkorb, fruchtsüß und lang, deutet erst einiges an, große Reserven.

2012 Uhlen Rothlay Grosse Lage
Ananas, Nougat und Milchschokolade im Verbund, saftig und expressiv, überaus reichhaltig und vielschichtig; mollig und extraktsüß, beeindruckende Eleganz und Harmonie, zeigt interessante Phasen und spült immer neue Fruchtfacetten an die Oberfläche. Alles in allem ein großer Riesling nach jedem Maßstab, der nun sein ganzes Potenzial auszuschöpfen beginnt.

Print-Artikel erschienen am 10. Juni 2016
In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 38–39





Schlagwörter

Weinjournal, Wein, Riesling

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-06-10 22:10:08
Letzte ─nderung am 2018-02-14 21:33:39



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