• vom 11.02.2019, 16:29 Uhr

Autoren

Update: 11.02.2019, 17:18 Uhr

Genreliteratur

Hach, ist das schön!




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (11)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Edwin Baumgartner

  • Rosamunde Pilchers Romane sind ein Äquivalent zum Urlaub.

Geht es einem nach einem Buch besser, ist es Kitsch, geht es einem nach einem Buch schlechter, ist dessen Autor ein Genie. So ungefähr lautet die Hochfeuilletonistengleichung für Hochliteratur. - © Kengmerry

Geht es einem nach einem Buch besser, ist es Kitsch, geht es einem nach einem Buch schlechter, ist dessen Autor ein Genie. So ungefähr lautet die Hochfeuilletonistengleichung für Hochliteratur. © Kengmerry

Jetzt haben sie ihr noch ins Grab nachgetreten, der vergangenen Mittwoch verstorbenen Rosamunde Pilcher. Zugegeben, es waren sanfte Tritte. Das deutschsprachige Feuilleton ist schon ganz anders über die britische Autorin hergefallen. Aber "Kitsch" und "Königin des Schnulzenromans" musste doch noch sein und "seichte Unterhaltung" auch. Weil‘s wahr ist und man sowas ja wohl noch schreiben wird dürfen. Wobei die Bezeichnungen mindestens so schablonenhaft auf die Autorin herabregnen, wie ihre Bücher sein sollen. Um deren differenziertere Bewertung man sich übrigens mit dem Verweis auf die Filme herumdrückt. Gerade einmal Anna Basener (auf "Zeit online") singt, nicht ohne Ironie, aber doch deutlich zu vernehmen, das Lob der Pilcher.

Dem kann man sich nur anschließen.

Wohlfühlromane und Depressionsgeschichten

Gewiss: Dass die Pilcher kein Goethe war, oder, um im angloamerikanischen Raum zu bleiben, auch keine Emily Brontë und kein Thomas Hardy, versteht sich von selbst. Aber wer ist schon von der sogenannten Hochliteratur ein Goethe, eine Emily Brontë, ein Thomas Hardy? Unweigerlich kommt einem die grandiose ironische Miniatur des russischen Großmeisters des Absurden Daniil Charms in Erinnerung: "Puschkin ist ein großer Dichter. Napoleon ist nicht so großartig wie Puschkin. Und Bismarck ist im Vergleich zu Puschkin ein Nichts. Und Alexander I. und II. und III. sind nur Seifenblasen im Vergleich zu Puschkin. Überhaupt sind alle Menschen Seifenblasen im Vergleich zu Puschkin, nur im Vergleich zu Gogol ist Puschkin selbst eine Seifenblase. Und deshalb schreibe ich Ihnen anstatt über Puschkin lieber etwas über Gogol."

So mögen sich die Hochfeuilletonisten über die Höhe der von ihnen als Hochliteratur gepriesenen Hervorbringungen streiten, während man als Leser zur guten alten Pilcher greift, weil man sich entspannen und unterhalten und ganz einfach gut fühlen will.

Aber dazu ist die Literatur nicht da, donnern im einstimmigen Chor die Hochfeuilletonisten, Literatur hat unbequem zu sein, und wenn der Leser nach der Lektüre nicht am besten Antidepressiva braucht, um wieder ein halbwegs normales Leben führen zu können, zumindest aber verstört ist und verunsichert und voller Fragen das Buch zuschlägt, dann ist es ein Trivialautor. Geht es einem nach einem Buch besser, ist es Kitsch, geht es einem nach einem Buch schlechter, ist dessen Autor ein Genie. So ungefähr lautet die Hochfeuilletonistengleichung für Hochliteratur. Auf diese Weise führt von der Suizid-Welle im Gefolge von Goethes "Werther" ein schnurgerader Weg zu Brechts offenen Fragen am Schluss seines Dramas "Der gute Mensch von Sezuan".

Diese Einstellung allerdings ist sehr deutsch und ein bisschen auch französisch, aber wirklich nur ein bisschen, weil die Franzosen andernfalls nicht wüssten, was sie mit ihrer Colette machen sollten und mit ihrem Boris Vian, nur englisch ist sie nicht. Den Briten war die Unterscheidung zwischen Hoch- und Trivialliteratur von jeher völlig gleichgültig. Vielleicht, weil sie von Anfang an Autoren hatten, die unterhalten wollten. Das beginnt bei den "Canterbury Tales" von Geoffrey Chaucer, die man heute noch mit Amüsement lesen kann, während das ein Jahrhundert ältere Nibelungenlied. . . Ja, sowieso, eine große Dichtung, unbestritten. Tragischer Nibelungentod bei Etzel hier - ein knallbuntes Sammelsurium von Bürgern und Handwerkern mit knallbunten, oft erotisch aufgeladenen, witzigen, auch einmal tragischen Erzählungen dort. Und so geht es weiter. Ein Stevenson, ein Dickens, ein Wilde hätten, rein literarisch gesprochen, niemals Deutsche sein können - oder vielmehr: Sie hätten es sein können, aber sie wären dem gerümpfter Nasen ausgesprochenen Verdikt, keine Hochliteratur zu sein zum Opfer gefallen. Selbst bei Shakespeare bedarf es des Regietheaters, um ihm den hohen Unterhaltungswert auszutreiben. "Macbeth" - ein Psychopathenthriller? "Ein Sommernachtstraum" - eine lustvolle Schweinigelei? Bitte nicht in den hehren deutschen Bildungstheaterhallen. Theater zum puren Vergnügen - das darf nicht sein! Feydeau und Labiche und ihr Nachfolger Marc Camoletti sind einfach keine Literatur, hochfeuilletonistisch gesprochen.

Allerdings haben diese Autoren und, ja, auch die Pilcher und die anderen Liebesgeschichten und die Kriminalromanautoren ihre Existenzberechtigung. Sie versorgen den Leser mit Vergnügen.

Zum Beispiel die Liebesromane: Kitsch? Gleich am Anfang weiß man, hat es in einem der Pilcher-Nachrufe spöttisch geheißen, wie es ausgeht, nämlich gut. Das lässt sich trefflich umdrehen. Auch in einer hochliterarischen Liebesgeschichte weiß man gleich am Anfang, wie sie ausgeht. Nämlich schlecht. Der Vorteil beim gepilcherten Liebesroman ist freilich das Wohlgefühl des Lesers. Das Streben nach Harmonie mag man kritikerseits als unzeitgemäß abtun (wie man ja auch die Neue Musik nur dann zu loben pflegt, wenn sie möglichst dissonant daherkommt). Es ist aber eine Frage der Perspektive: Wenn man sich berufsbedingt mit Literatur befasst, wird man ein völlig anderes Koordinatensystem aufstellen, als ein Mensch, der einem literaturfernen Beruf nachgeht und zu seinem Vergnügen liest oder liest, weil er sich in eine Welt versetzen will, in der Konflikte eine Lösung erfahren (und der Böse, wenn es einen gibt, seine gerechte Strafe bekommt). Genau das haben die Autoren sogenannter engagierter Literatur nie verstanden: Schon in den 1920er Jahren ist die Arbeiterliteratur nicht von den Arbeitern, sondern von den Intellektuellen gelesen worden, während die Arbeiter sich bei Trivialromanen von den Alltagsmühen erholten.

Heute ist es nicht grundlegend anders. Vielleicht wäre es eine soziologische Untersuchung wert, ob der in jeder Buchhandlung mühelos festzustellende Boom an Krimis und Liebesgeschichten mit der gestiegenen Berufsbelastung zusammenhängt: je höher der Alltagsstress, desto größer das Bedürfnis nach Eskapismus.

Das Recht auf Urlaub

Das Fernsehen hat das verstanden und liefert etwa die Pilcher-Liebesgeschichten samt kornischen Traumlandschaften ebenso ins Haus wie die Donna-Leon-Krimis aus der Kultstadt Venedig samt einem André-Rieu-Walzer als Titelmelodie. Und, ja: Das kann man getrost mögen dürfen, ohne sich dafür zu genieren. Es ist ja Unterhaltung, also Urlaub für den Intellekt.

Und bei der Literatur wäre das ein Odium, dem man ausweichen muss um jeden Preis?

In Wahrheit ist es doch so: Wenn die Griechenland-Ferien und die Italien-Urlaube ihre Berechtigung haben, woran niemand zweifelt, dann haben auch die Bücher der Pilcher, die Liebesromane und Krimis, dann hat das ganze Sammelsurium an angeblicher Kitsch- und Trivialliteratur seine Berechtigung. Am Ende ist vielleicht sogar ein gut gepilcherter Liebesroman mehr wert als ein hochliterarischer Versuch der Weltendekonstruktion. Freilich sei es jedem unbenommen, sich von diesem in Trübsinn versetzen zu lassen. Aber niemand schaue auf Autoren herab, die ihren Lesern ganz einfach das bereiten wollen, worauf jeder ein Recht hat: sich gut zu fühlen.





1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-02-11 16:35:15
Letzte Änderung am 2019-02-11 17:18:29



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Bohemien und Intellektueller
  2. täglich
  3. Die andere Elizabeth Taylor
Meistkommentiert
  1. Thomas Bernhard, noch immer - naturgemäß
  2. Rosamunde Pilcher verstorben
  3. Else Lasker Schüler, alias "Prinz Jussuf von Theben"

Werbung





Werbung