• vom 06.11.2018, 15:44 Uhr

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Update: 06.11.2018, 17:20 Uhr

Buch Wien

Unmündige Anklage




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Von Judith Belfkih

  • Philosophin Svenja Flaßpöhler eröffnet die Buch Wien und spricht über ihr Unbehagen mit MeToo und den Umgang mit Rechts.



Svenja Flaßpöhler: "Krisenzeiten sind immer gute Zeiten für die Philosophie."

Svenja Flaßpöhler: "Krisenzeiten sind immer gute Zeiten für die Philosophie."© Ullstein/Maria Sturm Svenja Flaßpöhler: "Krisenzeiten sind immer gute Zeiten für die Philosophie."© Ullstein/Maria Sturm

Wien. Die MeToo-Debatte bereitete ihr Unbehagen - nicht nur ihr. Die deutsche Philosophin Svenja Flaßpöhler ist dem Unbehagen nachgegangen, hat es analysiert und mit ihrem Essay "Die potente Frau" auch einen konstruktiven Gegenentwurf zu den aktuellen Anschuldigungen vorgelegt. Frauen zementieren durch MeToo ihre Opferrolle, anstatt sie aufzubrechen; sie nutzen ihre Potenz nicht, lautet Flaßpöhlers Analyse. Am Mittwoch hält die 1975 geborene Chefradakteurin des "Philosophie Magazins" die Eröffnungsrede der Buch Wien.

"Wiener Zeitung": Wo hat Ihr Unbehagen mit MeToo begonnen?

Svenja Flaßpöhler: An vielen Stellen. Ich habe mich gefragt, worüber gesprochen wird, wenn "me too" gesagt wird. Die beschriebenen Situationen sind sehr heterogen - von absolut abzulehnender Gewalt bis zu Situationen, in denen man sich unwohl fühlt, ein Flirt etwa, der schiefläuft. Der Unterschied dazwischen rückt nicht in den Blick. Und damit auch nicht, dass es Situationen gibt, in denen Frauen Handlungsoptionen hätten, sie aber nicht nutzen. Da setzt meine Frage ein: Inwiefern stabilisieren Frauen durch ihre Passivität, die ja eine Geschichte hat, Machtgefüge, die sie beklagen. Was hat das mit alten Weiblichkeitsstereotypen zu tun? MeToo thematisiert diese Leerstelle nicht, lässt die weibliche Position aus. Die Bewegung reproduziert ungewollt ein patriarchales Frauenbild, weil sie es nicht hinterfragt.

Auch der Mann wird in der Debatte ausgespart. . .

Es ist umgekehrter Sexismus. Der Mann wird zum Objekt degradiert, zum triebgesteuerten, aggressiven Wesen. Die Öffentlichkeit wird im Zuge der Anschuldigungen zur Richterin - eine Rolle, die sie gar nicht übernehmen kann, weil wir es zunächst mit Behauptungen zu tun haben, nicht mit Fakten. So wichtig es ist, dass Frauen sich solidarisch für ihre Rechte starkmachen: Gegenwärtig beobachten wir ein Klima der Denunziation, das zustande kommt, weil es eine ungute und explosive Liaison gibt zwischen berechtigtem emanzipatorischem Anspruch und einem medialen Interesse am Skandal. Jeder Verdacht wird medial verstärkt sofort zur Tatsache. Dabei lassen sich Frauen auch vor einen sensationsgierigen medialen Aufmerksamkeitskarren spannen.

Hat MeToo der Beziehung der Geschlechter geschadet oder genutzt?

Im Moment sehe ich einen reinen Anklagediskurs gegen den Mann. Das hat nichts Öffnendes, sondern hat mit Macht zu tun. Etwa in der oft geäußerten Logik, dass es jetzt mitunter auch den Falschen trifft, es aber gesamtgesellschaftlich gut ist, dass Männer Angst haben, sich zurücknehmen. Diese Politik der Abschreckung ist eine zutiefst männliche und abzulehnende Vergeltungslogik.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-06 15:55:10
Letzte Änderung am 2018-11-06 17:20:45


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