• vom 07.01.2019, 17:16 Uhr

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Update: 11.01.2019, 17:21 Uhr

Michel Houellebecq

Die Krankheit zum Tode




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Von Christoph Irrgeher

  • Michel Houellebecq legt seinen siebenten Roman "Serotonin" vor. Entgegen den PR-Meldungen hält sich das Buch mit politischen Prophetien zurück. Der französische Provokateur kehrt zu seiner Domäne zurück: der Verzweiflung.

- © apa/afp/dpa/Boris Roessler

© apa/afp/dpa/Boris Roessler

Auch diesmal waren die Zeichen auf Düsternis gestellt. Es gab dann aber auch einen Moment der Heiterkeit, als der neue Roman von Michel Houellebecq in der Vorwoche in Frankreich erschien. Jérôme Baloge, Bürgermeister der westfranzösischen Gemeinde Niort, nützte die Gunst der Stunde für einen PR-Coup. Dass Houellebecqs neues Werk - seit Montag auch auf Deutsch erhältlich - seinen Ort als hässlich verunglimpft, veranlasste Baloge nicht etwa zu einem rustikalen Wutausbruch. Statt dessen lud er den griesgrämigen Autor in seine "schöne Stadt" ein und stellte den Genuss der örtlichen Spezialität in Aussicht, kandierte Engelwurz. Nachsatz: Die Fähigkeit der Pflanze, glücklich zu machen, sei allgemein bekannt.

Endstation Selbsthass

Abgesehen davon ist "Serotonin", der siebente Houellebecq-Roman, gemäß der üblichen Erregungsdramaturgie vom Stapel gelaufen - und mit den üblichen Fragen: Mit welchen Provokationen würde der "Zarathustra der Mittelschicht", so hat Houellebecq einmal einen Ich-Erzähler genannt, die Leser diesmal behelligen? Wie viele Lichtjahre würde der Düsterling von der Political Correctness abweichen? Kurz vor dem Verkaufsstart hat er selbst Öl ins Feuer gegossen: Das "Harper’s Magazine" veröffentlichte seinen Essay "Donald Trump ist ein guter Präsident" - ein Titel wie ein rotes Tuch samt Ätschibätschi-Geste für seine Lieblingsgegner, die Linken. Deren Wutschaum strömte dann auch verlässlich, obwohl Houellebecq keine Eloge auf Trump angestimmt, sondern eher gemeinsame Interessen betont hatte, etwa den Schutz der Arbeiter vor Fährnissen des Freihandels. Doch wer liest in Zeiten eilfertiger Empörung schon Kleingedrucktes?

Es war dann auch ein grober Haken, an dem erste Berichte über den neuen Roman baumelten: Houellebecq, hieß es, hätte in "Serotonin" den Aufstand der Gelbwesten vorausgesehen. Nun steht der 62-Jährige zwar schon seit langem im Ruf einer Kassandra, und das nicht ganz zu Unrecht: Sein Roman "Plattform" endete 2001 mit einem muslimischen Attentat auf ein Touristenparadies, ein Jahr später detonierten islamistische Bomben auf Bali. 2015 skizzierte "Unterwerfung" eine islamische Machtübernahme in Frankreich; der Roman wurde am Tag des fundamentalistischen Terroranschlags auf "Charlie Hebdo" ausgeliefert - auf jenes Satire-Blatt, das Houellebecq damals als Nostradamus auf dem Cover zeigte.

Doch so sehr diese Koinzidenzen schaudern lassen: Es schießt übers Ziel, Houellebecq zum Wetterfrosch des Weltuntergangs zu stilisieren. Und es bedarf auch einiger Fantasie, "Serotonin" als Gelbwesten-Orakel zu lesen. Als Basis dafür kann nur eine kurze Episode im Roman dienen: Aufgebrachte Kleinverdiener blockieren eine französische Autobahn; ihr Aufstand stemmt sich jedoch nicht gegen die Regierung Macron, sondern gegen ruinöse Milchpreise.




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Dokument erstellt am 2019-01-07 17:29:24
Letzte Änderung am 2019-01-11 17:21:02


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