• vom 09.02.2012, 16:22 Uhr

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Update: 09.02.2012, 17:35 Uhr

Literatur

Im Schatten von Riesen




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Von Klaus Stimeder

  • Der Übersetzer Tim Mohr ist eine rar gewordene Erscheinung im amerikanischen Buchgeschäft
  • Tim Mohr ist ein Hintergrundwerker, der großen Namen Brillanz verleiht.

Tim Mohr wohnt in Park Slope, einem beschaulichen Stadtteil Brooklyns.

Tim Mohr wohnt in Park Slope, einem beschaulichen Stadtteil Brooklyns.© © Martin Fuchs Tim Mohr wohnt in Park Slope, einem beschaulichen Stadtteil Brooklyns.© © Martin Fuchs

New York. Glück ist ein großes Wort, deshalb muss man sich Tim Mohr vielleicht nicht als glücklichen, auf jeden Fall aber als zufriedenen Menschen vorstellen. Als einen von jener Sorte, die selten geworden ist in einer Welt, in der es möglich ist, sämtliche Grenzen der Selbstdarstellung zu sprengen, in der Hoffnung, dass bei unseren echten und falschen Freunden etwas hängen bleibt. Tim Mohr ist auch auf Facebook und Twitter, aber was für seine Arbeit gilt, gilt auch privat: Jegliche Coolnessheischerei und das damit einhergehende Ringen um Anerkennung spielt es mit ihm nicht. Das heißt freilich nicht, dass Mohr ein von Eitelkeit befreiter Mensch ist. Im Gegenteil. Nur: "Immer, wenn mich die Leute fragen, ob sie meinen Namen aufs Cover eines Buchs schreiben sollen, an dem ich gearbeitet oder zu dem ich zumindest einen großen Teil beigetragen habe, lehne ich. Nicht, weil ich nicht gern meinen Namen lesen würde. Aber seien wir ehrlich: Die meisten Bücher, an denen ich schreibe, kaufen die Leute nicht wegen mir."

Sein bislang letztes, dieser Tage in den USA erscheinendes Werk bildet nur einen weiteren Beleg für diese Philosophie. Es trägt den Titel "The Last Holiday". Sein offizieller Autor lautet Gil Scott-Heron - und ist schon seit über einem halben Jahr tot. Die schwarze Soul/Jazz-Ikone, die sich auch als Dichter und Romanschreiber übte ("The Vulture"), starb im Mai vergangenen Jahres. Die Todesursache ist nicht bekannt; die Annahme liegt aber nahe, dass der Schöpfer von Klassikern wie "The revolution will not be televised" und "The Bottle" den Folgen seines Drogenkonsums erlag.


An Mohr lag es, den Nachlass zu bearbeiten. Eine so ehrenvolle wie abendfüllende Aufgabe: "Ich hatte keine Angst vor dem Projekt, aber großen Respekt. Weil ich schlicht auch ein Fan war und bin." Am Ende kam eine rund 300 Seiten starke Biographie heraus, die zum Standardwerk über Leben und Werk Scott-Herons werden dürfte. Der Lohn der Arbeit: eine Zeile im Impressum, in dem der Verlag "dankbar den außerordentlichen Beitrag Tim Mohrs anerkennt". Ihm reicht das.

Der (de facto) Ghostwriter-Hut, den er sich im Fall von "The Last Holiday" aufgesetzt hat, ist nur einer von vielen. Tim Mohr verdient sein Geld unter anderem als: Autor, Übersetzer, Lektor, Journalist, Kritiker und Lehrer (die Reihenfolge ist beliebig). In jedem einzelnen dieser Metiers hat er ein so aufregendes wie erfolgreiches Jahr hinter sich, was dazu führte, dass der "bekennende Hintergrundwerker" jetzt immer öfter vor den Vorhang muss. Seine Übersetzung von Alina Bronskys Roman "Die schärfsten Gerichte der tartarischen Küche" ins amerikanische Englisch nahm das wichtigste Branchenblatt "Publishers Weekly" in seine Liste der "Bücher des Jahres" auf; die Los Angeles Public Library, eine der größten öffentlichen Bibliotheken der Welt, ernannte den Bronsky-Roman und ein anderes im vergangenen Jahr erschienenes Werk Mohrs zu zwei der "Besten Bücher 2011". Im Feuilleton der "New York Times" tat er sich als so wortgewandter wie forscher Gelegenheitskritiker für ausländische, vorwiegend deutschsprachige Literatur hervor.

Von der Mediävistik zum DJ
So unterschiedlich die jeweiligen Aufgaben waren und sind, und obwohl er sich dabei in der Regel bewusst im Hintergrund hält: Mohr hat "wirklich an jeder einzelnen Spaß. Sonst ginge das gar nicht." Selbst an Verrissen, wie im Fall des seiner Meinung nach überschätzten Daniel Kehlmann, dessen Roman "Ruhm" er im Oktober in der "Times" veriss, was, wie er betont, "nicht nur an der Qualität der Übersetzung lag".

Tim Mohr spricht und versteht Deutsch. Als das im Speckgürtel von Washington D.C. aufgewachsene Lehrerkind Anfang der Neunziger beschloss, nach dem Studienabschluss (Yale, Mediävistik) seiner Heimat den Rücken zu kehren, führte ihn sein Weg an einen Ort, der "damals noch nicht wusste, was er sein will und was nicht. Eine wunderbare Stadt. Bis heute die beste, die es auf der Welt gibt." Die Rede ist von Berlin, in die sich Mohr zunächst als Lektor an der Humboldt-Uni und in der Folge als Nachtarbeiter verliebte; sieben Jahre lebte Mohr ausschließlich als DJ. Mehr durch Zufall als durch Absicht begann er zu schreiben, für US-Zeitungen, die ihm wenig zahlten, aber seine Lust weckten. "Ich hätte ewig in Berlin bleiben können. Aber ich hatte eine romantische Vorstellung davon, nach New York zu ziehen und eine Karriere als Schreiberling einzuschlagen."

Ohne jegliche Kontakte bewirbt sich Mohr 1999 bei "Playboy" - und findet sich keine paar Monate später als Assistent des Literaturressorts an einem Schreibtisch in Manhattan wieder. Im Laufe der Jahre arbeitet er sich zum für die Musik- und Politikseiten verantwortlichen Redakteur hoch und findet so mit einer Reihe von Leuten zusammen, deren Namen im Pantheon amerikanischer Gegenkultur Aufnahme gefunden haben: Harvey Pekar, John Dean, George McGovern, Mark Ames, Matt Taibbi oder Hunter S. Thompson.

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Literatur, Autoren

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2012-02-09 16:29:12
Letzte Änderung am 2012-02-09 17:35:12


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