• vom 22.06.2018, 00:00 Uhr

Wein

Update: 25.06.2018, 13:14 Uhr

Weinjournal

Der G’spritzte: Labsal in der Sommerhitze




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Von Johann Werfring

  • Das österreichische Nationalgetränk aus prickelndem Wasser und Wein ist ein Erfrischungsgetränk ersten Ranges und wird als Durstlöscher auch von Weinbeißern geschätzt.

Stilgerechter G’spritzter-Ausschank im klassischen Henkelglas in einem Wiener Gastgarten.

Stilgerechter G’spritzter-Ausschank im klassischen Henkelglas in einem Wiener Gastgarten.© Johann Werfring Stilgerechter G’spritzter-Ausschank im klassischen Henkelglas in einem Wiener Gastgarten.© Johann Werfring

Der G’spritzte hat in Österreich einen derart hohen Stellenwert, dass er sogar in einer Rechtsnorm definiert ist. Laut Paragraph 3 der österreichischen Weinbezeichnungsverordnung dürfen die Bezeichnungen "G’spritzter" sowie "Spritzer" verwendet werden, wenn das Getränk zu mindestens 50 Prozent aus Wein besteht, das Getränk darüber hinaus zu höchstens 50 Prozent aus kohlesäurehaltigem Trinkwasser (Sodawasser) oder Mineralwasser besteht und der vorhandene Alkoholgehalt mindestens 4,5 Volumsprozent beträgt.

Gegenüber dem Bier, das hierzulande ebenfalls als Erfrischungsgetränk geschätzt wird, hat der G’spritzte die Eigenschaft, dass er in viel größerer Geschmacksvielfalt in Erscheinung tritt. Je nach Jahrgang, verwendeter Sorte, Gebiet und Erzeuger des verwendeten Weins gibt es in Österreich Tausende, ja sogar Abertausende Geschmacksvarietäten. In den Weinschenken und in der Gastronomie wird der G’spritzte heutzutage überwiegend in guter Qualität angeboten. Freilich freut man sich als Weinfreund, wenn das Geschmacks- und Erfrischungserlebnis da oder dort in besonderer Weise beeindruckt. In exzeptionellen Fällen hat man dann den Ort des G’spritzten-Genusses sogar im Langzeitgedächtnis abgespeichert. In dieser Hinsicht habe ich etwa den Heurigen Leitner in Wien-Ottakring in sehr guter Erinnerung. Man kann ihn von der Sandleitengasse aus über die Wilhelminenstraße, den Paulinensteig und dann abzweigend über den Sprengersteig erwandern. Macht man dies im Sommer, dann schmeckt der G’spritzte nach dem Bergangehen derart erfrischend, dass es mit einem einzigen Glas bei Weitem nicht getan ist. Wer für eine solche Wanderung nicht disponiert sein sollte, kann von der Sandleitengasse mit einem Autobus der Linie 46A bis zum Schloss Wilhelminenberg hinauffahren und dann ein paar Minuten über den Sprengersteig hinuntergehen. Über den G’spritzten hinaus kann dort das unverfälschte Heurigenambiente wie auch der wunderbare Ausblick auf Wien genossen werden.

G'spritzter-Fans bei einem Open-Air-Festival.

G'spritzter-Fans bei einem Open-Air-Festival.© Wikimedia/tutu G'spritzter-Fans bei einem Open-Air-Festival.© Wikimedia/tutu

Ein nachhaltiges G’spritzter-Erlebnis hatte ich unlängst auch im schönen Gastgarten des Restaurant "Das Wolf" in Langenlebarn. Es zählt zu den feinsten gastronomischen Stätten Niederösterreichs – ein Ausflug dorthin zahlt sich von Wien aus jederzeit aus. Die von Christian Wöber geführte Küche ist vorzüglich. Die Weinkultur wird dort von Christoph Mayer mit großer Umsicht zelebriert. Als ich kürzlich auf dem Weg zu einer Veranstaltung gemeinsam mit dem Wiener Weinpapst Viktor Siegl bei dem unweit vom Bahnhof gelegenen Lokal vorbeikam, beschlossen wir, rasch im Wolf’schen Gastgarten unseren Durst mit einem G’spritzten zu löschen. Was wir dann erlebten, war einmalig: Nicht nur, dass uns der G’spritzte von Christoph Mayer im Zalto-Glas (gewissermaßen dem Rolls Royce der Weingläser) serviert wurde, erwies sich auch die Wahl des Weins  für den G’spritzten als höchst einfühlsam (es handelte sich um einen 2017er Grünen Veltliner aus dem Weingut Anton Wöber in Grossriedenthal, Neudegg 40). Wir waren beeindruckt.

Ungekrönter G’spritzter-King: Wiens Ex-Bürgermeister Michael Häupl.

Ungekrönter G’spritzter-King: Wiens Ex-Bürgermeister Michael Häupl.© Anna Stöcher Ungekrönter G’spritzter-King: Wiens Ex-Bürgermeister Michael Häupl.© Anna Stöcher

An sich habe ich ja immer dafür plädiert, den G’spritzten im urigen Henkelglas, wie es auch im ÖWI-Shop (shop.oesterreichwein.at) um 1,90 Euro pro Stück angeboten wird, zu genießen. Immer wieder hat er mir daraus besser geschmeckt als aus einem Weinglas mit Stiel, welches in der Gastronomie mittlerweile gar nicht so selten für dieses Getränk verwendet wird. Aber mit dem G’spritzten aus dem Zalto-Glas, zubereitet mit dieser stimmigen Weinqualität, habe ich nun doch eine sehr spezielle Erfahrung gemacht. Nichtsdestoweniger bleibe ich auch künftig beim Henkelglas, das infolge seiner Dickwandigkeit den G’spritzten auch länger kühl hält als andere Gläser.

Wird in der Gastronomie stimmiger Weise meistens Soda für den G’spritzten verwendet, so ist es im privaten Bereich häufig üblich, mit Mineralwasser aufzuspritzen. In dieser Hinsicht habe ich schon völlig unzumutbare Mischungen observiert. Wird etwa mildes Mineralwasser (mit wenig Kohlensäure) verwendet, so schmeckt der G’spritzte "letschert", wie man hierzulande trefflich zu sagen pflegt. Ebenso eignen sich so manche Mineralwässer – vor allem solche mit ausgeprägtem Eigengeschmack – überhaupt nicht für das Aufspritzen. Als wenig geeignet erscheinen auch Mineralwässer aus Kunststoffflaschen, bei deren Herstellung und Lagerung Acetaldehyd entstehen und in den Flascheninhalt übergehen kann. Freilich sollte man beim G’spritzten auch sonst den ökologischen Nachhaltigkeitsaspekt berücksichtigen und keine Mineralwässer aus Quellen in Frankreich, Norwegen oder sonstigen weit entfernten Gegenden verwenden, wie sie gegenwärtig im österreichischen Lebensmitteleinzelhandel mitunter im Angebot sind.

Es ist interessant zu beobachten, dass sich der G’spritzte trotz des jüngst entstandenen Bierbooms nach wie vor hoher Beliebtheit erfreut. Immer wieder in die Medien gekommen ist er im vergangenen Jahrzehnt durch die spezielle Vorliebe von Wiens ehemaligem Langzeit-Bürgermeister Michael Häupl für den "Spritzwein", wie er ihn liebevoll immer genannt hat. Obwohl ihm politische Widersacher aus seiner Passion für den G’spritzten immer wieder einen Strick drehen und ihn als versoffenen Roten in Verruf bringen wollen, scheute sich Häupl keine Sekunde lang die Weinkultur seines Landes hochzuhalten. Letztendlich ist dieses österreichische Nationalgetränk sogar Teil seiner Performance geworden.

Zu vermerken ist schließlich, dass der G’spritzte in kulinarischer Hinsicht geradezu ein Universalist ist. Er eignet sich zu allen möglichen Gerichten als Speisenbegleiter, fungiert als Durstlöscher, Muntermacher und als unkompliziertes Konversationströpferl. Zum Spritzen eignen sich ganz besonders Welschriesling und Grüner Veltliner, aber auch der Wiener Gemischte Satz, der Müller Thurgau und diverse weitere Sorten kommen in Betracht. Höchst schleierhaft ist mir bis heute die Vorliebe von manchen Weinfreunden für den G’spritzten in Rot. Aber wer weiß: Vielleicht müssen noch etliche Lenze vergehen, bis ich diesem Mysterium auf die Spur komme . . .

Print-Artikel erschienen am 22. Juni 2018
In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 22–23





Schlagwörter

Weinjournal, Wein

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-25 12:52:00
Letzte Änderung am 2018-06-25 13:14:50


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