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Wein

Update: 08.03.2018, 13:18 Uhr

Weinjournal

Die Roten südlich von Wien




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Von Johann Werfring

  • Ist von dem südlich von Wien gelegenen Weinbaugebiet Thermenregion die Rede, denken viele sogleich an die Weißweinsorten Rotgipfler und Zierfandler. Nicht uninteressant 
ist aber auch die Tradition des Landstrichs an
 der Südbahn als Rotweinanbaugebiet.

In der Thermenregion ist heute Pinot Noir (l.) "in", Blaufränkisch (r.) ist "out". - © Wladyslaw Sojka/www.sojka.photo, Johann Werfring

In der Thermenregion ist heute Pinot Noir (l.) "in", Blaufränkisch (r.) ist "out". © Wladyslaw Sojka/www.sojka.photo, Johann Werfring

Ein Blick in die führenden österreichischen Weinguides, Falstaff und Vinaria, offenbart, dass bezüglich des im Süden von Wien gelegenen Weinbaugebiets Thermenregion nur wenige Rotweinsorten wahrgenommen werden. Die höchsten Rotweinwertungen erzielen in beiden Guides Weine aus den Sorten Sankt Laurent und Pinot Noir. Zudem wird dem Zweigelt und zum Teil auch den internationalen Sorten Cabernet Sauvignon sowie Merlot (beziehungsweise Cuvées daraus) für die Thermenregion ein Stellenwert zugemessen. Die heimische Paraderotweinsorte Blaufränkisch hingegen, die nach Meinung vieler Fachleute qualitätsmäßig im Rotweinsegment heute international das Aushängeschild Österreichs ist, kommt im Vinaria-Guide bloß mit einer Nennung vor, und zwar beim Weingut Christian Fischer in Sooß, im aktuellen Falstaff-Guide wird der Blaufränkische für die Thermenregion überhaupt nicht erwähnt. Interessanterweise kommt auch dem Blauen Portugieser, der seinerzeit sogar nach einem Ort des Gebiets als "Vöslauer" respektive "Schwarzer Vöslauer" bezeichnet wurde, in beiden Weinführern bei keinem einzigen Weingut der Thermenregion Guide-Relevanz zu.

Der Lausturm ist das Wahrzeichen von Sooß. Hier und in weiteren Orten der Thermenregion wurde zu Kaisers Zeiten noch reichlich Blaufränkisch angebaut. Mittlerweile ist diese Sorte aus dem Sortiment der örtlichen Winzer nahezu verschwunden.

Der Lausturm ist das Wahrzeichen von Sooß. Hier und in weiteren Orten der Thermenregion wurde zu Kaisers Zeiten noch reichlich Blaufränkisch angebaut. Mittlerweile ist diese Sorte aus dem Sortiment der örtlichen Winzer nahezu verschwunden.© Johann Werfring Der Lausturm ist das Wahrzeichen von Sooß. Hier und in weiteren Orten der Thermenregion wurde zu Kaisers Zeiten noch reichlich Blaufränkisch angebaut. Mittlerweile ist diese Sorte aus dem Sortiment der örtlichen Winzer nahezu verschwunden.© Johann Werfring

Durchaus zu Recht haben der Sankt Laurent, der Pinot Noir wie auch der Zweigelt im Gebiet einen Stellenwert erlangt. Die Einflüsse des pannonischen Klimas einerseits, die geschützte Abschirmung gegen ungünstige klimatische Einflüsse durch den Gebirgszug des südlichen Wienerwaldes wie auch die geologischen Bedingungen sind für den Anbau dieser Sorten günstig. An den Bergabhängen finden sich vorteilhafte Kalkeinlagerungen, und auch die kargen Schotterböden des Steinfeldes bieten gute Anbaubedingungen.

Im Reservebereich kommen die Winzer am besten mit dem Sankt Laurent zurecht. Bei mächtiger Ausbauweise vermag diese Sorte (ganz im Gegensatz zum Pinot Noir) den Rösteintrag recht passabel wegzustecken. Bei Bewertungen erzielen die Erzeuger mit ihren Weinen aus Sankt Laurent in schöner Regelmäßigkeit beachtliche Erfolge. Der Pinot Noir ist im Ganzen gesehen (bis auf Ausnahmen) noch in der Kinderstube. Man ist sich in Österreich sowohl auf Erzeuger- wie auch auf Konsumentenseite über die Wesenheit des Pinot Noir noch nicht wirklich im Klaren. Sowohl in der Thermenregion als auch in anderen austriakischen Weinbaugebieten wird diese nach fragilem Ausbau verlangende Sorte nach wie vor viel zu opulent vinifiziert. Mit Röstaromatik angereichert und oft mit viel zu hohem Alkoholgehalt ausgestattet, ergibt sich bei den Weinen häufig eine artifizielle Warmfrucht. Indes setzen sich in Österreich einige Weinmacher schon recht feinfühlig mit der Sorte auseinander; in der Thermenregion ist das vor allem der Tattendorfer Johanneshof Reinisch, wo zuletzt mit dem 2015er Pinot Noir Grillenhügel ein vorzügliches Format gelungen ist.

Der Zweigelt hat in der Thermenregion, ebenso wie auch in anderen Gebieten, als süffiger klassischer Rebensaft seinen Stellenwert. Im Premiumbereich spielt er kaum eine Rolle; man sollte auch gar nicht versuchen ihn allzu mächtig auszubauen. Die nach wie vor vorhandenen internationalen Sorten Cabernet Sauvignon und Merlot, die in warmen Jahren gute Qualitäten erbringen, kamen ab den frühen 1990er Jahren in Mode, wurden in der Thermenregion mittlerweile aber imagemäßig von Sankt Laurent und Pinot Noir überflügelt.

Was den Blauen Portugieser alias Vöslauer anbelangt, so ist es schade, dass dieser von den Weinguides in deren Wahrnehmung derart vernachlässigt wird. Immerhin wird die Sorte in einer Reihe von Weinorten der Thermenregion, etwa in Bad Vöslau, in Sooß oder in Pfaffstätten, bis heute reichlich angebaut. Dass sich der Blaue Portugieser in den zahlreichen Heurigen des Gebiets bis dato großer Beliebtheit erfreut, ist kein Zufall, zumal er ausgesprochenes Trinkvergnügen bietet. Die trefflichste Charakterisierung dieser für einen Rotwein ungewöhnlichen Süffigkeit habe ich einmal von einem bejahrten Hauer in Tattendorf vernommen: "Er rinnt owi, ohne schlucken", hatte dieser angemerkt. Wunderbare Blauer-Portugieser-Gewächse gibt es etwa beim 47er-Schwertführer (mit angeschlossenem Heurigen) in Sooß. Was die Herkunft des Blauen Portugiesers betrifft, so sei dieser, wie in der Literatur verschiedentlich behauptet wird, 1770 oder 1772 durch Johann von Fries (1719–1785), Fabrikant in Wien und Grundbesitzer in Vöslau, von Portugal nach Vöslau transferiert worden. Nach jüngeren Erkenntnissen stammt er aber höchstwahrscheinlich aus Österreich ab. Der österreichische Weinbaupionier Robert Schlumberger (1814–1879) hatte aus dem Blauen Portugieser übrigens ausgezeichnete Schaumweine nach der Champagnermethode gekeltert. Es ist an der Zeit, den Imageverlust dieser Sorte ernsthaft zu hinterfragen.

Kommen wir noch auf den Blaufränkischen zurück, der – wie erwähnt – in beiden Guides bloß mit einer einzigen Nennung dokumentiert ist. Blättert man in alten, vergilbten Büchern, so wird man gewahr, dass der Blaufränkische gegen Ende der Habsburgermonarchie, und auch noch in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, im Bereich der Thermenregion an den Bergabhängen reichlich angebaut wurde. Interessanterweise ist der Blaufränkische, der im Gebiet damals noch als der "Mährische" bezeichnet worden war, mittlerweile aus dem Sortiment der örtlichen Winzer fast gänzlich verschwunden. Dabei wären infolge des günstigen Klimas und der kalkreichen Böden die Anbaubedingungen für den mittlerweile zur austriakischen Parade-Rotweinsorte avancierten Blaufränkischen an den Abhängen des südlichen Wienerwalds geradezu vorzüglich. Die Vorstellung von einer Wiederbelebung des Blaufränkisch-Anbaus in dieser Umgebung ist reizvoll. Gut möglich, dass Blaufränkische aus dieser Gegend, angebaut unter Anwendung moderner weinbaulicher Standards und feinfühlig vinifiziert, den derzeit übermächtig dominierenden österreichischen Top-Rotwein-Formaten aus dem Burgenland zu einer ernsthaften Konkurrenz erwachsen könnten. In heißen Jahren hätte der Blaufränkische in der Südbahngegend sogar erhebliche Vorteile gegenüber dem noch wärmeren burgenländischen Anbaugebiet.

Print-Artikel erschienen am 2. März 2018
In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 36–37





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-03 15:05:44
Letzte Änderung am 2018-03-08 13:18:40


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