• vom 07.11.2018, 17:03 Uhr

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Update: 07.11.2018, 17:20 Uhr

Sachbuch

Klingende Obsession




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Von Judith Belfkih

  • Philipp Blom hat mit "Eine italienische Reise" eine Liebeserklärung geschrieben - an seine Geige.

Alte Geigen bergen oft ein (mitunter kostbares) Geheimnis. Die des selbst Geige spielenden Historikers und Schriftstellers Philipp Blom zierte sich allerdings, das ihre preiszugeben. - © adobestock.com/seeyou/c. steps

Alte Geigen bergen oft ein (mitunter kostbares) Geheimnis. Die des selbst Geige spielenden Historikers und Schriftstellers Philipp Blom zierte sich allerdings, das ihre preiszugeben. © adobestock.com/seeyou/c. steps

Erst war es das Äußere, das ihn faszinierte. Die goldene Bernsteinfarbe, die dichte Maserung des Fichtenholzes, die sanfte Wölbung, die expressiv geschnitzten Ecken und die auffallend kleine Schnecke. Dann war es ihr Klang, der Philipp Blom in den Bann der 300 Jahre alten Geige zog. Ein Klang, den das Instrument nicht sofort preisgab, den der Historiker, der seit seiner Kindheit Violine spielt, ihr erst nach und nach entlocken musste. Mit jedem Spiel öffne sie ihm neue Klangfarben: dunkel gemaserte Klänge, "wie die Stimme einer Jazz-Sängerin, die kein einfaches Leben gehabt hat", und dazu eine Höhe "warm wie poliertes Silber".

Was Blom jedoch endgültig in den Bann jenes Instrumentes zog, das schon kurz nach der ersten Begegnung bei einem Wiener Geigenbauer das seine werden sollte, war das Rätsel, das diese Geige in sich trug. Ein Geheimnis bezüglich des Ortes, an dem sie etwa Mitte des 17.Jahrhunderts gebaut wurde; und der meisterlichen Hände und des wohl bewegte Leben dessen, der es erschaffen und wohl auch erstmals gespielt hat.

Information

Sachbuch

Eine italienische Reise

Philipp Blom

Hanser, 313 Seiten, 26,80 Euro

Verschmolzene Lieben

Das Ergebnis dieser vielen an einem einzelnen Objekt entbrannten Leidenschaften hat Philipp Blom in Buchform vorgelegt - mit dem durchaus bildungsbürgerlich unterfütterten Titel "Eine italienische Reise". Es ist eine Spurensuche geworden, die viel mehr ist als der Versuch, den Erbauer des Instrumentes zu finden. Es ist auch ein sehr persönlicher, biografisch gefärbter, ja beinahe intimer Einblick in das Leben des Historikers und Musikersohnes Blom, der in seiner Jugend selbst Geiger werden wollte. Mangelndes Talent nennt er selbst als Grund, warum seine tiefe Liebe zur Musik nie zu einer beruflichen Ehe wurde. Bloms Leidenschaft für die Musik, die er mitunter melodramatisch zu inszenieren weiß, hat diese Tatsache in keiner Weise gebremst. Sie ist auch die treibende Kraft, die dieses Buch immer wieder befeuert, es lebendig, mitunter auch verbissen macht. Zudem verschmilzt sie mit der Neugierde des Historikers und führt damit die großen Lieben des Autors in einem Werk zu einer glückvollen Symbiose.

Ein junger süddeutscher Geigenbauer soll es gewesen sein, der sich um 1700 nach Italien aufgemacht hat, um dort alpenländische und italienische Baukunst in dieser Geige zu verschmelzen. Blom begibt sich auf der Suche nach ihm in die Innungsarchive dieser Zeit, studiert Reiseberichte über die Alpen, stöbert Nachlasslisten berühmter Instrumentenbauer auf und zeichnet zeitgenössisch barocke Handels- und Lebenswelten nach. Wie nebenbei zeichnet er damit das lebendige Bild eines sich immer stärker vernetzenden und auch - durch die Pest und den Dreißigjährigen Krieg - geprüften Europas. Dabei porträtiert er nicht nur die im heutigen Allgäu gelegne Stadt Füssen, die einst Hochburg im Lautenbau war, sondern zeichnet auch musiksoziologische Porträts eines zeitgenössischen Venedig oder Mailand.

Die Welt in einem Objekt

Dazwischen schildert der Historiker seine Besuche bei Geigen-Experten von London über Den Haag bis Wien, die immer neue, teils widersprüchliche Einschätzungen zum begutachteten Instrument mit sich bringen. Nebenbei führt Blom den Leser in die Welt der Holzdatierungen, der historischen Handelswege, der sozialen Musikergemeinden und in die teils aberwitzigen Gepflogenheiten des aktuellen Marktes mit namhaften historischen Geigen ein.

Anhand eines einzigen Objektes eine ganze Welt zu erschließen, diesen selbst definierten Traum hat sich Philipp Blom mit diesem Buch erfüllt.

Darüber hinaus ist es eine kurzweilige Liebeserklärung an die Violine-Solo-Stücke von Johann Sebastian Bach, die Blom als Geiger sein Leben lang begleiten - mit wechselnder Erwiderung dieser Liebe. Und es ist das Abarbeiten am eigenen Fetisch sowie an dem berühmter Musiker für ihre hölzerne, klingende "Erweiterungen des eigenen Körpers"; aber auch am Scheitern an musikalischen wie historischen Grenzen und an der eigenen Obsession - der Leidenschaft für die Musik und der danach, verbindliche Antworten zu finden.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-07 17:13:21
Letzte Änderung am 2018-11-07 17:20:28


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