• vom 08.11.2018, 09:00 Uhr

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Update: 08.11.2018, 09:28 Uhr

Sachbuch

Die ganze Grausamkeit des Holocaust




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Von Mathias Ziegler

  • Historiker Gerhard Zeillinger zeichnet eine jüdische Familiengeschichte in den 1930er und 1940er Jahren eindrucksvoll und beklemmend nach.

Walter Fantl ist nur sein Gürtel geblieben.

Walter Fantl ist nur sein Gürtel geblieben.© apa/Georg Hochmuth Walter Fantl ist nur sein Gürtel geblieben.© apa/Georg Hochmuth

Sechs Löcher hatte Walter Fantls Gürtel ursprünglich, heute sind es vierzehn. Es ist sein einziges Besitztum, das die Zeit im KZ überstanden hat. Wie die acht zusätzlichen Löcher in das meterlange Stück Leder gekommen sind, erzählt der Historiker Gerhard Zeillinger auf 240 Seiten, die dicht gedrängt sind mit Erinnerungen des Zeitzeugen, ergänzt um Aufzeichnungen aus Archiven.

Anhand der Familiengeschichte der Fantls zeichnet Zeillinger die ganze Grausamkeit des Holocaust eindrucksvoll und beklemmend nach: Wie erst schleichend die Juden in Walter Fantls Heimatort Bischofstetten in Niederösterreich zu Außenseitern werden; wie die Ressentiments dann immer stärker zunehmen; wie die Familie erst monate-, ja jahrelang vergeblich auf eine Ausreisebewilligung in die USA oder nach Palästina hofft, während ihr Geschäft arisiert wird; wie der Familienhund erschossen wird, weil Juden keine Haustiere haben dürfen.


© APA/GEORG HOCHMUTH © APA/GEORG HOCHMUTH

Es sind die vielen kleinen Schikanen am Vorabend des großen Holocaust-Verbrechens, bei denen es dem nachgeborenen Leser schon in den ersten Kapiteln immer wieder die Eingeweide zusammenzieht vor Bestürzung und Fremdscham - und dabei weiß er, dass die wirklich schlimmen Seiten erst noch kommen werden, denn von Deportation, KZ und Gaskammer ist da noch lange nicht die Rede. Da kommen vorher noch die Zwangsarbeit des Vaters beim Bau um einen Hungerlohn (der geringer ist als die Verpflegungskosten, die er bezahlen muss), mehrere kurze Inhaftierungen und die Novemberpogrome 1938. Danach bangt die Familie in Wien, ehe sie Anfang Oktober 1942 tatsächlich nach Theresienstadt deportiert wird.

Über Theresienstadt ins Auschwitz-Außenlager

Bis dahin ist es dem inzwischen 18-jährigen Walter dank seiner Tätigkeit als Schlosser für die jüdische Kultusgemeinde besser gegangen als vielen anderen Wiener Juden (selbst in Theresienstadt gibt es später auch unbeschwerte Momente). Und seine Familie ist ein Jahr zuvor schon aus einem Deportationszug nach Lodz herausreklamiert worden. Walter ist nur zu bewusst, dass statt ihnen vier andere Juden in den sicheren Tod gegangen sind. "Dass ich überlebt habe, war reiner Zufall", sagt der 94-Jährige heute.

Das gilt auch für das Auschwitz-Außenlager Gleiwitz, in das er und sein Vater (der dort sofort ermordet wird) Ende September 1944 von Theresienstadt aus verschickt werden, eingepfercht in einen engen Waggon. Elf Tage später folgen ihnen Mutter und Schwester, aber das erfährt Walter erst nach dem Todesmarsch im Jänner 1945. 38 Kilo hat er am Ende, dazu eine eitrige Entzündung an der Fußsohle: "Ich weiß heute nicht mehr, wie ich das geschafft habe", sagt Walter Fantl im Rückblick.

Soweit die Kürzestfassung einer Lebens- und Leidensgeschichte, deren Erzählung in all ihrer Ausführlichkeit vor allem durch ihre Nüchternheit eindringlich ist. Denn der Autor und der Zeitzeuge legen die ganze Grausamkeit des Holocaust ohne unnötige Ausschmückungen dar, vom sukzessive stärker werdenden Antisemitismus bis zur desillusionierenden Rückkehr in die Heimat nach all der Tortur. Und auch, was den Umgang mit der eigenen Erinnerung Jahrzehnte später betrifft.

Sachbuch

Überleben.
Der Gürtel des Walter Fantl

Gerhard Zeillinger

Kremayr & Scheriau
240 Seiten, 22 Euro





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-07 17:13:13
Letzte Änderung am 2018-11-08 09:28:04


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