• vom 09.01.2019, 17:23 Uhr

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Update: 09.01.2019, 17:38 Uhr

Robert Menasse

Roman unter Wahrheitspflicht




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Von Edwin Baumgartner

  • Ein Roman braucht auf die Korrektheit von Zitaten keine Rücksicht zu nehmen.


© Jean-Baptiste-André Gautier-Dagoty © Jean-Baptiste-André Gautier-Dagoty

In diesem Fall vermischt und verwischt sich alles, was sich vermischen und verwischen kann. Falsch: Nicht es vermischt und verwischt sich, die beteiligten Vermischer und Verwischer sind schnell ausgemacht, etwa Teile des deutschen Feuilleton, das noch unter dem Relotius-Schock steht und froh ist, ablenken zu können: Robert Menasse hat auch ein Zitat gefälscht. Nur ist die Mathematik falsch, denn Minus plus Minus ergibt immer noch Minus. Dazu kommen im Diskurs diverse Internet-Medien und die Blasen ihrer Anhänger. Jetzt stehen zwei Positionen, beide ohne Verständnis für die andere, einander gegenüber: Menasse hat ein Zitat gefälscht - na und?, er hat es für die gute Sache getan, sagen die einen, während die anderen meinen: Menasse hat ein Zitat gefälscht - Schimpf und Schande über ihn. Beide bedienen sich des Fälschungsvorwurfs, nur werten sie ihn unterschiedlich. Damit müssen sich beide aber der Frage stellen, ob die Fälschung wirklich eine Fälschung ist.

Was konkret geschehen ist: Der österreichische Schriftsteller hat in seinem Roman "Die Hauptstadt" dem ehemaligen CDU-Politiker und EWG-Kommissionsvorsitzenden Walter Hallstein den Satz in den Mund gelegt: "Die Abschaffung der Nation ist die europäische Idee." Hallstein hat diesen Satz so nie gesagt. Als das aufflog, reagierte Menasse trotzig: "Das Wortwörtliche" kümmere ihn nicht, ihm ginge es um die großen Zusammenhänge. Darauf folgte die geschilderte Erregung, in der Menasses zunehmend differenziertes Zurückrudern und Einbekennen von Fehlern kaum noch wahrgenommen wird. Die Sache hat längst eine Eigendynamik entwickelt.


Erfundene Reden
Doch was ist an ihr überhaupt dran? - Wenig, solange es nur um die Ebene des Romans geht. Als habe noch nie ein Autor, um seine eigenen Ideale quasi historisch zu legitimieren, einer Gestalt der Geschichte etwas in den Mund gelegt, was diese nie gesagt hat.

Keinem einzigen historischen Roman, keinem einzigen historischen Drama würde man es ernsthaft ankreiden, dass in der Regel der Großteil der direkten Rede darin, wenn nicht sogar alles davon, gleichsam gefälschte Zitate sind. Der Unterhaltungs-Alltag ist durchdrungen von solchen gefälschten Zitaten. Ob Kaiser Franz Joseph, ob Maria Theresia oder Alexander der Große oder sonst eine historische Gestalt, die mehr oder weniger jüngst den Fernsehabend beherrschte: Allesamt sprachen sie zumindest überwiegend in gefälschten Zitaten.

Allerdings verzichtet der Zuseher in diesen Fällen auf den Wahrheitsanspruch. Niemand käme auf die Idee, Ernst Marischka eine Zitatfälschung vorzuwerfen, wenn er Kaiserin Sissi zum ungarischen Grafen Andrássy sagen lässt: "Ich werde alles, was in meiner Macht steht, tun, um Ihrem Land zu helfen." Und wenn es jemand doch macht, dann würde der 1963 verstorbene Regisseur und Drehbuchautor von seinem Himmelswölkchen herab vermutlich ungefähr so argumentieren wie Menasse und sagen: "Kommt es in einem Kunstwerk auf das Wortwörtliche an, oder darf das vorgeblich Wortwörtliche dazu dienen, das Faktische zu bebildern?"

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-09 17:11:28
Letzte Änderung am 2019-01-09 17:38:54


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