• vom 02.12.2018, 09:30 Uhr

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Schimpfreden des Menschenfreunds Alois Brandstetter




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Von Christian Schacherreiter

  • Zum 80. Geburtstag des österreichischen Schriftstellers am 5. Dezember.



Unverkennbar in seinem Stil und Humor: Alois Brandstetter.

Unverkennbar in seinem Stil und Humor: Alois Brandstetter.© Lukas Beck Unverkennbar in seinem Stil und Humor: Alois Brandstetter.© Lukas Beck

"Jedesmal, wenn es eine Schwierigkeit im Haus gibt, dann holt die Mutter den Vater (. . .) Der Vater fragt dann immer, wo es denn hapert. Was hat es denn, wo brennt es denn, fragt er. Der Vater hört sich dann die Mutter an, und dann sagt er, nur keine Panik, meine Lieben, das werden wir gleich haben, sagt er, kein Grund zur Beunruhigung, das ist nur eine Kleinigkeit (. . .)".

Dieser Text müsste eigentlich vorgelesen werden, denn dann hören wir ihn auch, diesen naiven Duktus des unbeholfenen Schulaufsatzes. Abgelauscht hat ihn der Autor der sozialen Welt, aus der er kommt. Alois Brandstetter, geboren am 5. Dezember 1938 in Pichl bei Wels. Landleben. Oberösterreichische Provinz.

Als ich Brandstetter seinen Prosatext "Der Vater" zum ersten Mal lesen hörte, war ich noch Student. Die starke Wirkung, die diese Lesung damals auf mich hatte, beruhte zum einen auf dem Vergnügen, den Scherz, Satire und Ironie auslösen, zum anderen auf der tieferen Bedeutung, die "Der Vater" vermittelt. Dieser Vater, der jede haustechnische Herausforderung so souverän meistert, kommentiert nämlich seine Heimwerkerkompetenz gerne mit dem Satz: "Was hätten wir denn da 1943 in Rußland gemacht. Das ist gar nichts, wenn man es mit Rußland 1943 vergleicht."

Die Provinz

Dieser vom Vater so gedankenlos hingeschluderte Vergleich erzeugt im Kopf des Kindes eine seltsame Vorstellung: "In Rußland muß 1943 sehr viel kaputt gewesen sein [. . .], ich glaube, der Vater hat in Rußland recht viel repariert und lauter schwere Schäden behoben." Das Lachen blieb mir im Hals stecken.

Die kurzen Erzähltexte aus den Prosa-Sammlungen "Überwindung der Blitzangst" (1971), "Ausfälle" (1972) und "Der Leumund des Löwen" (1976) bewirkten, dass man Alois Brandstetters Frühwerk der in Österreich so wirkungsmächtigen sprachkritischen Literatur zugeordnet hat. Und weil der soziale Raum, aus dem Brandstetters Sprachmaterial kommt, die Provinz ist, hat man auch noch eine andere Kategorie bemüht, die "Antiheimatliteratur".

Dass diese Zuordnung nicht passt, machten bald schon zwei autobiografische Bücher klar: "Vom Schnee der vergangenen Jahre" (1979) und "Über den grünen Klee der Kindheit" (1982). Die Kindheit auf dem Land, das bäuerliche Leben werden zwar von Brandstetter nicht idyllisiert oder gar heroisiert, wie dies in älterer Heimatliteratur oft der Fall war, aber sie vermitteln auch nicht das Gefühl von Kränkung und Verbitterung, nicht den Gestus der Generalabrechnung, wie er für die "Antiheimatliteratur" typisch war.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-30 14:40:36
Letzte Änderung am 2018-11-30 16:02:29


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