• vom 10.02.2019, 15:00 Uhr

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Else Lasker Schüler, alias "Prinz Jussuf von Theben"




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Mit ihrer Lyrik war Else Lasker-Schüler die Radikalste unter den Radikalen. Zusammen mit ihrem zweiten Mann Herwarth Walden, dem Gründer der Zeitschrift "Der Sturm", die ein Sprachrohr der Expressionisten wurde, kämpfte sie an der Spitze der Avantgarde für die Moderne im Berlin der Kaiserzeit und prägte die Entwicklung der expressionistischen Literatur und Kunst in erster Reihe mit.

Im "Sturm" erschien 1910 erstmals "Ein alter Tibetteppich", heute eines von Else Lasker-Schülers bekanntesten Gedichten, das auch Karl Kraus in der "Fackel" abdruckte. Darin beschreibt die Dichterin mit suggestiver Sprachartistik eine Liebesbeziehung, erzählt von Seelen, die miteinander "im Teppichtibet verwirkt" sind, und himmelt den "Lamasohn auf Moschuspflanzenthron" an.

Mit ihrem literarischen und künstlerischen Werk schuf sich Else Lasker-Schüler ihren eigenen Mythos, ein Konglomerat aus syrisch-ägyptischen, griechischen, jüdischen und christlichen Welten.

In den Orient verlegte sie die phantastische Wahlheimat ihres wichtigsten Alter Ego, "Prinz Jussuf von Theben", den sie dichterisch und zeichnerisch immer wieder auftreten ließ. Er wurde von ihr als Leitmotiv, als inner- und außerliterarische Spielfigur geschaffen, durch die sie etwa im eigenhändig illustrierten, 1919 erschienenen Roman "Der Malik" mit dem im Ersten Weltkrieg gefallenen engen Malerfreund Franz Marc in Dialog trat. Daneben imaginierte sich die Poetin, die auch ihren realen Freunden aus der Berliner Künstlerbohème der 1910er Jahre Phantasienamen verpasste, in die Figur des "Tino von Bagdad" und in indianische Ich-Figurationen wie "Der Blaue Ja-guar", "Pampa" oder "Pampeia".

Verlorene Heimat

Ist Else Lasker-Schülers erster Lyrikband "Styx" (1902) noch vom Impressionismus geprägt, trägt ihr Gedichtband "Der siebente Tag" (1905) schon den Ton des jungen Expressionismus. Lebensfroh und daseinsbejahend wie ihre dritte Lyriksammlung, "Meine Wunder" (1911), kommen diese Bücher daher, während später, unter dem Eindruck der Zeitereignisse, ein immer düsterer Ton ihre Dichtung prägt. In ihrem im Jerusalemer Exil entstandenen letzten Lyrikband "Mein blaues Klavier" (1943), der einige der bedeutendsten Exilgedichte deutscher Sprache enthält, mündet diese Verdüsterung in tiefen Schmerz, Einsamkeit und in die große Trauer um die verlorene Heimat.

Das blaue Klavier des titelgebenden elegischen Gedichts wird zur Metapher unerfüllter Sehnsüchte und zum Ausdruck tiefer Heimatlosigkeit, die sie ausgerechnet in dem Land erfährt, das ihr stets als Projektionsfläche ihrer Phantasien gedient hatte.

Während sie als Avantgardistin der Moderne und des Expressionismus in der deutschen Literaturgeschichte einen exponierten Platz einnimmt, ist Else Lasker-Schüler als Poetin der Zeichenfeder noch immer weniger bekannt.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-02-08 15:05:08
Letzte Änderung am 2019-02-08 15:30:22



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