• vom 07.02.2019, 17:20 Uhr

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Nachruf

Botschafterin einer besseren Welt




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Von Edwin Baumgartner

  • Rosamunde Pilcher ist 94-jährig gestorben - sie verkaufte mehr als 60 Millionen Bücher.

Rosamunde Pilcher war eine der erfolgreichsten Autorinnen der Gegenwart.

Rosamunde Pilcher war eine der erfolgreichsten Autorinnen der Gegenwart.© dpa/Bodo Marks Rosamunde Pilcher war eine der erfolgreichsten Autorinnen der Gegenwart.© dpa/Bodo Marks

Die englische Schriftstellerin Rosamunde Pilcher ist am Donnerstag im Alter von 94 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben. Mehr als 100 ihrer Romane und Erzählungen hat das ZDF verfilmt und damit durchschnittlich sieben Millionen Zuschauer vor die Fernsehapparate gelockt. Auch der ORF strahlt die Pilcher-Verfilmungen mit großem Erfolg aus.

Rosamunde Pilcher war ein Phänomen: Regelmäßig versetzte sie Literaturkritiker in Verzweiflung und ihre Leser in Entzückung. "Trivialliteratur" war das Verdikt der Fachleute, während sich ihre Leser von den 28 Romanen und unzähligen Kurzgeschichten regelmäßig verzaubern ließen. Rosamunde Pilcher gehört zu den Autoren, die selbst wenig literaturinteressierten Menschen ein Begriff sind - das gewiss auch, sicher aber nicht nur durch die Fernsehfilme.


Familiäre Geheimnisse
Ein Bild zeigt Rosamunde Pilcher in einer schottischen Landschaft hinter einem Schreibtisch an einer Schreibmaschine sitzend. Mit ihr schrieb sie ihre ersten literarischen Arbeiten, und sie blieb dabei. Auf gewisse Weise lebte Rosamunde Pilcher zwar in der Gegenwart, sie verweigerte sich ihr aber auch. Ihr Auftreten war das einer englischen Landlady, obwohl ihr Sohn, der Autor Robin Pilcher, nachrühmt, sie habe ihren Kindern eine erfreulich alternative Erziehung mit freiem Denken angedeihen lassen und sie habe selbst auch etwas Bohemienhaftes gehabt.

Ihre Bücher einfach als oberflächliche Liebesschnulzen abzutun, ist kurzsichtig und falsch. Ihre Figuren erfahren nämlich durchaus seelische Verwundungen. Immer wieder drehen sich ihre Geschichten um Lügen und verdrängte Familiengeheimnisse. Am Ende der Erzählungen können die Konflikte gerade noch gelöst werden. Damit war Rosamunde Pilcher auf gewisse Weise die Botschafterin einer besseren Welt, in der sich das Gute letzten Endes durchsetzt. Die Handlungen sind dabei stets eingebettet in ausführliche Beschreibungen von kornischen Landschaften, von Gärten und Interieurs, wie Rosamunde Pilcher es von ihrem Vorbild Jane Austen gelernt hat. Dass sie die humorvoll leichten Austen-Modelle nützte für süßliche Klischees und schablonenhafte Charakterzeichnungen, ist wohl wahr, ändert aber nichts daran, dass sie Menschen zum Lesen verführte, die unter anderen Umständen vielleicht nie ein Buch in die Hand genommen hätten.

Eine mehr oder weniger außerliterarische Parallele zu Jane Austen ist die Tatsache, dass beide Autorinnen von Reiseveranstaltern für ihre Zwecke entdeckt wurden. So gibt es längst nicht nur Jane-Austen-Reisen durch Südengland, sondern auch Rosamunde-Pilcher-Reisen nach Cornwall. Das mag wohl mehr mit den Filmen als mit den Romanen selbst zusammenhängen - dessen ungeachtet gab es für die Autorin im Jahr 2002 den British Tourism Award. Im gleichen Jahr wurde ihr der Titel eines Officer of the Order of the British Empire verliehen.

Später Erfolg
Seit ihrem 15. Lebensjahr schrieb die als Rosamunde Scott in Lelant, Cornwall, geborene Tochter eines in Burma stationierten Marineoffiziers. Nach dem Schulabschluss trat sie 1942 dem freiwilligen Dienst des Women’s Royal Naval Service bei. Zusätzlich arbeitete sie als Sekretärin im Außenministerium. 1943 wurde sie nach Indien berufen, wo sie sich bis Kriegsende aufhielt. 1946 heiratete sie den Textilunternehmer Graham Pilcher und zog mit ihm in den Ort Longforgan bei Dundee in Schottland, wo sie seither wohnte.

Ende der 1940er Jahre begann sie unter dem Pseudonym Jane Fraser Kurzgeschichten und Liebesgeschichten für Frauenmagazine zu schreiben. Angeblich hat keines ihrer vier Kinder davon etwas mitbekommen.

Ihr Durchbruch kam spät, nämlich erst 1987 mit der Familiensaga "The Shell Seekers" ("Die Muschelsucher"). Mehr als 60 Millionen verkaufte Bücher weltweit haben Rosamunde Pilcher in der Folge zu einer der erfolgreichsten Autorinnen der Gegenwart gemacht. Im Jahr 2000 erschien der Roman "Wintersonne", der ihr letzter bleiben sollte. Am 7. Juni 2012 gab die zu diesem Zeitpunkt 87 Jahre alte Schriftstellerin bekannt, dass sie mit dem Schreiben aufhöre, sie fühle sich zu alt, um weiterzuarbeiten.




Schlagwörter

Nachruf, Rosamunde Pilcher

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Dokument erstellt am 2019-02-07 17:26:13



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