• vom 09.02.2018, 00:00 Uhr

Wein

Update: 05.03.2018, 00:42 Uhr

Weinjournal

Der Terroirflüsterer vom Leithaberg




  • Artikel
  • Lesenswert (32)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Johann Werfring

  • Hans Nittnaus zählt zu den raren Koryphäen des österreichischen Rotweinanbaus. Herausragend ist nicht nur sein feinsinniges Gespür bei der Erkundung der Wesenheit des Blaufränkischen. Auch punkto Cuvées ist sein Riecher phänomenal.

Hans "John" Nittnaus vom Weingut Anita und Hans Nittnaus, Gols. - © David Schreyer

Hans "John" Nittnaus vom Weingut Anita und Hans Nittnaus, Gols. © David Schreyer

Schiefergesteinsboden in Südost-exponierter Lage am Joiser Jungenberg.

Schiefergesteinsboden in Südost-exponierter Lage am Joiser Jungenberg.© David Schreyer Schiefergesteinsboden in Südost-exponierter Lage am Joiser Jungenberg.© David Schreyer

Hans respektive "John" Nittnaus (wie seine Freunde ihn nennen) hat in der burgenländischen Weinszene viel bewegt. Wenn es darum ging, den Qualitätsweinbau im austriakischen Transleithanien zu optimieren, war Nittnaus oft genug in führender Rolle mit von der Partie, sei es als Mitbegründer der Renommierten Weingüter Burgenland, der Golser Pannobile-Gruppe, des Vereins Leithaberg oder der Biovereinigung Respekt. Auch das Vinology-Projekt, das dem jüngeren burgenländischen Qualitätsweinbau enorm auf die Sprünge geholfen hat, geht maßgeblich auf seine Initiative zurück.

Im Gegensatz zu so manchen Selbstdarstellern der Weinszene, die sich selber lautstark als Gurus und Philosophen ausgerufen haben, ist das Auftreten von John Nittnaus als besonnen, ja geradezu bescheiden zu charakterisieren. Bekannt ist er nicht nur für seinen ausgeprägten Gemeinschaftssinn, der in mannigfacher Weise den zuvor erwähnten Gruppierungen zugute gekommen ist, sondern auch für seine Fähigkeit und Bereitschaft, anstehende Herausforderungen anzupacken und Innovationen auf den Weg zu bringen.

Im Jahr 2004 ergab sich für Nittnaus, der zuvor ausschließlich in Gols Weinbau betrieben hatte, die Gelegenheit, in Jois die gesamte Fläche eines Weinbaubetriebes zu pachten. Sogleich erkannte er das Potenzial des Leithabergs, an dessen Abhängen sich die Joiser Rieden befinden. Kurz darauf gründete er gemeinsam mit führenden Köpfen des Gebiets die Winzervereinigung Leithaberg, aus der 2010 eine gleichnamige Appellation hervorgehen sollte. Bei der Herausarbeitung der sublimen Weinstilistik für die Appellation "Leithaberg DAC" war John Nittnaus tonangebend gewesen.

Information

Weingut Anita und Hans Nittnaus
7122 Gols, Untere Hauptstraße 49
Tel. 02173/22 48

Nachdem vor zwei Jahren beschlossen worden war, bei den Leithaberg-Weinen die Lagen in den Vordergrund zu rücken, erwies sich Nittnaus neuerlich als Vorreiter: Mittlerweile gibt es in seinem Keller gleich vier verschiedene Premium-Blaufränkische, die mit dem 2016er Jahrgang als Leithaberg DAC-Lagenweine herauskommen werden (zum Teil sind sie schon im 2015er Jahrgang vorrätig) und im Preissegment zwischen 20 und 50 Euro positioniert sind.

Im Zuge einer kürzlich vorgenommenen Kellervisite haben wir die 2016er Lagen-Blaufränkischen in den Fokus genommen, wobei festzustellen war, dass die Ausprägungen der einzelnen Terroirweine durchwegs markant sind. Präsentiert sich der von einem mittelschweren Lehmboden mit hohem Kalkanteil stammende 2016er Leithaberg DAC Joiser Altenberg geradlinig und elegant mit erfrischendem Säurespiel, so tendiert der von einem schweren Lehmboden mit Kalkanreicherung stammende 2016er Leithaberg DAC Neusiedler Lange Ohn geschliffen, nobel und geradezu makellos. Der 2016er Leithaberg DAC Joiser Gritschenberg wiederum, der von einer reinen Kalklage stammt, beeindruckt durch seine Komplexität und Engmaschigkeit. Der ehemals als Tannenberg firmierende Joiser Jungenberg 2016 aus einer vorwiegend vom Schiefer, aber (im unteren Teil des Bergs) auch vom Kalk geprägten Lage vibriert vor Leben; er ist vielschichtig, spannungsgeladen, mit feinem Tanningeflecht ausgestattet und hat einen anhaltenden Abgang.

Zur Lagerung verwendet Nittnaus vorwiegend 500-Liter-Fässer, bei denen der Wein durch keinen störenden Rösteintrag beeinträchtigt wird, weshalb das Terroir unverfälscht zum Ausdruck kommen kann. Sämtliche Weine sind biodynamisch erzeugt und spontan (mit natürlichen Hefen, ohne Hinzufügung von Reinzuchthefen) vergoren, es wurde zudem auf Schönung und Filtration verzichtet. Warum? Dazu John Nittnaus: "Weil ich Leben im Wein haben will". Zudem erhöhe sich solcherart das Lagerpotenzial der Gewächse. Freilich muss mit derartigen Weinen in entsprechender Weise "umgegangen" werden. Die Serviertemperatur dieser Blaufränkischen sollte bei 16 Grad Celisus liegen, optimalerweise sollte ein dünnwandiges bauchiges Glas, etwa das Burgunderglas von Zalto, verwendet werden. In jungem Stadium sollte auch durch Umgießen in eine Karaffe für Luftzufuhr gesorgt werden. In manchen Fällen fällt bei solch hochstehenden Naturweinen Depot aus, das in der Karaffe oder in der Flasche zurückbehalten wird.

Mit der Erzeugung derart feiner Blaufränkischer ist John Nittnaus Vorreiter einer gesteigerten Weinkultur. Auch der aktuelle klassische Blaufränkisch "Kalk und Schiefer" 2015 (13 % Alk., ab Hof 13 Euro) kann getrost international in die Auslage gestellt werden. Er ist saftig, zupackend, temperamentvoll und in hohem Maße trinkvergnüglich. Auch in diesem Fall wird sich entsprechende Luftzufuhr auszahlen.

Zuletzt noch ein Hinweis auf die aktuelle Cuvée Comondor 2015 (85 % Merlot, 15 % Blaufränkisch). Nach meiner Einschätzung handelt es sich um die derzeit beste Rotweincuvée Österreichs, ja sogar überhaupt um einen der besten austriakischen Rotweine. Der Merlot sorgt für die Schönheit, der Blaufränkisch steuert Spannung und Vielschichtigkeit bei.

Verkostungsnotiz:
2015 Comondor (ab Hof 49 Euro)
Einladendes Fruchtspiel, herrliche Cassisaromatik, auch etwas dunkle Kirsche, Pfefferwürze, klar, reintönig und erfrischend, ausgesprochen saftig, tiefgründig und kompakt, bestmöglich balanciert, lang anhaltender Abgang, großartig, man wird nicht müde ihn zu trinken.

Bezugsquellen in Wien:
Burgenland Vinothek
1030 Wien, Baumannstraße 3, Tel. 01/718 25 73
Restaurant Landstein (mit Weinhandel)
1030 Wien, Landstraßer Hauotstraße 132, Tel. 01//713 01 08
Wein & Co
Tel. 08000/8020 8020

Print-Artikel erschienen am 9. Februar 2018
In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 36–37





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-06 01:52:07
Letzte Änderung am 2018-03-05 00:42:47


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Erfrischender Charakter
  2. Der passende Wein zur Gans
Meistkommentiert
  1. Der passende Wein zur Gans

Werbung




Werbung