• vom 18.01.2019, 17:08 Uhr

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Update: 18.01.2019, 18:17 Uhr

Robert Menasse

Fiktion, Wahrheit und ein Preis




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  • Robert Menasse hat die Carl-Zuckmayer-Medaille entgegengenommen.

Robert Menasse wurde trotz medialer Kritik von Rheinland-Pfalz für sein literarisches Gesamtwerk geehrt. - © apa/Herbert Pfarrofer

Robert Menasse wurde trotz medialer Kritik von Rheinland-Pfalz für sein literarisches Gesamtwerk geehrt. © apa/Herbert Pfarrofer

Mainz. (eb) Und er hat sie doch bekommen! - Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse hat die Carl-Zuckmayer-Medaille des Landes Rheinland-Pfalz am Freitag entgegengenommen. Die Zuckmayer-Medaille ist die höchste kulturelle Auszeichnung von Rheinland-Pfalz. Der Preis wird am Todestag des rheinhessischen Dichters, dem 18. Jänner, überreicht. Der Preisträger bekommt auch ein 30-Liter-Fass mit Wein aus Zuckmayers Heimat Nackenheim.

Ein fast beispielloser Disput ist Verleihung vorausgegangen. Menasse nämlich hat in seinem EU-Roman "Die Hauptstadt" dem ehemaligen Vorsitzenden des EU-Vorläufers EWG Walter Hallstein den Satz in den Mund gelegt: "Die Abschaffung der Nation ist die europäische Idee", und lässt Hallstein diesen Satz im Rahmen einer Rede in Auschwitz sagen. Das Zitat freilich ist nicht korrekt und der Ort der Rede war Rom. Menasse hat das Zitat auch in nicht fiktionalen Texten und Reden benützt. Nach kurzem Zögern und dem unglücklichen Statement: "Was kümmert mich das Wörtliche", hat Menasse den Fehler eines unrichtigen Zitats in nicht fiktionalen Texten eingeräumt: Das hat einen Teil der Medien jedoch nicht davon abgehalten, sich über die Differenzierung hinwegzusetzen, dass der fiktionale Text prinzipiell alles darf, während der nicht-fiktionale wörtlich korrekt zitieren muss.


Konflikt um ein Zitat
Überhaupt gingen die publizistischen Wogen hoch: "Staatspreis für den Flunkerkönig" titelte die Online-Ausgabe des liberal-konservativen Magazins "Cicero", das daran erinnerte, dass Zuckmayer der Autor des Hochstapler-Stücks "Der Hauptmann von Köpenick" gewesen sei, und weiter meint: "Wenn dieser (der Preis, Anm.) am Freitag dem österreichischen Autor Robert Menasse überreicht wird, findet zusammen, was zusammengehört, Maske und Kostüm, Inszenierung und Bluff, Verstellung und Einbildung." Auch die "FAZ" schrieb vom "Bluff des Robert Menasse", während der deutsche Publizist Henryk Broder meinte, es sei "obszön", dass Menasse die Hallstein-Rede ausgerechnet nach Auschwitz verlegt habe.

Schuld an der Heftigkeit des Disputs waren zweifellos die vorangegangene Affäre mit den fiktiven Reportagen von Claas Relotius sowie die sich immer mehr hochschaukelnde Auseinandersetzung um "Fake News", die von konservativen wie links verorteten politischen Gruppierungen gleichermaßen für ihre Zwecke instrumentalisiert werden.

Kurzzeitig war aufgrund der Diskussion fraglich, ob Menasse die Zuckmayer-Medaille erhalten könne. Als das von Ministerpräsidentin Malu Dreyer repräsentierte Land Rheinland-Pfalz sich entschloss, ungeachtet der Einwände an Menasse festzuhalten, höhnten nicht zuletzt diverse Internet-Medien, die SPD-Politikerin habe den als SPÖ-nahe geltenden Autor nicht fallenlassen wollen.

Malu Dreyer begründete freilich ihr Festhalten an Menasse mit dessen "beeindruckendem literarischen Gesamtwerk"; auch habe er mit seinem engagierten Streiten für die europäische Idee die politische Debatte um die Zukunft der EU sehr bereichert. In Gesprächen mit Menasse sei zudem Klarheit darüber hergestellt worden, dass die "vorbehaltlose Anerkennung von Fakten zum Wertefundament unserer liberalen Öffentlichkeit gehört", sagte Dreyer.

Fest steht aber auch, dass fiktive Texte ihre eigene Wahrheit bilden. Der deutsche Literaturkritiker Carsten Otte meint zu dem Fall: "Wahrheitsterror hat in der Erfindungskunst der Literatur nun wirklich nichts zu suchen."




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-18 17:20:31
Letzte Änderung am 2019-01-18 18:17:32



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