• vom 28.09.2018, 00:00 Uhr

Wein

Update: 30.09.2018, 23:55 Uhr

Weinjournal

Tattendorfer Winzerkönigin mit balinesischem Hofstaat




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Von Johann Werfring

  • Ein Jahr lang repräsentiert Isabella Schödinger als "Isabella I." die Weinkultur des Traditions-Weinortes südlich von Wien.

Nach Landessitte von Bali bunt beschirmt zog die vinophile Monarchin im Zeremonialwagen mit ihrem Hofstaat auf dem Festgelände ein. - © Johann Werfring

Nach Landessitte von Bali bunt beschirmt zog die vinophile Monarchin im Zeremonialwagen mit ihrem Hofstaat auf dem Festgelände ein. © Johann Werfring

Isabella I. bei ihrer Ansprache beim Tattendorfer Weinlesefest 2018.

Isabella I. bei ihrer Ansprache beim Tattendorfer Weinlesefest 2018.© Johann Werfring Isabella I. bei ihrer Ansprache beim Tattendorfer Weinlesefest 2018.© Johann Werfring

Am 16. September war in Tattendorf praktisch der ganze Ort auf den Beinen. Wieder einmal ging das traditionsreiche Weinlesefest über die Bühne. Den Auftakt bildete der Umzug mit den aufgeputzten Traktoren samt dekorierten sowie thematisch inszenierten Anhängern. Unter anderem erfreuten dabei tuckernde Oldtimer-Traktoren das Ohr und Auge des Betrachters. Unvermeidlich war die Inszenierung des Gottes des Weins, der sogar in zweierlei Gestalt in Erscheinung getreten ist: einerseits als schüchterner Bacchus- Knabe auf einem Fässchen sitzend und andererseits als wohlbeleibter, Weinlaub-bekränzter Olympier auf einem "Schlaffass" reitend. Schlaffässer, wie jenes, das beim Umzug auf einem Traktoranhänger mit von der Partie gewesen ist, befinden sich in Tattendorf unter schattenspendenden Bäumen. Besucher des Weinortes, die nach einer Verkostung sicherheitshalber keine Autofahrt mehr riskieren wollen, können dort komfortabel eine Nacht verbringen.

Freilich durfte beim Umzug auch ein Anhänger mit Erntekrone nicht fehlen. Die Kinder des Ortes gruppierten sich in erster Linie um einen Anhänger, der von einem bejahrten Traktor der Marke Steyr Diesel KL II gezogen wurde. Die auf dem Anhänger gemütlich mit G’spritzten rund um einen Tisch platzierten Damen und Herren warfen immer wieder Zuckerl aus. Sobald die Süßigkeiten auf der Straße aufklatschten, stürzten sich sämtliche Kinder darauf, um diese emsig einzusammeln. Fast schien es so, als ob die Kleinen einen Wettbewerb zur Kür eines Zuckerlkönigs austragen würden. In Bereichen Ostösterreichs ist das Auswerfen von Zuckerln und Stollwerks sonst vor allem bei Hochzeiten üblich. Vor etlichen Jahren observierte ich, wie ein wohlstandshalber abgebrühter Knabe das von einem Hochzeitsgast ausgeworfene Zuckerl verächtlich mit dem Fuß beiseite schob. Im Vergleich dazu ist die Zuckerlbalgerei der Tattendorfer Erntedank-Kinder ein geradezu erfrischendes Schauspiel gewesen.

Gruppe mit Riesentraube beim Tattendorfer Weinlesefest um 1905.

Gruppe mit Riesentraube beim Tattendorfer Weinlesefest um 1905.© Aus: Georg Gramsl, das Weinlesefest in Tattendorf 1905–2011 (Tattendorf 2012). Gruppe mit Riesentraube beim Tattendorfer Weinlesefest um 1905.© Aus: Georg Gramsl, das Weinlesefest in Tattendorf 1905–2011 (Tattendorf 2012).

Außergewöhnlichster Blickfang der Parade ist zweifellos ein exotisch anmutender Traktor-Anhänger gewesen. Isabella Schödinger, Tochter des Tattendorfer Winzers Franz Schödinger und dessen aus Bali stammender Ehefrau, war kürzlich von den Hauerburschen des Ortes zur Winzerkönigin gekürt worden. Beim Umzug hatte sie als "Isabella I." auf einem goldenen Thron, der nach der Landessitte von Bali mit bunten Schirmen überdacht war, Platz genommen. In Begleitung ihres balinesischen Hofstaates zog die 16-jährige Monarchin, die im zivilen Leben das Bundesrealgymnasium Biondekgasse in Baden bei Wien besucht, auf dem Festgelände ein. Mit soigniertem Habitus und wohlgewählten Worten erläuterte die vinophile Majestät sodann bei ihrer Ansprache die heurige Ernte und den zu erwartenden Jahrgang. Hernach prostete sie dem Publikum mit dem angefüllten Weinpokal zu. In diesem befand sich – selbstredend – ein Sankt Laurent, der zugleich Hauptsorte des Ortes und Nationalgetränk der Tattendorfer ist.

Das Tattendorfer Weinlesefest hatte es schon zu Kaisers Zeiten gegeben. Erst kürzlich ist ein von Georg Gramsl verfasstes Buch erschienen, in dem die örtlichen Weinlesefeste seit dem Jahr 1905 dokumentiert sind. Wie auf dem hier abgedruckten Bild dargestellt, wurde früher auf einer Stange eine Riesentraube durch den Ort geschleppt. Während der NS-Herrschaft gab es in Tattendorf keine Weinlesefeste, dafür feierte man sie danach umso euphorischer. Waren es einstmals aufgeputzte Ochsen- und Pferdegespanne gewesen, die das Gepräge wesentlich bestimmt hatten, so traten nach dem Zweiten Weltkrieg geschmückte Traktoren an deren Stelle. Adrette Damen hatten bei den Festen von jeher eine Rolle gespielt. Ab den 1950er-Jahren wurden auch Majestäten gekürt, die in Tattendorf nicht – wie ansonsten weithin üblich – "Weinkönigin", sondern "Winzerkönigin" heißen. Deren Krone ist sympathischer Weise seit eh und je nicht protzig gestaltet, sondern dezent aus Blättern, Blumen und Früchten gebildet.

Print-Artikel erschienen am 28. September 2018
In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 22–23





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-28 03:18:26
Letzte Änderung am 2018-09-30 23:55:51


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